Brasilien stimmt über seine politische Richtung ab

In Brasilien läuft heute die erste Runde der Präsidentschafts- und Parlamentswahl.

Nach Angaben des Obersten Wahlgerichts sind 158.765.543 Menschen wahlberechtigt. Die Wahllokale sind von 8 bis 17 Uhr Ortszeit geöffnet.

Gewählt werden neben Präsident und Vizepräsident auch Gouverneure, Senatoren sowie Abgeordnete für Bundes- und Regionalparlamente.

Erreicht bei der Präsidentschaftswahl niemand mehr als 50 Prozent der gültigen Stimmen, findet am 25. Oktober eine Stichwahl statt.

Lula will eine vierte Amtszeit

Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva tritt erneut an.

Der 80-Jährige regierte Brasilien bereits von 2003 bis 2010 und kehrte 2023 nach seinem knappen Wahlsieg gegen Jair Bolsonaro ins Präsidentenamt zurück.

Lula setzt im Wahlkampf auf Sozialprogramme, staatliche Investitionen und eine stärkere Rolle des Staates in der Wirtschaft.

Seine Regierung verweist auf sinkende Arbeitslosigkeit und Fortschritte bei der Armutsbekämpfung.

Gleichzeitig belasten hohe Lebenshaltungskosten, Staatsverschuldung und Korruptionsvorwürfe das politische Klima.

Flávio Bolsonaro fordert Lula heraus

Lulas wichtigster Gegenkandidat ist Senator Flávio Bolsonaro.

Er ist der Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro und steht politisch für einen deutlich konservativeren Kurs.

Flávio Bolsonaro fordert unter anderem niedrigere Staatsausgaben, Privatisierungen und eine wirtschaftspolitische Annäherung an die Vereinigten Staaten.

Zudem hat er angekündigt, sich für eine Amnestie seines Vaters einzusetzen.

Jair Bolsonaro war nach dem Machtwechsel 2023 wegen seiner Rolle bei dem Versuch, das Ergebnis der Wahl von 2022 zu kippen, verurteilt worden.

Umfragen zeigen ein enges Rennen

Die letzten Umfragen vor der Wahl zeigen ein sehr knappes Bild.

Mehrere Institute sahen Lula in der ersten Runde leicht vor Flávio Bolsonaro.

Für eine mögliche Stichwahl lagen beide jedoch teilweise innerhalb der statistischen Fehlertoleranz.

Damit dürfte erst die tatsächliche Wahl zeigen, wie stark die beiden politischen Lager wirklich sind.

Brasilien bleibt tief polarisiert

Der Wahlkampf war stark von gegenseitiger Ablehnung geprägt.

Umfragen zeigen, dass sowohl Lula als auch Bolsonaro von großen Teilen der Bevölkerung entschieden abgelehnt werden.

Diese Polarisierung reicht weit über einzelne politische Sachfragen hinaus.

Sie betrifft den Umgang mit Justiz, Medien, Wirtschaft und demokratischen Institutionen.

Damit wird die Wahl auch zu einem Test dafür, ob sich Brasilien politisch stabilisieren kann.

Wirtschaft ist das wichtigste Alltagsthema

Für viele Wähler steht jedoch weniger Ideologie als der Alltag im Vordergrund.

Lebensmittelpreise, Mieten, Energie und Kredite belasten Millionen Haushalte.

Brasiliens Staatsverschuldung liegt inzwischen bei mehr als 82 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Hohe Zinsen erschweren Investitionen und verteuern Kredite.

Lula setzt stärker auf Sozialpolitik und staatliche Programme.

Bolsonaro verspricht dagegen Ausgabenkürzungen, Privatisierungen und einen wirtschaftsfreundlicheren Kurs.

Korruptionsskandal belastet den Wahlkampf

Zusätzlich überschattet ein großer Finanzskandal um Banco Master den Wahlkampf.

Politiker verschiedener Lager werden mit dem Fall in Verbindung gebracht.

Auch Flávio Bolsonaro geriet dadurch unter politischen Druck.

Der Skandal verstärkt das Misstrauen vieler Brasilianer gegenüber politischen Eliten.

Korruption gehört seit Jahren zu den wichtigsten Themen brasilianischer Wahlkämpfe.

Einfluss der USA sorgt für Streit

Besonders ungewöhnlich ist die internationale Dimension der Wahl.

US-Präsident Donald Trump hat sich offen positiv über Flávio Bolsonaro geäußert.

Lula wiederum wirft Washington vor, sich in die brasilianische Innenpolitik einzumischen.

Seine Regierung sieht auch US-Zölle und politischen Druck im Zusammenhang mit dem Wahlkampf kritisch.

Brasilianische Sicherheitsbehörden informierten zuletzt sogar deutsche und französische Vertreter über mutmaßliche ausländische Einflussversuche.

Brasilien ist geopolitisch wichtiger geworden

Die Bedeutung der Wahl reicht weit über Lateinamerika hinaus.

Brasilien ist die größte Volkswirtschaft der Region und Mitglied der G20 sowie der BRICS-Gruppe.

Das Land verfügt über enorme Rohstoffreserven, große Agrarflächen und einen erheblichen Anteil am Amazonas-Regenwald.

Zudem pflegt Brasilien enge Handelsbeziehungen sowohl mit China als auch mit den USA und der Europäischen Union.

Ein außenpolitischer Kurswechsel könnte daher Auswirkungen auf Handelsabkommen, Klimapolitik und internationale Bündnisse haben.

Verhältnis zu China steht auf dem Spiel

China ist einer der wichtigsten Handelspartner Brasiliens.

Brasilien exportiert große Mengen Soja, Eisenerz, Fleisch und andere Rohstoffe nach China.

Lula hat die Beziehungen zu Peking in seiner Amtszeit weiter ausgebaut.

Flávio Bolsonaro steht dagegen für eine stärkere politische Nähe zu Washington.

Damit berührt die Wahl auch den globalen Machtkampf zwischen den USA und China.

Europa schaut ebenfalls genau hin

Für Europa ist Brasilien vor allem wegen des geplanten EU-Mercosur-Abkommens wichtig.

Das Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und mehreren südamerikanischen Staaten wird seit Jahren kontrovers diskutiert.

Brasilien spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Auch Klimapolitik und Schutz des Amazonas sind für die Beziehungen zur EU von großer Bedeutung.

Die künftige Regierung in Brasília wird deshalb direkten Einfluss auf Europas Verhältnis zu Südamerika haben.

Auch das Parlament wird neu gewählt

Die Präsidentschaftswahl ist nur ein Teil des heutigen Urnengangs.

Gleichzeitig wird ein großer Teil des Kongresses neu bestimmt.

Das ist entscheidend.

Denn selbst ein Präsident mit starkem Wahlergebnis kann in Brasilien kaum regieren, wenn ihm im Parlament stabile Mehrheiten fehlen.

Koalitionen und politische Bündnisse werden deshalb auch nach der Wahl eine zentrale Rolle spielen.

Das Ergebnis könnte Lateinamerika verändern

Brasilien ist politisch und wirtschaftlich das Schwergewicht Südamerikas.

Entsprechend aufmerksam verfolgen Nachbarstaaten die Wahl.

In mehreren Ländern Lateinamerikas haben sich die politischen Kräfteverhältnisse zuletzt deutlich verändert.

Ein Machtwechsel in Brasília würde diese Entwicklung weiter beeinflussen.

Ein Sieg Lulas würde dagegen Kontinuität bedeuten.

Welche Richtung Brasilien einschlägt, entscheidet sich möglicherweise erst am 25. Oktober.

Heute fällt zunächst die erste Entscheidung.