KÖLN/BREMEN. Der frühere Bundespräsident Christian Wulff hält auch 16 Jahre später an einer der bekanntesten und zugleich am stärksten diskutierten Aussagen seiner Amtszeit fest.

Auf die Frage, wie er heute zu seinem Satz über den Islam in Deutschland stehe, erklärte der CDU-Politiker in einem Interview mit DOMRADIO.DE: „Ich würde es heute genauso wieder sagen, die ganze Rede vom dritten Oktober vor 16 Jahren.“

Wulff hatte am 3. Oktober 2010 beim Festakt zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit in Bremen erklärt:

„Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“

Der Satz löste damals eine intensive gesellschaftliche und politische Debatte aus, die bis heute anhält.

Wulff verweist auf Millionen Muslime in Deutschland

Seine Position begründet Wulff heute vor allem mit der gesellschaftlichen Realität.

In Deutschland lebten inzwischen mehr als sechs Millionen Musliminnen und Muslime, sagte der ehemalige Bundespräsident. Viele von ihnen seien deutsche Staatsbürger. Sie hätten Moscheen, Imame und islamischen Religionsunterricht.

Für Wulff gehört dazu allerdings auch eine klare Voraussetzung: Islamisches Leben müsse sich auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen.

Moscheen, Religionsunterricht und religiöse Strukturen müssten nach seiner Auffassung so gestaltet sein, dass sie zu einem gesellschaftlichen Miteinander und nicht zu einem Gegeneinander beitragen.

Wulff betonte zudem die Bedeutung der deutschen Sprache.

Der ursprüngliche Satz war Teil einer größeren Integrationsrede

In der öffentlichen Debatte wird Wulffs Aussage häufig auf die Formulierung „Der Islam gehört zu Deutschland“ verkürzt.

Tatsächlich stand der Satz 2010 in einem größeren Zusammenhang.

Wulff sprach damals davon, dass Zugehörigkeit zu Deutschland nicht allein über Herkunft, Familiengeschichte oder Religion definiert werden dürfe.

Gleichzeitig forderte er mehr Integrations- und Sprachkurse, islamischen Religionsunterricht durch in Deutschland ausgebildete Lehrer und eine konsequentere Durchsetzung von Regeln und Pflichten.

Seine damalige Botschaft verband damit gesellschaftliche Zugehörigkeit mit der Erwartung von Integration und der Anerkennung der staatlichen Ordnung.

Aussage sorgte schon 2010 für Widerspruch

Wulffs Formulierung stieß unmittelbar nach seiner Rede auf Zustimmung und Kritik.

Ein Teil der Politik sah darin ein wichtiges Signal an Millionen Muslime, die dauerhaft in Deutschland leben.

Andere widersprachen der Aussage und trennten zwischen Muslimen als Teil der deutschen Gesellschaft und dem Islam als Religion beziehungsweise kultureller Tradition.

Diese Unterscheidung prägt die Debatte bis heute.

Auch innerhalb von CDU und CSU gab es immer wieder Stimmen, die erklärten, Muslime gehörten selbstverständlich zu Deutschland, daraus folge jedoch nicht automatisch, dass der Islam selbst zur historisch-kulturellen Identität Deutschlands gehöre.

Was die Zahlen tatsächlich zeigen

Die genaue Zahl der Muslime in Deutschland lässt sich nicht aus einer laufenden amtlichen Religionsstatistik ablesen.

Die bislang maßgebliche große Untersuchung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge kam für das Jahr 2019 auf rund 5,3 bis 5,6 Millionen muslimische Religionsangehörige mit Migrationshintergrund aus muslimisch geprägten Herkunftsländern.

Das entsprach damals etwa 6,4 bis 6,7 Prozent der Bevölkerung.

Menschen ohne Migrationshintergrund, die zum Islam konvertiert sind, konnten in dieser Hochrechnung nicht vollständig berücksichtigt werden.

Wulffs aktuelle Angabe von mehr als sechs Millionen Muslimen liegt damit oberhalb der letzten umfassenden amtlichen Hochrechnung, bezieht sich jedoch auf eine inzwischen deutlich spätere Bevölkerungsentwicklung.

Eine unmittelbar vergleichbare neue amtliche Gesamtzahl liegt bislang nicht vor.

Wulff fordert zugleich stärkere Integration

Die erneute Bekräftigung seines Satzes ist deshalb nicht als uneingeschränktes Bekenntnis zu sämtlichen religiösen oder gesellschaftlichen Entwicklungen innerhalb muslimischer Gemeinschaften zu verstehen.

Wulff verbindet seine Aussage ausdrücklich mit Bedingungen.

Religiöses Leben müsse mit dem Grundgesetz vereinbar sein, Integration unterstützen und dürfe gesellschaftliche Gruppen nicht voneinander abschotten.

Damit knüpft er auch 2026 an einen wesentlichen Teil seiner Rede von 2010 an: Deutschland könne vielfältiger werden, ohne seine gemeinsamen Regeln und Werte aufzugeben.

Debatte nach 16 Jahren nicht beendet

Dass Wulff seinen Satz heute erneut verteidigt, zeigt zugleich, wie wenig die dahinterstehende Grundsatzfrage an politischer Bedeutung verloren hat.

Migration, Integration, Religionsfreiheit und die Frage nach einer deutschen Leitkultur gehören weiterhin zu den zentralen gesellschaftspolitischen Konfliktthemen.

Wulff hat seine Antwort darauf nicht verändert.

Für den früheren Bundespräsidenten gehören die in Deutschland lebenden Muslime zur Gesellschaft – und auch der Islam ist inzwischen Teil des Landes.

Seine Forderung verbindet er jedoch mit einem ebenso klaren zweiten Teil: Maßstab für das Zusammenleben bleiben das Grundgesetz, die deutsche Sprache und gemeinsame gesellschaftliche Regeln.