Berlin – Eine Notaufnahme soll Menschen helfen, die dringend medizinische Versorgung benötigen. Doch immer häufiger müssen Ärzte und Pflegekräfte gleichzeitig auf ihre eigene Sicherheit achten.
Beschimpfungen, Drohungen, Schläge und aggressive Angehörige gehören in vielen Krankenhäusern inzwischen zum Arbeitsalltag. Besonders brisant sind Berichte aus Berlin, wo Beschäftigte zusätzlich von Situationen mit größeren Familienverbänden und einzelnen bekannten Clanstrukturen berichten.
95 Prozent der Kliniken melden Gewalt in Notaufnahmen
Das Problem ist längst kein Einzelfall.
Nach einer bundesweiten Erhebung haben 95 Prozent der Krankenhäuser Übergriffe in ihren Notaufnahmen registriert. Zwei Drittel der Kliniken berichten, dass die Zahl der Vorfälle gestiegen ist.
Besonders häufig trifft es Pflegekräfte.
Auch eine Befragung unter Ärzten zeigt die Dimension: 66 Prozent haben nach eigenen Angaben im beruflichen Umfeld bereits Gewalt erlebt. Fast jeder zweite Betroffene berichtete dabei auch von körperlichen Übergriffen.
Notaufnahmen gelten innerhalb der Krankenhäuser als besonderer Brennpunkt.
Berliner Mitarbeiter berichten von Clanbezug
In Berlin kommt eine weitere Dimension hinzu.
Ärzte, Pflegekräfte und Sicherheitsmitarbeiter berichten von Fällen, in denen Verletzte aus Auseinandersetzungen zwischen größeren Gruppen in eine Klinik gebracht werden und kurz darauf zahlreiche Angehörige oder Bekannte vor der Rettungsstelle erscheinen.
Dabei berichten Beschäftigte ausdrücklich auch von arabischstämmigen Gruppen und einzelnen Familien, die den Sicherheitsbehörden aus dem Clanmilieu bekannt sind.
Die Mitarbeiter schildern ein wiederkehrendes Problem: Mehrere Personen treten gleichzeitig auf, verlangen Zugang zu Patienten, wollen Entscheidungen des medizinischen Personals beeinflussen oder akzeptieren Wartezeiten und Zugangsbeschränkungen nicht.
Besonders angespannt wird die Situation nach Messerstechereien oder Schussverletzungen.
Wenn plötzlich 20, 30 oder mehr Angehörige auftauchen
Einzelne Beschäftigte berichten von Situationen, in denen nach der Einlieferung eines Patienten innerhalb kurzer Zeit mehrere Dutzend Angehörige und Bekannte vor einer Klinik auftauchen.
Dann kann aus einer medizinischen Behandlung innerhalb weniger Minuten ein größerer Sicherheitseinsatz werden.
Zugänge müssen kontrolliert, Behandlungsbereiche geschützt und zusätzliche Sicherheitskräfte angefordert werden. Teilweise wird auch die Polizei hinzugezogen.
Für das Personal bedeutet das eine doppelte Belastung: Einerseits muss ein möglicherweise lebensgefährlich verletzter Patient behandelt werden, andererseits muss verhindert werden, dass sich Konflikte aus dem öffentlichen Raum innerhalb des Krankenhauses fortsetzen.
Andere Patienten können die Folgen spüren
Besonders problematisch wird es, wenn eine solche Lage den normalen Betrieb der Rettungsstelle beeinträchtigt.
Beschäftigte berichten, dass bei größeren Polizeieinsätzen Zufahrten oder einzelne Bereiche zeitweise abgesichert werden müssen. Dadurch können Abläufe erheblich verlangsamt werden.
Im Extremfall müssen Rettungswagen auf andere Krankenhäuser ausweichen oder Patienten länger warten.
Damit trifft die Eskalation nicht nur diejenigen, die an einem vorherigen Konflikt beteiligt waren. Sie kann auch Menschen betreffen, die mit einem Herzinfarkt, einem Unfall oder anderen akuten Beschwerden dringend medizinische Hilfe benötigen.
Mehr als 14.000 Polizeieinsätze an Berliner Krankenhäusern
Wie häufig Polizei in Berliner Kliniken benötigt wird, zeigen die Einsatzstatistiken.
Im Jahr 2025 rückten Beamte zu mehr als 14.000 Einsätzen an Berliner Krankenhäusern aus.
Dabei wurden mehr als 500 Körperverletzungen, über 200 Fälle von Nötigung und fast 300 Hausfriedensbrüche registriert.
Nicht jeder dieser Vorfälle ereignete sich in einer Notaufnahme und nur ein Teil hat einen Clanbezug.
Die Zahlen zeigen jedoch, dass Sicherheit inzwischen zu einem erheblichen Thema im Krankenhausbetrieb geworden ist.
Das Problem lässt sich nicht allein mit Migration erklären
So deutlich einzelne Berliner Berichte über Clan- und Großfamilienstrukturen sind, so wichtig ist eine Unterscheidung.
Es gibt keine belastbare bundesweite Statistik, nach der Gewalt in Krankenhäusern überwiegend von Menschen mit Migrationshintergrund ausgeht.
Krankenhäuser nennen zahlreiche Ursachen: Alkohol und Drogen, psychische Erkrankungen, Angst, Schmerzen, lange Wartezeiten und zunehmenden Respektverlust gegenüber Beschäftigten.
Auch Patienten und Angehörige ohne Migrationsgeschichte werden gewalttätig.
Die Besonderheit bestimmter Clanlagen besteht deshalb nicht allein in der Herkunft der Beteiligten. Problematisch ist vielmehr, wenn große, eng verbundene Gruppen geschlossen auftreten und dadurch zusätzlichen Druck auf das Krankenhaus ausüben.
Sicherheitsdienste kosten Krankenhäuser viel Geld
Immer mehr Kliniken beschäftigen professionelle Sicherheitsdienste.
Mitarbeiter kontrollieren Eingänge, begleiten problematische Patienten und greifen ein, wenn Situationen eskalieren.
Doch dieser Schutz kostet.
Ein Krankenhaus, das rund um die Uhr mehrere Sicherheitskräfte beschäftigen muss, trägt erhebliche zusätzliche Personalkosten. Gleichzeitig kämpfen viele Kliniken ohnehin mit steigenden Betriebskosten, Personalmangel und finanziellen Problemen.
Hinzu kommen Investitionen in Kameras, Notrufsysteme, Zugangskontrollen und spezielle Schulungen.
Bodycams und Panikräume werden diskutiert
Nach schweren Angriffen gehen einzelne Krankenhäuser inzwischen noch weiter.
Die Universitätsmedizin Mainz reagierte beispielsweise auf zwei Angriffe gegen Pflegekräfte mit zusätzlichen Sicherheitskräften und einer veränderten Alarmierungskette zur Polizei.
Geprüft werden dort auch Überwachungskameras und Bodycams.
Außerdem sollen sogenannte Panikräume entstehen. Beschäftigte könnten sich dort im Ernstfall zurückziehen und die Räume von innen sichern.
Dass Krankenhäuser solche Maßnahmen überhaupt erwägen, zeigt, wie stark sich der Alltag in einzelnen Notaufnahmen verändert hat.
Auch Polizei braucht bei größeren Lagen genügend Kräfte
Dass Polizeibeamte sich grundsätzlich nicht an solche Einsätze „herantrauen“, lässt sich nicht belegen.
Tatsächlich zeigen die dokumentierten Fälle eher das Gegenteil: Bei größeren Konflikten rückt die Polizei teilweise mit erheblichen Kräften an.
Das Problem liegt vielmehr darin, dass Situationen mit vielen Beteiligten einen hohen Personaleinsatz erfordern.
Mehrere aggressive Personen können nicht von einem einzelnen Streifenwagen kontrolliert werden. Deshalb müssen bei bestimmten Lagen zusätzliche Beamte zusammengezogen und Bereiche abgesperrt werden.
Für andere Polizeiaufgaben fehlen diese Kräfte währenddessen an anderer Stelle.
Gewalt kann medizinische Versorgung gefährden
Der entscheidende Punkt geht deshalb über die Sicherheit einzelner Mitarbeiter hinaus.
Wenn eine Gruppe eine Rettungsstelle blockiert, Pflegekräfte bedroht oder größere Polizeikräfte notwendig werden, kann die medizinische Versorgung unbeteiligter Menschen beeinträchtigt werden.
Ein Krankenhaus kann nicht gleichzeitig Rettungsstelle und dauerhaft gesicherter Konfliktraum sein.
Ärzte und Pflegekräfte müssen Menschen behandeln – unabhängig davon, aus welchem Milieu sie kommen oder weshalb sie verletzt wurden.
Sie müssen aber ebenso darauf vertrauen können, dass medizinische Entscheidungen akzeptiert werden und sie selbst nicht bedroht oder angegriffen werden.
Kliniken fordern schnellere Konsequenzen
Ärzteverbände und Krankenhausgesellschaften fordern deshalb seit Längerem einen besseren Schutz des Personals.
Diskutiert werden härtere strafrechtliche Konsequenzen und schnellere Gerichtsverfahren nach Angriffen auf medizinisches Personal.
Auch einfachere Möglichkeiten zur Anzeige sollen verhindern, dass Beschäftigte nach Übergriffen resignieren und auf eine Strafverfolgung verzichten.
Denn inzwischen stellt sich in vielen Rettungsstellen nicht mehr nur die Frage, wie schnell einem Patienten geholfen werden kann.
Immer öfter lautet sie auch: Wer schützt diejenigen, die helfen sollen?