Der Konflikt um die zukünftige Organisation der Feuerwehr in Lutherstadt Wittenberg verschärft sich. Die Stadtwehrleitung und die Leitungen zahlreicher Ortsfeuerwehren haben sich in einem offenen Brief an das Innenministerium Sachsen-Anhalt, das Landesverwaltungsamt und den Landkreis Wittenberg gewandt. Anlass ist eine Beanstandungsverfügung des Landkreises gegen die neue Feuerwehrkonzeption der Stadt. Die Feuerwehrvertreter erklären, geschlossen hinter dem beschlossenen Modell zu stehen.
Der offene Brief ist auf den 6. August 2026 datiert. Unterzeichnet wurde er zunächst von Stadtwehrleiter Thomas Janott sowie seinen beiden Stellvertretern Christopher Brachnitz und Stephan Schneeberger.
Auf der zweiten Seite finden sich zudem die Unterschriften der Leitungen zahlreicher Wittenberger Ortsfeuerwehren, darunter Abtsdorf/Labetz, Apollensdorf, Boßdorf, Braunsdorf, Euper, Griebo, Jahmo, Kerzendorf, Kropstädt, Mochau, Nudersdorf, Pratau, Reinsdorf/Dobien, Seegrehna, Straach, Schmilkendorf, Teuchel, Wittenberg-West und Wüstemark.
Streitpunkt ist die geplante Berufsfeuerwehr
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die geplante neue Feuerwehrstruktur für Lutherstadt Wittenberg.
Nach Darstellung der Feuerwehrvertreter sieht die Konzeption unter anderem die Einrichtung einer Berufsfeuerwehr vor. Für die ehrenamtlichen Einsatzkräfte bedeute dies eine erhebliche Entlastung.
Die Unterzeichner argumentieren, dass die neue Struktur nicht gegen die Freiwilligen Feuerwehren gerichtet sei. Vielmehr soll sie nach ihrer Darstellung dazu beitragen, das Ehrenamt dauerhaft zu sichern und die Einsatzbereitschaft der Stadt angesichts veränderter Anforderungen zu gewährleisten.
Die Ortswehrleitungen erklären ausdrücklich, geschlossen hinter der Konzeption zu stehen.
Feuerwehr kritisiert Entscheidung des Landkreises
Deutliche Kritik richten die Unterzeichner an den Landkreis Wittenberg.
Nach ihren Angaben hat der Landkreis einen einstimmigen Beschluss des Wittenberger Stadtrates zur Feuerwehrkonzeption beanstandet.
Die Feuerwehrführungen kritisieren, dass dabei aus ihrer Sicht die tatsächlichen Strukturen, Qualifikationen und Abläufe der Feuerwehr vor Ort nicht ausreichend berücksichtigt würden.
Besonders verärgert zeigen sie sich darüber, dass nach ihrer Darstellung mit Unterstützung des Innenministeriums und des Landesverwaltungsamtes über die Feuerwehr entschieden werde, ohne die praktischen Gegebenheiten vor Ort ausreichend einzubeziehen.
Diese Darstellung stammt ausdrücklich aus dem offenen Brief. Eine Stellungnahme des Landkreises oder der genannten Landesbehörden zu den Vorwürfen liegt dem Schreiben nicht bei.
Kritik an der Risikoanalyse des Landkreises
Ein weiterer Konfliktpunkt ist die Bewertung des örtlichen Gefahrenpotenzials.
Die Feuerwehrvertreter schreiben, sie könnten nicht nachvollziehen, dass ihre eigenen praktischen Erfahrungen und die örtliche Risikoanalyse offenbar weniger Gewicht erhielten als abstrakte Zahlen und Annahmen zur angeblich erforderlichen Mindestgröße einer Berufsfeuerwehr.
Damit richtet sich die Kritik nicht grundsätzlich gegen fachliche Standards.
Die Unterzeichner stellen vielmehr infrage, ob allgemeine Vorgaben die konkrete Einsatzrealität in Lutherstadt Wittenberg ausreichend abbilden.
Stadtrat und Feuerwehren stehen laut Brief hinter Konzept
Nach Angaben der Feuerwehrführungen wurde die Konzeption nicht nur vom Stadtrat einstimmig beschlossen.
Auch sämtliche Freiwilligen Feuerwehren der Lutherstadt Wittenberg hätten sich einstimmig dafür ausgesprochen.
Die Unterzeichner betonen außerdem, dass sie den Landkreis seit vielen Jahren bei Fachaufgaben und in der Kreisausbildung unterstützen.
Vor diesem Hintergrund empfinden sie die Beanstandung offenbar auch als fehlende Anerkennung ihrer fachlichen Erfahrung.
Sorge um Zukunft des Ehrenamtes
Ein zentraler Satz des Briefes betrifft die Belastung der ehrenamtlichen Feuerwehrleute.
Die geplante Berufsfeuerwehr wird von den Unterzeichnern ausdrücklich als Entlastung des Ehrenamts dargestellt.
Dahinter steht eine Entwicklung, die viele Feuerwehren beschäftigt: Einsätze werden komplexer, während die Verfügbarkeit ehrenamtlicher Kräfte insbesondere werktags schwieriger werden kann.
Aus Sicht der Wittenberger Feuerwehrführungen geht es deshalb nicht nur um eine organisatorische Änderung, sondern um die langfristige Zukunft des Brandschutzes in der Stadt.
Deutlicher politischer Appell an den Landrat
Der offene Brief richtet sich auch persönlich an den Landrat des Landkreises Wittenberg.
Die Feuerwehrvertreter verweisen darauf, dass dieser der CDU angehöre, einer Partei, die regelmäßig ihre Unterstützung für die Feuerwehren in Sachsen-Anhalt betone.
Im konkreten Fall sehen die Unterzeichner dazu einen Widerspruch.
Sie erwarten nach eigener Aussage ein klares Bekenntnis zur Weiterentwicklung des Brandschutzes in Sachsen-Anhalt und in Lutherstadt Wittenberg.
Dabei müsse es um den Schutz der Bevölkerung gehen und nicht um Zuständigkeiten oder Machtfragen, heißt es sinngemäß in dem Schreiben.
Breite Unterstützung aus den Ortswehren
Besonders bemerkenswert ist die Zahl der Unterzeichner.
Auf Seite zwei des Briefes dokumentieren zahlreiche Ortswehrleitungen mit ihren Unterschriften ihre Unterstützung.
Damit handelt es sich nicht lediglich um eine Stellungnahme einzelner Führungskräfte.
Der Brief soll demonstrieren, dass der Widerstand gegen die Beanstandung innerhalb der Wittenberger Feuerwehr breit getragen wird.
Jetzt sind Landkreis und Land am Zug
Offen bleibt zunächst, wie Landkreis, Landesverwaltungsamt und Innenministerium auf den offenen Brief reagieren.
Ebenso lässt sich aus dem Schreiben allein nicht beurteilen, auf welche konkreten rechtlichen oder fachlichen Gründe der Landkreis seine Beanstandungsverfügung stützt.
Für eine vollständige Bewertung des Konflikts wäre deshalb auch die Begründung des Landkreises erforderlich.
Fest steht jedoch bereits: Die Diskussion über die künftige Feuerwehrstruktur in Wittenberg ist längst nicht mehr nur eine verwaltungsinterne Auseinandersetzung.
Mit dem offenen Brief tragen die Stadtwehrleitung und nahezu alle beteiligten Ortswehrführungen den Konflikt nun öffentlich aus.