Ostdeutschland hat sich in den vergangenen Jahren wieder stärker als Standort für Industrieansiedlungen positioniert. Verfügbare Gewerbeflächen, vergleichsweise moderate Immobilienpreise und die Nähe zu den Wachstumsmärkten in Mittel- und Osteuropa gelten als wichtige Vorteile. Doch ein Problem wird zunehmend zum entscheidenden Standortfaktor: Es fehlen Arbeitskräfte.

Unternehmen, die neue Standorte planen oder bestehende Werke erweitern wollen, müssen inzwischen nicht nur nach geeigneten Flächen suchen. Immer häufiger stellt sich die Frage, ob langfristig genügend qualifizierte Beschäftigte zur Verfügung stehen.

Viel Platz für neue Industrie

Ein Vorteil der ostdeutschen Länder sind große, teilweise bereits erschlossene Gewerbe- und Industrieflächen.

Während Erweiterungen in dicht besiedelten westdeutschen Wirtschaftsräumen häufig schwierig und teuer sind, können Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern vielerorts noch größere Flächen anbieten.

Hinzu kommen vergleichsweise niedrigere Grundstücks- und Immobilienpreise.

Auch die geografische Lage gewinnt an Bedeutung. Insbesondere Polen sowie weitere mittel- und osteuropäische Staaten entwickeln sich zu wichtigen Märkten. Für Unternehmen kann Ostdeutschland deshalb als Brücke zwischen Deutschland und Osteuropa interessant sein.

Der Arbeitsmarkt wird zum Problem

Gleichzeitig verschärft sich jedoch der Fachkräftemangel.

Viele Regionen verlieren seit Jahren Menschen im erwerbsfähigen Alter. Gleichzeitig erreichen geburtenstarke Jahrgänge das Rentenalter. Dadurch verlassen mehr Beschäftigte den Arbeitsmarkt, als junge Menschen nachrücken.

Das betrifft längst nicht mehr nur einzelne Berufe.

Gesucht werden Ingenieure, Techniker, Pflegekräfte, Handwerker, IT-Spezialisten, Fahrer und Beschäftigte für Produktionsbetriebe.

Für Industrieunternehmen kann die Frage nach verfügbaren Arbeitskräften deshalb inzwischen ähnlich wichtig sein wie Energiepreise, Verkehrsanbindung oder Fördermittel.

Neue Jobs allein reichen nicht

Das stellt die ostdeutschen Länder vor eine besondere Herausforderung.

Neue Industriearbeitsplätze können Regionen wirtschaftlich stärken. Gleichzeitig müssen dort ausreichend Wohnungen, Schulen, Kindertagesstätten und attraktive Freizeitangebote vorhanden sein, um Beschäftigte aus anderen Teilen Deutschlands oder aus dem Ausland anzuziehen.

Auch eine bessere Verkehrsanbindung zwischen größeren Städten und ländlichen Industriestandorten könnte zunehmend entscheidend werden.

Der Wettbewerb um Arbeitnehmer findet längst nicht mehr nur zwischen einzelnen Unternehmen statt. Ganze Regionen konkurrieren miteinander um gut ausgebildete Menschen.

Zuwanderung wird wichtiger

Ökonomen sehen deshalb qualifizierte Zuwanderung als einen zentralen Baustein für die wirtschaftliche Zukunft Ostdeutschlands.

Gleichzeitig müssen möglichst viele junge Menschen nach Ausbildung oder Studium in den Regionen gehalten werden.

Gerade Hochschulstandorte wie Dresden, Leipzig, Jena, Chemnitz, Magdeburg, Halle und Cottbus spielen dabei eine wichtige Rolle.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur, ob neue Unternehmen nach Ostdeutschland kommen.

Sie lautet zunehmend: Finden diese Unternehmen dort auch genügend Menschen, die für sie arbeiten?