Schwerin will noch einmal an den Erfolg der Bundesgartenschau von 2009 anknüpfen. Eine neue Landesgartenschau soll frühere Industrieflächen erschließen, das Welterbe stärker mit der Innenstadt verbinden und neue Wege zum Wasser schaffen. Doch das Projekt steht erst am Anfang – und mit geschätzten Investitionen von rund 73 Millionen Euro auch vor einer entscheidenden Finanzierungsfrage.

SCHWERIN. Der alte Güterbahnhof und das frühere KIW-„Vorwärts“-Gelände gehören seit Jahren zu den größten Entwicklungsflächen der Landeshauptstadt. Die insgesamt rund 39 Hektar großen Areale liegen innenstadtnah, sind aber durch Altlasten, fehlende Erschließung und hohe Sanierungskosten schwer zu entwickeln.

Genau dort soll nach der ersten Projektskizze der räumliche Schwerpunkt einer neuen Landesgartenschau liegen. Unter dem Titel „Miteinander – Erbe bewahren – Wandel gestalten“ will die Stadt das Gelände für neue Grünflächen, Wege und langfristig auch für Wohnungsbau vorbereiten.

Die Stadtvertretung soll zunächst darüber entscheiden, ob Schwerin gemeinsam mit der Landesregierung eine Absichtserklärung abschließt. Danach soll eine Machbarkeitsstudie die Flächen, Kosten und den möglichen Zeitplan genauer untersuchen. Die dafür benötigten Mittel sollen gegebenenfalls in den Doppelhaushalt 2027/2028 aufgenommen werden.

Mehr als eine „Blümchenschau“

Die Stadtverwaltung stellt das Vorhaben ausdrücklich als langfristiges Stadtentwicklungsprojekt dar. Die Gartenschau soll nicht nur für wenige Monate Besucher anziehen, sondern Flächen dauerhaft nutzbar machen.

Baudezernent Bernd Nottebaum verweist dabei auf die Bundesgartenschau 2009:

„Mit der Landesgartenschau wollen wir das BUGA-Wunder wiederholen.“

Nach seiner Darstellung profitiert Schwerin noch heute von den damaligen Investitionen in Wege, Grünanlagen und Zugänge zum Wasser. Die neue Gartenschau soll erneut helfen, Projekte zu bündeln, die ohne Fördermittel nur schwer finanzierbar wären.

Neben dem KIW-Gelände und dem alten Güterbahnhof sind weitere Bereiche vorgesehen:

  • der Schlossgarten und angrenzende Welterbe-Flächen,
  • innerstädtische Wege und Freiräume,
  • ein sogenanntes Grünes Band zwischen den Ausstellungsarealen,
  • Standorte rund um den Schweriner See,
  • zusätzliche Freizeit- und Begegnungsflächen.

Das Grüne Band soll die etwa zwei Kilometer voneinander entfernten Kernflächen verbinden. Vorgesehen sind temporäre Begrünungen, Aktionsflächen und neue Aufenthaltsbereiche. Gleichzeitig sollen Besucher gezielt durch die Innenstadt geführt werden, damit Einzelhandel und Gastronomie von der Veranstaltung profitieren.

Acht Standorte rund um den Schweriner See

Die Planungen reichen über die Innenstadt hinaus. Entlang der bestehenden Fahrradroute „Blaue Acht“ soll eine „Grüne Acht“ entstehen. Acht Standorte rund um den Schweriner See und den Lankower See sollen dabei touristisch und landschaftlich weiterentwickelt werden.

Genannt werden:

  • der Zippendorfer Strand,
  • das Freilichtmuseum Mueß,
  • Schloss und Landschaftspark Raben Steinfeld,
  • das Seeufer in Leezen,
  • das Seeufer in Bad Kleinen,
  • Schloss und Park Wiligrad,
  • das Seeufer Wickendorf,
  • das Nordufer des Lankower Sees.

Damit würde die Gartenschau nicht allein in Schwerins Zentrum stattfinden. Auch das Umland könnte von neuen Wegen, sanierten Uferbereichen und zusätzlichen touristischen Angeboten profitieren.

Allerdings wächst mit der räumlichen Ausdehnung auch der organisatorische Aufwand. Verkehrsverbindungen, Pflege, Sicherheit und spätere Unterhaltung müssten zwischen Stadt, Land, Gemeinden und weiteren Eigentümern abgestimmt werden.

73 Millionen Euro für Investitionen

Die bisherige Projektskizze rechnet mit Investitionen von rund 73 Millionen Euro. Hinzu kommen knapp 10 Millionen Euro Durchführungskosten für die eigentliche Gartenschau. Erwartet werden etwa 440.000 Besucher.

Die wichtigsten bisherigen Planungszahlen:

  • rund 73 Millionen Euro Investitionen,
  • knapp 10 Millionen Euro Veranstaltungskosten,
  • etwa 39 Hektar Kernfläche,
  • rund 440.000 erwartete Besucher,
  • ursprünglich angedachtes Ausstellungsjahr 2035.

Wie hoch der Eigenanteil Schwerins ausfallen würde, ist noch nicht abschließend geklärt. Die Stadt setzt darauf, dass Land und Bund Förderprogramme bündeln. Genau dazu soll die geplante Absichtserklärung mit Mecklenburg-Vorpommern dienen.

Für den kommunalen Haushalt bleibt das dennoch ein Risiko. Fördermittel decken häufig nicht sämtliche Kosten. Zudem müssen Grünflächen, Wege, Gebäude und technische Anlagen auch nach Ende der Gartenschau gepflegt und unterhalten werden.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie viel Geld Schwerin für den Bau erhält. Ebenso wichtig ist, welche jährlichen Folgekosten später bei der Stadt verbleiben.

Wohnungsbau auf schwierigem Gelände

Das KIW-„Vorwärts“-Gelände und der alte Güterbahnhof gelten seit Langem als wichtige Reserven für den innerstädtischen Wohnungsbau. Die Entwicklung scheitert bislang unter anderem an Altlasten und hohen Erschließungskosten.

Eine Gartenschau könnte helfen, die Flächen zu sanieren, Straßen und Leitungen zu bauen und Grundstücke neu zu ordnen. Erst danach könnten dort dauerhaft Wohnungen oder gemischte Stadtquartiere entstehen.

Darin liegt der stärkste wirtschaftliche Nutzen des Projekts. Schwerin würde nicht nur in Grünflächen investieren, sondern eine schwer nutzbare Brache für spätere Bebauung vorbereiten.

Offen bleibt jedoch:

  • Wie viele Wohnungen könnten dort tatsächlich entstehen?
  • Welcher Anteil wäre bezahlbarer Wohnraum?
  • Welche Altlasten befinden sich auf dem Gelände?
  • Wie hoch wären die vollständigen Sanierungskosten?
  • Welche Flächen blieben nach der Gartenschau dauerhaft grün?
  • Wann könnte der Wohnungsbau beginnen?

Ohne klare Antworten besteht die Gefahr, dass die Gartenschau zwar die Erschließung finanziert, die spätere Bebauung aber vor allem privaten Investoren zugutekommt.

Welterbe soll stärker sichtbar werden

Seit 2024 gehört das Residenzensemble Schwerin zum UNESCO-Welterbe. Die Gartenschau soll diesen Titel stärker mit Stadtentwicklung und Tourismus verbinden.

Der Leiter des Fachdienstes Stadtentwicklung und Stadtplanung, Andreas Thiele, beschreibt das Ziel so:

„Ziel der Gartenschau ist es, Schwerin im Kontext des Welterbe-Titels nachhaltig weiterzuentwickeln.“

Geplant seien neue touristische Angebote, ökologische Lösungen für den Stadtumbau und zusätzliche Frei- und Begegnungsräume.

Die Verbindung von Welterbe und Gartenschau birgt allerdings auch Konflikte. Neue Wege, Veranstaltungsflächen und Gebäude müssen mit Denkmalschutz, Landschaftspflege und den Anforderungen der UNESCO vereinbar sein. Gerade im Umfeld des Schlosses dürfte nicht jede touristisch attraktive Idee genehmigungsfähig sein.

Ausstellungsjahr 2035 steht infrage

Ursprünglich wurde 2035 als mögliches Veranstaltungsjahr genannt. Dieser Termin muss möglicherweise noch einmal überdacht werden, weil in Dessau-Roßlau im selben Jahr eine Bundesgartenschau geplant ist.

Zwei große Gartenschauen im gleichen Jahr könnten um Besucher, Fördermittel, Sponsoren und Fachfirmen konkurrieren. Schwerin müsste deshalb prüfen, ob ein früherer oder späterer Termin wirtschaftlich sinnvoller wäre.

Eine Verschiebung hätte wiederum Folgen für:

  • die Planung der Infrastruktur,
  • die Haushalte der kommenden Jahre,
  • Förderanträge,
  • Grundstücksverhandlungen,
  • Bauzeiten und Altlastensanierung,
  • die Vorbereitung des Wohnungsbaus.

Damit ist noch offen, wann das Projekt tatsächlich umgesetzt werden könnte.

Erfolg hängt vom Nutzen nach der Schau ab

Die Erinnerung an die BUGA 2009 ist in Schwerin überwiegend positiv. Die damalige Veranstaltung öffnete die Stadt stärker zum Wasser und hinterließ dauerhafte Grün- und Freiflächen. Genau dieser Erfolg erhöht nun aber auch die Erwartungen.

Eine Landesgartenschau wäre kleiner als eine Bundesgartenschau. Bei 440.000 erwarteten Gästen läge die Besucherzahl deutlich unter den 1,87 Millionen Besuchern der BUGA 2009.

Ob sich das neue Projekt lohnt, wird deshalb weniger an der Besucherzahl als an den bleibenden Ergebnissen gemessen werden:

  • Werden belastete Flächen saniert?
  • Entstehen tatsächlich Wohnungen?
  • Werden neue Wege dauerhaft genutzt?
  • Profitieren auch Stadtteile außerhalb des Zentrums?
  • Bleiben Pflege und Betrieb langfristig finanzierbar?
  • Werden Einzelhandel und Tourismus nachhaltig gestärkt?

Die erste Projektskizze liefert eine Richtung, aber noch keine belastbare Kosten-Nutzen-Rechnung. Genau diese Aufgabe muss nun die Machbarkeitsstudie übernehmen.

Schwerin plant deshalb noch keine fertige Gartenschau. Die Stadt prüft, ob sie ein neues Stadtentwicklungsprogramm unter dem Namen Landesgartenschau finanzieren und politisch durchsetzen kann. Ob daraus ein zweites „BUGA-Wunder“ wird, entscheidet sich nicht an Blumenbeeten – sondern an Altlasten, Förderquoten, Wohnungsbau und den Kosten nach dem letzten Besuchertag.

Quellen und Datenbasis

  1. Landeshauptstadt Schwerin: Projektskizze „Miteinander – Erbe bewahren – Wandel gestalten“, Investitionsrahmen, Besucherprognose und geplante Machbarkeitsstudie.
  2. Landeshauptstadt Schwerin, Pressestelle: Beratungsstand und weitere politische Befassung mit dem Projekt.