Sie gehören zur einfachsten Infrastruktur einer Stadt – und fallen meist erst auf, wenn sie fehlen. In Thüringen wollen zahlreiche Kommunen neue öffentliche Toiletten bauen oder bestehende Angebote erweitern. Hinter der scheinbar kleinen Aufgabe steht jedoch ein größerer Konflikt: Wer zahlt dauerhaft für Reinigung, Reparaturen und barrierefreie Anlagen, wenn die kommunalen Haushalte ohnehin angespannt sind?

Zwölf Kommunen wollen investieren

Eine aktuelle Umfrage von MDR Thüringen unter 22 Städten und Gemeinden zeigt einen deutlichen Handlungsbedarf. Zwölf der befragten Kommunen kündigten an, in zusätzliche öffentliche Toiletten investieren zu wollen. Konkrete Neubauten sind demnach unter anderem in Bad Langensalza, Pößneck und Ilmenau vorgesehen. Fünf weitere Städte planen ebenfalls neue Anlagen.

Die Gründe ähneln sich vielerorts. Innenstädte sollen für Touristen, ältere Menschen und Familien attraktiver werden. Gleichzeitig sind bestehende Anlagen häufig schlecht ausgeschildert, nur zu bestimmten Zeiten geöffnet oder nicht vollständig barrierefrei.

Besonders betroffen sind:

  • ältere Menschen und Menschen mit Erkrankungen,
  • Familien mit kleinen Kindern,
  • Menschen mit Behinderung,
  • Touristen und Reisegruppen,
  • Beschäftigte im Außendienst,
  • Besucher von Märkten und Veranstaltungen.

Was für gesunde Menschen nur ein Ärgernis ist, kann für andere darüber entscheiden, ob sie eine Innenstadt überhaupt besuchen.

Ilmenau baut gleich an mehreren Stellen

In Ilmenau ist der Ausbau bereits konkret. Die Stadt hat 2026 verschiedene Bauleistungen für eine neue öffentliche Toilette in der Lindenstraße ausgeschrieben. Dazu gehören unter anderem Sanitär-, Lüftungs-, Metallbau- und Fassadenarbeiten.

Zusätzlich beschloss der Bau- und Vergabeausschuss im Februar einen Ersatzneubau der öffentlichen Toilette am Bahnhof. Die Umsetzung steht allerdings unter dem Vorbehalt einer gesicherten Finanzierung.

Die Anlage in der Lindenstraße ist Teil eines Städtebauförderprojektes zur Aufwertung des Stadtkerns. Der Standort war bereits 2021 im Ilmenauer Bürgerhaushalt vorgeschlagen worden. Zwischen dem ersten Bürgervorschlag und der tatsächlichen Umsetzung liegen damit mehrere Jahre.

Das Beispiel zeigt, warum selbst ein vergleichsweise kleines Bauprojekt lange dauern kann. Grundstücksfragen, Fördermittel, Planung, Barrierefreiheit, Anschlüsse und Ausschreibungen müssen geklärt werden, bevor die erste Wand steht.

Gastronomen öffnen ihre Türen

Neben eigenen Anlagen setzen mehrere Städte auf das Modell „Nette Toilette“. Dabei öffnen Gaststätten, Cafés und andere Einrichtungen ihre Toiletten kostenlos für Passanten – ohne Kauf- oder Verzehrzwang. Die teilnehmenden Betriebe werden häufig von der Kommune finanziell unterstützt und über Aufkleber oder eine App kenntlich gemacht.

Das Modell wird bereits in Städten wie Mühlhausen, Eisenach und Erfurt genutzt. Mühlhausen führte das Angebot Anfang 2024 ein. Eisenach beteiligt sich seit November 2025 und zahlt den teilnehmenden Betrieben eine Vergütung.

Eine Mitarbeiterin eines teilnehmenden Erfurter Betriebes beschreibt einen zusätzlichen Nutzen:

„Wir liegen hier so ein bisschen versteckt in der Seitengasse. Da finden wir es super, dass wir in der App auftauchen und vielleicht auch Gäste vorbeischauen.“

Damit kann das Angebot für Gastronomen zugleich Service und Werbung sein. Es ersetzt jedoch keine kommunale Grundversorgung. Die Öffnungszeiten hängen von den jeweiligen Betrieben ab. Abends, an Ruhetagen oder bei Geschäftsaufgaben kann das Angebot kurzfristig wegfallen.

Barrierefreiheit entscheidet über den Nutzen

Eine öffentliche Toilette ist nicht automatisch für alle Menschen nutzbar. Stufen, enge Türen, fehlende Haltegriffe oder zu kleine Kabinen können Rollstuhlfahrer und Menschen mit eingeschränkter Mobilität ausschließen.

Bad Langensalza weist bereits mehrere behindertengerechte Toiletten aus, darunter eine Anlage am Rosengarten. Auch für Veranstaltungen werden zusätzliche WC-Standorte eingeplant.

In Ilmenau sehen Veranstaltungsanforderungen ausdrücklich mindestens eine barrierefreie Toilette vor. Alternativ dürfen Sanitäranlagen örtlicher Betriebe genutzt werden, wenn diese während der Veranstaltung zuverlässig geöffnet sind.

Gerade an Bahnhöfen, Busplätzen, touristischen Zielen und zentralen Marktplätzen reicht es deshalb nicht, lediglich irgendeine Toilette bereitzustellen. Entscheidend sind:

  • stufenloser Zugang,
  • ausreichende Türbreiten,
  • Haltegriffe und Bewegungsflächen,
  • Wickelmöglichkeiten,
  • verständliche Beschilderung,
  • verlässliche Öffnungszeiten,
  • regelmäßige Reinigung.

Baukosten sind nur der Anfang

Der Neubau ist meist nicht das größte langfristige Problem. Öffentliche Toiletten verursachen dauerhaft Kosten für Wasser, Strom, Reinigung, Kontrollen, Reparaturen und Entsorgung.

Hinzu kommen Schäden durch Graffiti, mutwillige Zerstörung und unsachgemäße Nutzung. Erfahrungen aus anderen ostdeutschen Städten zeigen, welche Dimensionen der Betrieb erreichen kann. Leipzig gibt für 20 freistehende Toilettenanlagen einschließlich Reparaturen rund 685.000 Euro pro Jahr aus. In Magdeburg kosten 17 Anlagen jährlich etwa 414.000 Euro.

Für kleinere Thüringer Städte sind solche Summen kaum übertragbar. Dennoch bleibt dieselbe Grundfrage: Eine Anlage kann mit Fördermitteln gebaut werden, doch Reinigung und Unterhaltung müssen über viele Jahre aus dem kommunalen Haushalt bezahlt werden.

Das erklärt, warum manche Kommunen lange zögern oder private Partner einbinden. Die Verantwortung wird dadurch jedoch teilweise auf Gastronomen und Geschäftsinhaber verlagert.

Eine kleine Infrastrukturfrage mit großer Wirkung

Öffentliche Toiletten entscheiden nicht allein über die Zukunft einer Innenstadt. Sie zeigen aber, ob Stadtplanung den Alltag der Menschen berücksichtigt.

Eine Kommune, die Touristen anziehen, älteren Menschen Teilhabe ermöglichen und ihre Einkaufsstraßen beleben will, kann sanitäre Anlagen nicht als Nebensache behandeln. Das gilt besonders in einer alternden Gesellschaft und während immer häufigerer Hitzeperioden. Thüringens neue digitale Hitzekarte erfasst deshalb neben Trinkbrunnen und Grünanlagen auch öffentliche Toiletten als wichtige Anlaufstellen.

Dass nun zwölf von 22 befragten Kommunen investieren wollen, ist ein Fortschritt. Es ist zugleich ein Hinweis darauf, wie lange diese grundlegende Infrastruktur vernachlässigt wurde.

Quellen und Datenbasis

  • MDR Thüringen: Kommunalumfrage zu geplanten öffentlichen Toiletten, 30. Juli 2026.
  • Stadt Ilmenau: Ausschreibungen und Beschlüsse zu den Toilettenanlagen Lindenstraße und Bahnhof.
  • Städte Mühlhausen, Eisenach und Erfurt: Informationen zum Modell „Nette Toilette“.