Lärmende Kinder, Zigarettenrauch auf dem Balkon oder herumliegende Schuhe im Treppenhaus: Was im Alltag schnell banal wirkt, kann viel über gesellschaftliche Spannungen verraten.

An der Friedrich-Schiller-Universität Jena untersucht Juniorprofessorin Dr. Dilek A. Tepeli seit dem Frühjahr 2026 lokale Konflikte in urbanen Räumen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die sichtbaren Anlässe eines Streits, sondern vor allem die dahinterliegenden Emotionen, Machtverhältnisse und sozialen Muster.

Konflikte gehören zum Zusammenleben

Tepeli betrachtet Konflikte nicht grundsätzlich als etwas Zerstörerisches. Aus soziologischer Sicht könnten Auseinandersetzungen auch produktive Kräfte entfalten und gesellschaftliche Veränderungen anstoßen.

Besonders interessant sei die Frage, warum manche Konflikte offen eskalieren, während andere lange unterschwellig bleiben. Dabei spielen Gefühle, unbewusste Reaktionen und soziale Positionen eine zentrale Rolle.

Für ihre Arbeit verbindet die Wissenschaftlerin Ansätze aus Soziologie, Sozial- und Kulturpsychologie sowie Friedens- und Konfliktforschung.

Beschwerden als Forschungsquelle

Das Projekt „Lokale Konflikte und Emotionen in urbanen Räumen“ begann Tepeli gemeinsam mit Jürgen Straub an der Ruhr-Universität Bochum und führt es inzwischen in Jena weiter.

Untersucht wurden unter anderem anonymisierte Beschwerdebriefe aus Nachbarschaften. Ergänzend führte das Forschungsteam qualitative Interviews und arbeitete mit einem Konfliktmediator zusammen.

Ein Schwerpunkt lag auf besonders vielfältigen Nachbarschaften im Ruhrgebiet. Dort rückten auch innerreligiöse und ethnisch markierte Konflikte innerhalb und zwischen Einwanderungsgruppen in den Fokus.

Wenn Kinder plötzlich als „Terroristen“ bezeichnet werden

Wie tief Konflikte reichen können, zeigt ein Beispiel aus der Forschung.

Seniorinnen beschwerten sich über Kinder, die aus ihrer Sicht zu laut Ball spielten. In ihren Beschwerden wurden die Kinder sogar als „Terroristen“ bezeichnet.

Auf den ersten Blick könnte es sich um einen klassischen Generationenkonflikt handeln. Bei genauerem Hinsehen lasse sich die Auseinandersetzung aber auch als Konflikt zwischen Alteingesessenen und Neuhinzugezogenen verstehen.

Die ältere Generation könne sich dabei machtlos gegenüber einer jungen, lebendigen Gruppe fühlen, die zugleich für eine Zukunft stehe, die sie selbst nicht mehr habe.

Sprache zeigt, wie verhärtet Fronten sind

Für Tepeli ist die Sprache eines Konflikts ein wichtiger Hinweis darauf, wie stark Beteiligte emotional eingebunden sind.

Stigmatisierende Begriffe können zeigen, dass sich Fronten bereits verhärtet haben. Um Konflikte zu entschärfen, empfehlen die Forschenden deshalb häufig einen Perspektivwechsel.

Schon das direkte Gespräch könne helfen, die Sichtweise der jeweils anderen Seite besser zu verstehen.

Gerade bei Nachbarschaftsstreitigkeiten werde deutlich, dass Konflikte häufig nicht nur um den sichtbaren Anlass kreisen, sondern um tieferliegende Gefühle von Kontrollverlust, Ausgrenzung oder Benachteiligung.

Konflikte können Generationen überdauern

Tepeli beschäftigt sich auch mit Konflikten, die über lange Zeiträume fortbestehen.

In ihrer bisherigen Forschung untersuchte sie unter anderem Beziehungen zwischen jungen Aleviten und Sunniten in der postmigrantischen Gesellschaft. Dabei ging es um historisch gewachsene Verletzungen und Bindungen innerhalb verschiedener Einwanderungsgruppen.

Solche Konflikte könnten sich über Generationen hinweg fortsetzen und nationale Grenzen überschreiten.

Parallelen sieht die Wissenschaftlerin etwa zu historischen Konfliktlinien zwischen Katholizismus und Protestantismus.

Forschung soll Konflikte besser verständlich machen

Mit ihrer Arbeit will Tepeli dazu beitragen, Auseinandersetzungen nicht nur oberflächlich nach ihrem Anlass zu betrachten.

Entscheidend sei vielmehr, die emotionale und gesellschaftliche Struktur hinter einem Konflikt zu erkennen.

Gerade dort, wo Streit eskaliert oder sich über lange Zeit festsetzt, könne dieses Wissen helfen, neue Wege für Verständigung und Deeskalation zu finden.