Der Tunnel unter der Swine sollte die jahrzehntelange Abhängigkeit von den Fähren beenden und Swinemünde dauerhaft mit dem polnischen Festland verbinden. Drei Jahre nach der Eröffnung zeigt sich jedoch die Kehrseite des Erfolgs: An stark frequentierten Tagen erreicht mehr Verkehr die Stadt, als ihre Zufahrten und innerstädtischen Straßen aufnehmen können. Nach regionalen Berichten wird deshalb geprüft, Fahrzeuge bereits vor der Tunneleinfahrt zeitweise zurückzuhalten.
SWINEMÜNDE/USEDOM. Die Fahrt durch den Tunnel selbst dauert unter normalen Bedingungen nur wenige Minuten. Nach Angaben der Stadt Świnoujście haben seit der Eröffnung am 30. Juni 2023 mehr als 15,1 Millionen Fahrzeuge die Verbindung zwischen den Inseln Wollin und Usedom genutzt. Die reine Tunneldurchfahrt dauert gewöhnlich rund zwei Minuten, einschließlich der Zufahrten meist weniger als vier Minuten.
Das Problem beginnt dort, wo der Verkehr den Tunnel verlässt. Autos treffen auf Kreisverkehre, Kreuzungen, Parksuchverkehr und Straßen, die zugleich von Einwohnern, Lieferfahrzeugen, Bussen und Urlaubern genutzt werden. An Wochenenden und während der Ferien können sich dadurch lange Rückstaus bilden. Regionale Medien berichten, dass die Stadt Möglichkeiten prüft, den Zufluss schon vor dem Tunnel zeitweise zu begrenzen. Eine detaillierte offizielle Regelung mit festen Sperrzeiten oder konkreten Auslösekriterien war zunächst nicht veröffentlicht.
Der Tunnel beseitigte die Wartezeit – nicht den gesamten Engpass
Vor 2023 mussten Autofahrer die Swine mit Fähren überqueren. Wartezeiten entstanden vor allem an den Anlegern. Der Tunnel schuf erstmals eine rund um die Uhr nutzbare Straßenverbindung und erhöhte damit die Erreichbarkeit der Stadt erheblich.
Gleichzeitig machte er die Anreise berechenbarer. Genau das dürfte zusätzlichen Verkehr erzeugt haben. Gäste aus Polen können Swinemünde inzwischen ohne Fährwartezeit erreichen. Für deutsche Urlauber und Tagesgäste ist die Route über die Kaiserbäder ebenfalls attraktiver geworden.
Der Engpass hat sich dadurch verlagert:
- von den Fähranlegern auf die Tunnelzufahrten,
- vom Warten auf eine Überfahrt zum Rückstau an Kreuzungen,
- von einer kontrollierten Fährkapazität zu einem nahezu kontinuierlichen Fahrzeugstrom,
- von der Verbindung zwischen den Inseln in das Straßennetz der Stadt.
Bereits in früheren Verkehrskonzepten wurde darauf hingewiesen, dass ein Kreisverkehr im Bereich der Zufahrt eine geringere Leistungsfähigkeit besitzen könne als der Tunnel selbst. Das Bauwerk kann also mehr Fahrzeuge aufnehmen, als nachgelagerte Knotenpunkte zeitweise weiterleiten können.
Was eine zeitweise Zufahrtsbegrenzung bedeuten könnte
Eine Regulierung vor dem Tunnel wäre nicht zwangsläufig eine vollständige Sperrung. Denkbar wären Ampelsteuerungen, eine dosierte Einfahrt, digitale Hinweise oder vorübergehende Haltephasen, sobald sich der Verkehr auf der Usedomer Seite zurückstaut.
Ziel wäre, den Tunnel nicht mit stehenden Fahrzeugen zu füllen und zu verhindern, dass der Rückstau zentrale Straßen Swinemündes vollständig blockiert.
Mögliche Maßnahmen wären:
- eine bedarfsgesteuerte Ampel vor der Einfahrt,
- zeitweise Zuflussdosierung bei überlasteten Kreisverkehren,
- frühzeitige Umleitung auf Park-and-Ride-Flächen,
- digitale Hinweise auf freie Parkplätze,
- Vorrang für Busse und Rettungsfahrzeuge,
- Empfehlung alternativer Reisezeiten und Routen.
Das bestehende Verkehrsmanagement wurde grundsätzlich so geplant, dass die Einfahrt in den Tunnel bei bestimmten Lagen erlaubt oder unterbunden werden kann. Eine solche technische Möglichkeit sagt allerdings noch nichts darüber aus, ob und wann sie künftig gegen gewöhnliche Sommerstaus eingesetzt wird.
Pendler geraten zwischen Tourismus und Verkehrssteuerung
Eine Zuflussbegrenzung würde nicht nur Urlauber treffen. Zahlreiche Menschen pendeln täglich zwischen der deutschen und der polnischen Seite Usedoms. Beschäftigte aus Świnoujście arbeiten in den Kaiserbädern, während Einwohner der deutschen Inselorte zum Einkaufen, Arbeiten oder zu Dienstleistungen nach Polen fahren.
Für sie sind unvorhersehbare Wartezeiten besonders problematisch. Während Urlauber ihre Anreise teilweise verschieben können, müssen Beschäftigte zu festen Zeiten am Arbeitsplatz sein.
Betroffen wären unter anderem:
- Beschäftigte in Hotels und Gastronomie,
- Mitarbeiter im Einzelhandel,
- Handwerker und Lieferdienste,
- Berufspendler aus den Grenzorten,
- Patienten und medizinisches Personal,
- Busse im grenzüberschreitenden Verkehr.
Eine wirksame Verkehrssteuerung müsste deshalb unterscheiden, ob sie lediglich den touristischen Spitzenverkehr dosiert oder sämtliche Fahrzeuge gleichermaßen zurückhält.
Der Verkehr reicht bis in die Kaiserbäder
Die Folgen enden nicht an der polnischen Stadtgrenze. Wenn sich Fahrzeuge auf der Insel stauen, kann der Verkehr über Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin bis auf die deutschen Bundesstraßen zurückwirken.
Bereits heute treffen auf Usedom mehrere Verkehrsströme zusammen:
- Anreise über die B 111 und Wolgast,
- Verkehr aus Polen über den Swinetunnel,
- Tagesausflügler zwischen den Kaiserbädern und Świnoujście,
- Parksuchverkehr in den Seebädern,
- Liefer- und Berufsverkehr.
Ein Unfall oder eine kurzfristige Tunnelsperrung kann die Lage zusätzlich verschärfen. Weil der Tunnel nur eine Straßenröhre mit Gegenverkehr besitzt, führen Unfälle, technische Arbeiten oder notwendige Kontrollen schnell zu wechselseitiger Verkehrsführung oder vollständigen Unterbrechungen. Die Stadt hat auch 2026 wiederholt nächtliche Einschränkungen wegen technischer und garantiebegleitender Arbeiten angekündigt.
Die Fähren bleiben Sicherheitsreserve
Trotz Tunnel werden die Fähren weiterhin benötigt. Bei Sperrungen oder technischen Arbeiten übernehmen sie einen Teil des Verkehrs. Bei früheren Einschränkungen hielt die Stadt den Bielik-Fährbetrieb bereit oder setzte ihn ergänzend ein.
Die Kapazität der Fähren reicht allerdings nicht aus, um den gesamten Tunnelverkehr kurzfristig zu ersetzen. Sobald die Straßenverbindung ausfällt, können sich deshalb schnell lange Warteschlangen bilden.
Damit bleibt Swinemünde von einer empfindlichen Verkehrsinfrastruktur abhängig: Der Tunnel ist leistungsfähiger als die frühere Fährverbindung, verfügt aber nicht über eine zweite unabhängige Straßenröhre. Jede größere Störung trifft daher unmittelbar die einzige feste Verbindung zwischen Wollin und Usedom.
Mehr Verkehr verlangt mehr als neue Verbote
Eine Zufahrtsbeschränkung kann einen akuten Rückstau kontrollieren. Sie löst aber nicht die Ursache: An starken Tagen fahren mehr Fahrzeuge in Richtung Zentrum und Küste, als Straßen und Parkflächen bewältigen können.
Langfristig wären deshalb mehrere Maßnahmen nötig:
- größere Auffangparkplätze vor den dicht bebauten Stadtteilen,
- häufigere Busverbindungen von den Parkplätzen ins Zentrum,
- bessere Bahnverbindungen zwischen Polen und Deutschland,
- aktuelle Verkehrsdaten für Navigationsdienste,
- abgestimmte Informationen in deutscher und polnischer Sprache,
- sichere Rad- und Fußverbindungen als Alternative zum Auto.
Die Stadt Świnoujście hatte bereits vor der Tunnelöffnung Varianten diskutiert, in denen Zufahrt und Parken in Zentrum und Küstenviertel stärker begrenzt werden. Der Tunnel sollte nicht zwangsläufig dazu führen, dass jedes zusätzliche Fahrzeug bis unmittelbar an Strand und Promenade fährt.
Erfolg wird zur Belastungsprobe
Mehr als 15 Millionen Durchfahrten innerhalb von drei Jahren zeigen, dass der Swinetunnel intensiv genutzt wird. Für Einwohner hat er die Verbindung zwischen den Inselteilen grundlegend verbessert. Für Tourismus und Wirtschaft schuf er eine verlässlichere Erreichbarkeit.
Doch gerade dieser Erfolg erzeugt neue Konflikte. Der Tunnel beseitigt das natürliche Nadelöhr der Fährkapazität. Er bringt den Verkehr nun schneller in ein Stadtgebiet, dessen Straßen und Parkräume nicht unbegrenzt wachsen können.
Die Debatte über mögliche Zufahrtsbeschränkungen ist deshalb kein Zeichen dafür, dass der Tunnel gescheitert wäre. Sie zeigt vielmehr, dass ein leistungsfähiges Bauwerk allein noch kein funktionierendes Verkehrssystem schafft.
Für Pendler und Urlauber wird entscheidend sein, ob Swinemünde eine transparente Regelung entwickelt: mit klaren Auslösekriterien, frühzeitigen Warnungen und brauchbaren Alternativen. Werden Autos lediglich vor dem Tunnel gestoppt, ohne Umleitung oder Parkmöglichkeiten anzubieten, verlagert sich der Stau erneut – diesmal zurück auf die Zufahrtsstraßen von Wollin.
Quellen und Datenbasis
- Stadt Świnoujście: Bilanz zum dreijährigen Betrieb des Swinetunnels mit mehr als 15,1 Millionen Fahrzeugen und Angaben zur regulären Fahrzeit.
- Stadt Świnoujście und Verkehrsplanung: Konzepte zur Kapazität der Zufahrten, Verkehrssteuerung sowie zu möglichen Beschränkungen im Zentrum und Küstenviertel.