Potsdam. Droht Europa eine neue Eiszeit, weil der Golfstrom zum Stillstand kommt? Seit Jahren warnen Klimaforscher vor einer möglichen Abschwächung der Atlantischen Umwälzzirkulation. Doch neuere wissenschaftliche Untersuchungen stellen besonders dramatische Kollapsszenarien infrage. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Strömungssystem widerstandsfähiger sein könnte als bisher angenommen. Eine vollständige Entwarnung geben Wissenschaftler allerdings nicht.
Golfstrom und Atlantikzirkulation sind nicht dasselbe
In der öffentlichen Diskussion werden Golfstrom und Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation (AMOC) häufig gleichgesetzt. Tatsächlich handelt es sich um unterschiedliche, miteinander verbundene Meeresströmungen.
Die AMOC transportiert warmes Wasser in den Nordatlantik und beeinflusst dadurch das Klima Europas. Durch die globale Erwärmung und den zunehmenden Eintrag von Schmelzwasser könnte sich diese Zirkulation abschwächen.
Ein vollständiger Zusammenbruch hätte erhebliche Auswirkungen auf Temperaturen, Niederschläge und Wetterverhältnisse. Der Golfstrom selbst würde dadurch jedoch nicht vollständig verschwinden.
Neue Studien stellen Kollapsprognosen infrage
Eine 2025 in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlichte Untersuchung analysierte 34 Klimamodelle. Selbst unter extremen Erwärmungsszenarien blieb in den Simulationen eine abgeschwächte Atlantikzirkulation erhalten.
Auch eine weitere Untersuchung in „Nature Geoscience“ deutet darauf hin, dass die Abschwächung geringer ausfallen könnte als in besonders pessimistischen Modellrechnungen.
Der Klimaforscher Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie verweist zudem darauf, dass direkte Messungen bislang keinen eindeutigen langfristigen Abschwächungstrend erkennen lassen.
Allerdings reichen die kontinuierlichen Messreihen erst bis 2004 zurück. Für langfristige Klimaveränderungen ist das ein vergleichsweise kurzer Zeitraum.
Droht Deutschland tatsächlich eine Eiszeit?
Das häufig beschworene Szenario eines plötzlich vereisenden Europas gilt wissenschaftlich nicht als realistische Vorhersage.
Eine starke Abschwächung der AMOC könnte den Nordatlantik und Teile Europas gegenüber anderen Erwärmungsszenarien abkühlen. Gleichzeitig würde die globale Erwärmung weiterwirken.
Der Weltklimarat IPCC erwartet im 21. Jahrhundert eine Abschwächung der Atlantikzirkulation. Einen abrupten vollständigen Zusammenbruch vor 2100 hält er nach seiner bisherigen Bewertung jedoch nicht für das wahrscheinlichste Szenario.
Wie stark Deutschland tatsächlich betroffen wäre, lässt sich nicht zuverlässig vorhersagen.
Klimaforscher bleiben uneinig
Während einige Studien eine größere Stabilität der Atlantikströmung nahelegen, warnen andere Forscher weiterhin vor möglichen Kipppunkten.
Besonders umstritten ist, ob sich aus Veränderungen der Meerestemperaturen bereits zuverlässige Hinweise auf einen bevorstehenden Kollaps ableiten lassen.
Neue Modellrechnungen zeigen zudem, dass sich eine stark abgeschwächte Atlantikzirkulation unter bestimmten Bedingungen langfristig wieder erholen könnte. Eine solche Entwicklung würde allerdings möglicherweise Jahrhunderte dauern.
Die wissenschaftliche Bilanz ist damit weniger dramatisch als manche Schlagzeile: Eine neue Eiszeit in Deutschland steht nicht unmittelbar bevor. Die Atlantikzirkulation könnte widerstandsfähiger sein als befürchtet. Ihre erwartete Abschwächung bleibt jedoch ein ernst zu nehmendes Klimarisiko, dessen tatsächliche Folgen weiter erforscht werden müssen.