Sie leben im Verborgenen, bewegen sich überwiegend nachts und hinterlassen oft erst dann sichtbare Spuren, wenn Papier, Fotografien oder historische Bücher bereits beschädigt sind. Das Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz widmet Papierfischchen, Kleidermotten und anderen Museumsschädlingen eine eigene Ausstellung. Hinter dem ungewöhnlichen Thema steht eine ernste Aufgabe: Millionen Objekte müssen über Jahrzehnte vor Fraß, Feuchtigkeit und unbemerktem Befall geschützt werden.

Ausstellung zeigt den Kampf hinter den Kulissen

Die Sonderausstellung „Es nagt nicht nur der Zahn der Zeit“ ist vom 24. April bis zum 1. November 2026 im Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz zu sehen. Vorgestellt werden Schädlinge, die in Museen, Archiven, Bibliotheken und privaten Haushalten vorkommen können. Die Schau erklärt zugleich, wie sich moderne Schutzmaßnahmen von früheren Bekämpfungsmethoden unterscheiden.

Zu den möglichen Materialschädlingen gehören:

  • Papierfischchen,
  • Kleidermotten,
  • Pelz- und Brotkäfer,
  • Holzschädlinge,
  • Silberfischchen,
  • Nagetiere und Schimmelpilze.

Nicht jede Art befällt dieselben Materialien. Manche Larven fressen Wolle, Federn oder Tierpräparate. Andere greifen Holz, Papier, Klebstoffe oder getrocknete Pflanzen an. Besonders gefährdet sind Objekte, die lange unbewegt in dunklen Depots, Schränken oder Verpackungen lagern.

Die Ausstellung macht damit eine Arbeit sichtbar, die Museumsbesucher normalerweise kaum bemerken. Während Ausstellungen aufgebaut und Objekte erforscht werden, müssen Mitarbeiter zugleich kontrollieren, ob sich in Verpackungen, Böden oder Regalen ungebetene Bewohner ausbreiten.

Papierfischchen fressen nicht nur gewöhnliches Papier

Papierfischchen ähneln auf den ersten Blick den bekannteren Silberfischchen. Sie können jedoch auch in trockeneren Räumen überleben und verbreiten sich dadurch leichter in Archiven, Bibliotheken und modernen Gebäuden.

Die Tiere ernähren sich unter anderem von cellulose- und stärkehaltigen Stoffen. Dokumentierte Schäden reichen von unregelmäßigen Löchern bis zu abgeschabten Oberflächen an Büchern, Fotografien, Tapeten und bedrucktem Papier. Auch Karton, Pergaminpapier, Textilien aus Naturfasern und Insektensammlungen können betroffen sein.

Typische Spuren sind:

  • kleine Fraßlöcher,
  • oberflächlich abgeschabte Druckfarben,
  • beschädigte Buchrücken und Klebungen,
  • Kotpartikel,
  • angefressene Kartons und Verpackungen.

Der Schaden entsteht meist langsam. Gerade deshalb kann ein Befall lange unentdeckt bleiben. Ein einzelnes Tier ist noch keine Katastrophe. Problematisch wird es, wenn sich eine Population in schwer zugänglichen Bereichen etabliert und über längere Zeit ungestört bleibt.

Nicht jeder Fund bedeutet einen Befall der Görlitzer Sammlung

Die Ausstellung zeigt ein allgemeines Risiko für Museen und Archive. Aus ihrer Existenz lässt sich nicht ableiten, dass die Görlitzer Bestände aktuell großflächig befallen sind. Öffentlich bekannte Angaben über einen akuten Schaden an konkreten Senckenberg-Objekten liegen nicht vor.

Gerade diese Unterscheidung ist wichtig. Museen zeigen Schädlinge nicht erst dann, wenn bereits schwere Verluste entstanden sind. Moderne Sammlungspflege setzt möglichst früh an und versucht, Befall zu verhindern oder bereits bei einzelnen Funden zu erkennen.

Das Senckenberg-Institut steht dabei vor einer besonderen Herausforderung. Die wissenschaftlichen Sammlungen in Görlitz umfassen rund sieben Millionen Einzelobjekte. Ein großer Teil davon soll schrittweise auf den neuen Forschungscampus nahe dem Bahnhof umziehen. Verpackung, Transport und Neuordnung solcher Bestände erfordern besonders sorgfältige Kontrollen.

Jedes Objekt muss dabei passend behandelt werden. Ein Gesteinsstück stellt andere Anforderungen als ein getrocknetes Insekt, ein Pflanzenbeleg oder ein historisches Buch.

Fallen statt flächendeckender Giftbehandlung

Museen setzen heute zunehmend auf ein integriertes Schädlingsmanagement. Dabei geht es nicht darum, ganze Gebäude regelmäßig mit Insektiziden zu behandeln. Stattdessen werden Risiken systematisch überwacht und möglichst früh begrenzt.

Zu den üblichen Maßnahmen gehören:

  • regelmäßige Klebe- und Pheromonfallen,
  • Kontrolle neu eingehender Objekte,
  • Quarantäne verdächtiger Stücke,
  • Reinigung von Böden, Regalen und Hohlräumen,
  • Überwachung von Temperatur und Luftfeuchtigkeit,
  • dichte Verpackungen und geeignete Lagerbehälter,
  • Dokumentation jedes Fundes.

Früher kamen in Sammlungen teilweise hochgiftige Stoffe wie Arsen oder DDT zum Einsatz. Heute versuchen Museen, Biozide möglichst zu vermeiden. Befallene Objekte können je nach Material eingefroren, erwärmt oder unter Sauerstoffentzug behandelt werden.

„Vorbeugen statt vergiften“ ist zum Grundprinzip moderner Sammlungspflege geworden.

Der entscheidende Vorteil liegt in der Dauerbeobachtung. Fallen zeigen nicht nur, ob Insekten vorhanden sind. Über Fundort, Art und Anzahl lässt sich auch erkennen, ob sich ein Problem ausbreitet oder nur ein einzelnes Tier eingeschleppt wurde.

Verpackungen können Schädlinge einschleppen

Papierfischchen gelangen nicht nur durch offene Fenster oder Gebäuderitzen in Sammlungen. Sie können auch mit Kartons, Verpackungsmaterialien, Büchern oder neu übernommenen Objekten eingeschleppt werden.

Das macht Waren- und Objektbewegungen zu einem besonderen Risiko. Gerade bei Umzügen, Leihgaben oder großen Ausstellungsvorbereitungen werden zahlreiche Kisten geöffnet, transportiert und neu eingelagert.

Für das Görlitzer Senckenberg-Institut ist das aktuell besonders relevant. Der Umzug auf den neuen Campus soll mehrere Jahre dauern. Die begleitende Ausstellung „Eingepackt & Ausgepackt“ zeigt, wie umfangreich die logistische Aufgabe ist.

Dabei müssen Mitarbeiter nicht nur Transportschäden verhindern. Sie müssen auch vermeiden, Schädlinge von einem alten Standort in ein neues Depot mitzunehmen.

Eine mögliche Schutzkette umfasst:

  • Sichtkontrolle vor dem Verpacken,
  • Verwendung sauberer Materialien,
  • getrennte Lagerung auffälliger Objekte,
  • Fallen an alten und neuen Standorten,
  • erneute Kontrolle nach dem Transport.

Klimatisierung schützt nicht vor allen Arten

Viele klassische Museumsschädlinge bevorzugen warme und feuchte Bedingungen. Gute Klimatisierung und trockene Lagerung können ihre Entwicklung erschweren.

Papierfischchen sind jedoch vergleichsweise anpassungsfähig. Sie kommen auch mit trockenerer Raumluft zurecht und vertragen höhere Temperaturen. Ihre Entwicklung verlangsamt sich erst bei niedrigen Temperaturen deutlich.

Damit reicht es nicht, ein Depot lediglich trocken zu halten. Ritzen, Hohlräume, Verpackungsmaterialien und schlecht zugängliche Wandbereiche müssen ebenfalls kontrolliert werden.

Hinzu kommt ein wirtschaftlicher Konflikt: Eine konstante Klimatisierung, gute Gebäudeabdichtung und regelmäßige Schädlingskontrolle verursachen laufende Kosten. Gerade kleinere Museen und kommunale Archive verfügen dafür nicht immer über ausreichend Personal und moderne Depotflächen.

Die Schäden bleiben dennoch nicht auf den materiellen Wert eines Buches oder Präparats beschränkt. Wissenschaftliche Sammlungen enthalten häufig Einzelstücke, historische Vergleichsobjekte oder Belege ausgestorbener Arten. Ein schwer beschädigtes Objekt lässt sich möglicherweise nicht ersetzen.

Kleine Tiere machen ein großes Problem sichtbar

Die Görlitzer Sonderausstellung lebt von einem ungewöhnlichen Perspektivwechsel. Museumsschädlinge sind keine spektakulären Ausstellungstiere. Sie zeigen aber, wie aufwendig das Bewahren von Wissen und Kulturgut tatsächlich ist.

Das öffentliche Bild eines Museums wird meist von Ausstellungen geprägt. Der weitaus größere Teil der Bestände liegt jedoch in Depots und Magazinen. Dort entscheidet sich, ob Objekte auch in Jahrzehnten noch erforscht und gezeigt werden können.

Papierfischchen sind deshalb mehr als ein kurioses Insektenthema. Sie stehen für eine dauerhafte Aufgabe, die Personal, Fachwissen, geeignete Gebäude und langfristige Finanzierung benötigt.

Quellen und Datenbasis

  • Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz: Sonderausstellung „Es nagt nicht nur der Zahn der Zeit“, 24. April bis 1. November 2026.
  • Stadt Görlitz: Veranstaltungsinformationen zur Ausstellung über Museums- und Wohnungsschädlinge.
  • Fachportal Museumsschädlinge: Schäden, Monitoring und Behandlung von Papierfischchen.
  • Senckenberg Görlitz: Informationen zum Umzug der wissenschaftlichen Sammlungen auf den neuen Campus.