Die Politikwissenschaftler Jan Kofroň und Jakub Stauber von der Karls-Universität Prag haben dafür zwei unterschiedliche Angriffsszenarien entwickelt und jeweils 250.000 mögliche Gefechtsverläufe berechnet. Ihre Studie kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Eine erfolgreiche Verteidigung wäre auch ohne größere amerikanische Bodentruppen möglich. Entscheidend wäre allerdings, wie schnell die europäischen NATO-Staaten Polen unterstützen.
Währenddessen bereitet sich Warschau auf eine langfristige Stärkung seiner Streitkräfte vor. Die Regierung will die Armee einschließlich Reserve und Territorialverteidigung auf insgesamt 500.000 Angehörige ausbauen. Mit modernen Kampfpanzern, Kampfjets, Hubschraubern und neuen Grenzbefestigungen soll ein möglicher Angriff bereits an der Ostgrenze aufgehalten werden.
Nur 65 Kilometer zwischen Russland und Belarus
Der Suwałki-Korridor liegt im Nordosten Polens an der Grenze zu Litauen. An seiner engsten Stelle beträgt die Entfernung zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und Belarus rund 65 Kilometer Luftlinie. Die polnisch-litauische Grenze ist etwa 91 Kilometer lang.
Die Region besteht überwiegend aus Wäldern, Seen, landwirtschaftlichen Flächen und kleineren Ortschaften. Nur wenige größere Straßen- und Eisenbahnverbindungen führen von Polen nach Litauen.
Für die NATO besitzt dieser Landstrich eine besondere Bedeutung. Über ihn können Truppen, militärisches Gerät, Munition und Versorgungsgüter auf dem Landweg in die baltischen Mitgliedstaaten transportiert werden.
Würde eine russische Offensive die Verbindung unterbrechen, wären Estland, Lettland und Litauen auf Nachschub über den Luft- und Seeweg angewiesen. Eine militärische Versorgung bliebe damit grundsätzlich möglich, würde jedoch deutlich komplizierter.
Aus russischer Sicht könnte die Kontrolle über den Korridor zugleich eine direkte Landverbindung zwischen Belarus und Kaliningrad schaffen.
Der militärische Wert dieser Region erklärt, weshalb sie seit Jahren Bestandteil westlicher Verteidigungsplanungen ist.
250.000 Simulationen pro Szenario: Was die Wissenschaftler untersuchten
Die Untersuchung der beiden Prager Forscher trägt den Titel „Don't count on the U.S.: Can Russia achieve a rapid breakthrough in Central Europe?“.
Sie beschäftigt sich mit einer entscheidenden Frage: Könnten die europäischen NATO-Staaten einen schnellen russischen Durchbruch in Nordostpolen verhindern, wenn umfangreiche amerikanische Verstärkungen zunächst ausbleiben?
Für die Berechnungen verwendeten die Forscher ein militärwissenschaftliches Modell, das unter anderem Truppenstärken, Ausrüstung, Ausbildungsstand und weitere Einflussfaktoren berücksichtigt.
Untersucht wurden zwei grundsätzliche Szenarien.
Im ersten Fall greifen russische Streitkräfte mit einer begrenzten Anzahl professioneller Verbände an. Im zweiten Fall stehen dem Angreifer zusätzliche Wehrpflichtige beziehungsweise Reservisten zur Verfügung.
Für jedes Szenario führten die Wissenschaftler 250.000 sogenannte Monte-Carlo-Simulationen durch. Dabei wurden wichtige Ausgangsbedingungen innerhalb festgelegter Grenzen immer wieder verändert.
Auf diese Weise entstanden insgesamt 500.000 modellierte Gefechtsverläufe.
Die Berechnungen sind jedoch keine Vorhersage eines bevorstehenden Krieges. Sie zeigen ausschließlich, wie sich unterschiedliche Annahmen innerhalb des verwendeten mathematischen Modells auf mögliche Ergebnisse auswirken.
Im ungünstigen Szenario droht ein russischer Durchbruch
Besonders aufschlussreich sind die Ergebnisse für einen begrenzten russischen Angriff ohne den zusätzlichen Einsatz großer Reservistenverbände.
Unter den unterschiedlichen simulierten Bedingungen gelang russischen Streitkräften innerhalb der ersten Woche in 16,5 Prozent der Berechnungen ein Durchbruch.
Nach zwei Wochen lag der entsprechende Anteil bereits bei 43,9 Prozent. Bis zum Ende der dritten Woche stieg er auf 49,1 Prozent.
Diese Werte dürfen nicht als tatsächliche Eintrittswahrscheinlichkeit eines russischen Sieges verstanden werden. Sie beschreiben ausschließlich die Ergebnisse der gewählten Modellrechnungen mit ihren unterschiedlichen Annahmen über Truppenstärken und militärische Fähigkeiten.
Dennoch wird ein grundlegendes Problem deutlich: Ohne rechtzeitige Unterstützung könnte Polen bei einem größeren Angriff erheblich unter Druck geraten.
Die Berechnungen zeigen zugleich, dass zusätzliche europäische Verbände die Verteidigung deutlich stärken würden. Schon die frühzeitige Verlegung von ungefähr zehn weiteren Kampfbrigaden könnte die Wahrscheinlichkeit eines schnellen russischen Durchbruchs erheblich verringern.
Eine Brigade umfasst je nach Streitkraft und Auftrag mehrere Tausend Soldaten sowie die entsprechende militärische Ausrüstung und Unterstützung.
Die entscheidende Voraussetzung wäre, dass diese Verbände rechtzeitig einsatzbereit sind.
Bei einem größeren russischen Angriff wären 20 NATO-Brigaden erforderlich
Noch schwieriger fällt das zweite untersuchte Szenario aus.
Wenn Russland neben seinen regulären Streitkräften größere Verbände aus Wehrpflichtigen und Reservisten einsetzen würde, kämen die Forscher zu deutlich höheren Anforderungen an die Verteidigung.
In diesem Fall wären ungefähr 20 zusätzliche europäische Kampfbrigaden erforderlich, um das Risiko eines schnellen Durchbruchs ausreichend zu begrenzen.
Das würde erhebliche Teile der verfügbaren schweren Landstreitkräfte europäischer NATO-Mitglieder beanspruchen.
Besonders problematisch wäre die Geschwindigkeit der Mobilisierung. Die Verbände müssten nicht nur aufgestellt, sondern auch mit Panzern, Artillerie, Luftabwehr, Treibstoff, Ersatzteilen und ausreichend Munition an die Ostflanke verlegt werden.
Die Wissenschaftler betonen deshalb, dass eine moderne Ausrüstung allein nicht genügt.
Entscheidend sind ebenso gut ausgebildete Soldaten, funktionierende Reservestrukturen, ausreichende Logistik und die politische Bereitschaft, militärische Unterstützung unverzüglich zu leisten.
Polen will eine Armee mit 500.000 Soldaten und Reservisten
Die polnische Regierung reagiert auf die veränderte Sicherheitslage mit einer umfassenden Verstärkung ihrer Streitkräfte.
Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz bezeichnete den Aufbau einer insgesamt 500.000 Angehörige umfassenden Armee im Februar 2026 ausdrücklich als strategisches Ziel.
Dazu sollen Berufssoldaten, Territorialverteidigungskräfte, militärische Nachwuchskräfte und Reservisten gehören. Es handelt sich um ein langfristiges Ausbauziel, nicht um die gegenwärtige Stärke der ständig einsatzbereiten Truppen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Aufbau einer leistungsfähigen Reserve, die im Krisenfall kurzfristig mobilisiert werden kann.
Auch finanziell setzt Warschau ungewöhnliche Prioritäten. Nach NATO-Schätzungen wird Polen 2026 rund 4,68 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für die Verteidigung aufwenden. Damit gehört das Land innerhalb des Bündnisses zu den Staaten mit den höchsten Verteidigungsausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt.
Abrams, K2 und F-35: Polen investiert Milliarden in moderne Waffen
Die polnische Aufrüstung umfasst zahlreiche große Beschaffungsprogramme.
Allein bei amerikanischen Abrams-Kampfpanzern hat Polen insgesamt 366 Fahrzeuge unterschiedlicher Ausführungen bestellt. Hinzu kommen südkoreanische Kampfpanzer des Typs K2.
Die ersten 180 K2 wurden bis November 2025 vollständig geliefert. Ein weiterer Vertrag umfasst 180 zusätzliche Fahrzeuge, die zwischen 2026 und 2030 ausgeliefert werden sollen. Ein Teil davon wird in einer polnischen Variante gefertigt.
Auch die Luftstreitkräfte werden modernisiert.
Polen hat 32 amerikanische F-35-Kampfjets bestellt. Die ersten drei Maschinen landeten im Mai 2026 auf dem polnischen Luftwaffenstützpunkt Łask und wurden im Juni offiziell in die Streitkräfte übernommen.
Hinzu kommen 96 bestellte amerikanische Apache-Kampfhubschrauber. Für deren Wartung und Instandsetzung wird in Łódź ein großes Servicezentrum aufgebaut.
Darüber hinaus investiert Warschau in Artillerie, Luftverteidigung, Drohnen und die eigene Rüstungsindustrie.
Diese Beschaffungen sollen die Verteidigungsfähigkeit Polens stärken. Allerdings benötigen neue Waffensysteme auch ausgebildete Besatzungen, Wartungspersonal, Munition und eine leistungsfähige Infrastruktur. Bis sämtliche bestellten Systeme vollständig integriert sind, werden noch mehrere Jahre vergehen.
Grenzbefestigungen sollen russischen Vormarsch erschweren
Neben dem Ausbau seiner Streitkräfte investiert Polen in die Sicherung der Grenzen zu Belarus und Kaliningrad.
Das Programm „Tarcza Wschód“, auf Deutsch „Ostschild“, sieht den Aufbau umfangreicher Verteidigungsanlagen vor.
Geplant beziehungsweise bereits im Bau sind unter anderem militärische Hindernisse, vorbereitete Sperren, Überwachungssysteme und Einrichtungen, die eine schnelle Verstärkung gefährdeter Grenzabschnitte ermöglichen sollen.
Das Programm soll einen möglichen Angriff erschweren und den Verteidigern zusätzliche Zeit verschaffen.
Zugleich hat Polen im Juli 2026 einen besonderen Grenzverteidigungsverband innerhalb seiner Territorialstreitkräfte eingerichtet. Vier Brigaden sollen sich verstärkt auf die Sicherung der östlichen und nordöstlichen Grenzregionen konzentrieren.
Auch der Schutz kritischer Infrastruktur gewinnt an Bedeutung.
Am 6. Oktober kündigte Ministerpräsident Donald Tusk zusätzliche Investitionen von 102,4 Milliarden Złoty in den Zivil- und Bevölkerungsschutz über einen Zeitraum von fünf Jahren an. Damit sollen unter anderem die Widerstandsfähigkeit des Landes und die Vorbereitung auf Krisen verbessert werden.
Auch die Bundeswehr baut am Suwałki-Korridor mit
Der Ausbau der polnischen Verteidigungsanlagen ist längst keine rein nationale Angelegenheit mehr.
Seit Sommer 2026 unterstützt die Bundeswehr Polen beim Bau von Grenzbefestigungen. Auf polnische Einladung wurden deutsche Pionierkräfte entsandt, die beim Ausbau militärischer Infrastruktur helfen.
Der Auftrag umfasst ausdrücklich auch den strategisch wichtigen Suwałki-Korridor.
Damit beteiligt sich Deutschland unmittelbar an der Vorbereitung der Verteidigung der NATO-Ostflanke.
Parallel baut die Bundeswehr ihre dauerhafte Präsenz in Litauen aus. Die deutsche Panzerbrigade 45 soll dort einen wichtigen Beitrag zur Bündnisverteidigung leisten.
Aus militärischer Sicht ergänzen sich beide Vorhaben: Während polnische und deutsche Pionierkräfte die Verteidigungsinfrastruktur stärken, sollen in Litauen stationierte Kampfverbände die Abschreckung gegenüber Russland erhöhen.
Was die Simulationen nicht berücksichtigen
Die wissenschaftliche Untersuchung enthält wichtige Einschränkungen.
So wurde die Wirkung der Luftstreitkräfte nicht berücksichtigt. Auch die geografischen Besonderheiten Nordostpolens, darunter zahlreiche Seen, Wälder und andere natürliche Hindernisse, gingen nicht als möglicher Vorteil der Verteidiger in die Berechnungen ein.
Die Forscher nahmen außerdem an, dass Russland zumindest teilweise überraschend angreifen oder eine zögerliche Reaktion der NATO ausnutzen könnte.
Dadurch fallen die Ausgangsbedingungen für die Verteidiger bewusst ungünstig aus.
Andererseits setzen die Berechnungen voraus, dass polnische Kräfte rechtzeitig Verteidigungsstellungen beziehen können. Ob das bei einer tatsächlichen militärischen Krise in jeder Situation gelingen würde, bleibt ungewiss.
Auch die künftige Entwicklung der russischen Streitkräfte lässt sich nicht zuverlässig vorhersagen.
Die Ergebnisse erlauben deshalb keine Aussage darüber, ob Russland tatsächlich angreifen wird oder wie ein realer Krieg ausgehen würde.
Die eigentliche Gefahr liegt in einer verspäteten NATO-Reaktion
Die zentrale Erkenntnis der wissenschaftlichen Untersuchung betrifft weniger die zahlenmäßige Überlegenheit einer einzelnen Armee als die Handlungsfähigkeit des gesamten Bündnisses.
Polen könnte einen großen russischen Angriff nach Einschätzung der Forscher nur schwer allein abwehren. Gemeinsam mit europäischen NATO-Partnern wäre eine wirksame Verteidigung dagegen möglich.
Dafür müssten die Verbündeten frühzeitig handeln und ausreichend einsatzbereite Kräfte bereitstellen.
Insbesondere Deutschland käme dabei eine wichtige Rolle zu. Als großes europäisches NATO-Mitglied und wichtiger logistischer Verbindungspunkt für Truppenbewegungen nach Osteuropa wäre die Bundesrepublik unmittelbar an einer solchen Verteidigungsoperation beteiligt.
Für die Sicherheit der baltischen Staaten ist der Suwałki-Korridor deshalb weit mehr als eine unscheinbare Grenzregion zwischen Polen und Litauen.
Er steht für eine entscheidende Frage der europäischen Sicherheitspolitik: Können die NATO-Staaten ihre Streitkräfte im Ernstfall schnell genug zusammenführen, um einen Angriff bereits in seiner Anfangsphase zu stoppen?
Die 500.000 Modellrechnungen liefern darauf keine endgültige Antwort. Sie zeigen aber, weshalb Polen seine Armee massiv ausbaut und die europäischen NATO-Staaten ihre Verteidigungsplanung zunehmend auf einen möglichen Konflikt an der Ostflanke ausrichten.