Präsident erneuert Forderung
Der Streit um deutsche Reparationen an Griechenland ist wieder aufgeflammt.
Griechenlands Staatspräsident Konstantinos Tasoulas hat am Sonntag erklärt, die Ansprüche seines Landes seien weiterhin „aktiv, rechtmäßig und nicht verjährt“.
Tasoulas äußerte sich bei einer Gedenkveranstaltung zum Massaker von Lyngiades in Nordgriechenland.
Dort wurden während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg nach griechischen Angaben 88 Menschen von deutschen Truppen getötet.
Unter den Opfern waren mehr als 40 Kinder und Jugendliche.
Bis zu 341 Milliarden Euro stehen im Raum
Die griechischen Forderungen umfassen mehrere Bereiche.
Dazu zählen Entschädigungen für Kriegsschäden, Zahlungen im Zusammenhang mit NS-Verbrechen sowie die Rückzahlung eines Kredits, den Griechenland während der deutschen Besatzung zwangsweise gewähren musste.
Je nach Berechnungsmethode werden Gesamtsummen zwischen rund 278 und 341 Milliarden Euro genannt.
Eine frühere parlamentarische Untersuchung in Griechenland kam auf rund 289 Milliarden Euro.
Dabei wurden neben materiellen Schäden auch der Besatzungskredit und weitere Forderungen berücksichtigt.
Parlament beschloss 2019 weitere Verfolgung der Ansprüche
Das griechische Parlament hatte bereits 2019 mit breiter Mehrheit beschlossen, die Forderungen gegenüber Deutschland weiterzuverfolgen.
Die damalige Regierung übermittelte Berlin anschließend eine diplomatische Note.
Aus Sicht Athens sind die Ansprüche damit ausdrücklich nicht erledigt.
Auch im Europäischen Parlament wurde die Frage zuletzt wieder aufgegriffen.
In einer parlamentarischen Anfrage aus dem Jahr 2025 wurde ebenfalls eine Summe von 289 Milliarden Euro genannt.
Deutschland lehnt Forderungen ab
Die Bundesregierung vertritt seit Jahren eine völlig andere Rechtsauffassung.
Berlin betrachtet die Reparationsfrage als rechtlich und politisch abgeschlossen.
Dabei verweist Deutschland unter anderem auf die internationale Nachkriegsordnung und die Regelungen im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung.
Auch 2026 hat die Bundesregierung an dieser Position festgehalten.
Noch im März erklärte das Auswärtige Amt nach einem Besuch des griechischen Außenministers in Berlin, die bekannte deutsche Rechtsposition habe sich nicht verändert.
Streit über den Zwei-plus-Vier-Vertrag
Ein zentraler Punkt der Auseinandersetzung ist der sogenannte Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990.
Deutschland sieht darin einen wesentlichen Abschluss der offenen Fragen aus dem Zweiten Weltkrieg.
Griechenland war jedoch nicht Vertragspartei.
Griechische Vertreter argumentieren deshalb seit Jahren, dass ihre eigenen Ansprüche dadurch nicht erloschen seien.
Genau an diesem Punkt unterscheiden sich die rechtlichen Bewertungen beider Staaten grundlegend.
Besatzungskredit spielt besondere Rolle
Besonders umstritten ist der sogenannte Besatzungskredit.
Während der deutschen Besatzung wurde die griechische Zentralbank gezwungen, erhebliche Mittel zur Finanzierung der Besatzung bereitzustellen.
Griechenland betrachtet diesen Kredit als eigenständige finanzielle Verpflichtung Deutschlands.
Berlin sieht auch diesen Punkt als Teil der insgesamt abgeschlossenen Reparationsfrage.
Eine gemeinsame juristische Bewertung gibt es bis heute nicht.
Deutschland zahlte bereits 1960
Die Bundesrepublik Deutschland zahlte 1960 im Rahmen eines bilateralen Abkommens 115 Millionen D-Mark an Griechenland.
Dabei ging es insbesondere um Entschädigungen für Opfer nationalsozialistischer Verfolgung.
Aus deutscher Sicht war dies ein wesentlicher Teil der Aufarbeitung.
Griechenland argumentiert dagegen, dass diese Zahlung nicht sämtliche staatlichen Reparationsforderungen abgedeckt habe.
Massaker prägen die Erinnerung bis heute
Die Diskussion ist in Griechenland eng mit konkreten historischen Orten verbunden.
Neben Lyngiades gehören dazu Distomo, Kalavryta und zahlreiche weitere Orte, an denen deutsche Besatzungstruppen Massaker an Zivilisten verübten.
Diese Verbrechen sind im griechischen kollektiven Gedächtnis bis heute stark präsent.
Auch deutsche Bundespräsidenten haben in der Vergangenheit mehrfach an entsprechenden Gedenkveranstaltungen teilgenommen.
Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck besuchte Lyngiades 2014 und legte dort einen Kranz nieder.
Gute Beziehungen – trotz offenem Streitpunkt
Trotz der Reparationsfrage sind die deutsch-griechischen Beziehungen heute eng.
Beide Länder arbeiten innerhalb der Europäischen Union und der NATO zusammen.
Deutschland gehört zudem zu den wichtigsten Wirtschafts- und Handelspartnern Griechenlands.
Die Reparationsfrage bleibt dennoch regelmäßig ein politischer Streitpunkt.
Athen betrachtet sie als weiterhin offen.
Berlin lehnt neue Verhandlungen bislang ab.
Keine Annäherung erkennbar
Die erneute Erklärung des griechischen Präsidenten verändert diese Ausgangslage zunächst nicht.
Sie zeigt jedoch, dass Griechenland das Thema politisch nicht aufgeben will.
Damit stehen sich zwei unvereinbare Positionen gegenüber.
Griechenland erklärt seine Ansprüche weiterhin für rechtmäßig und einklagbar.
Deutschland betrachtet dieselben Ansprüche als abgeschlossen.
Eine Lösung ist derzeit nicht erkennbar.
Mehr als acht Jahrzehnte nach Ende der deutschen Besatzung bleibt damit eine der schwierigsten historischen Fragen zwischen beiden Ländern ungelöst.