Frankreich erlebt eine der schwersten Schülerprotestwellen der vergangenen Jahre.
Seit Tagen blockieren Schülerinnen und Schüler Schulen, demonstrieren gegen fehlende Lehrkräfte, schlechte Gebäude und überfüllte Klassen. Inzwischen haben sich die Proteste auf zahlreiche Regionen des Landes ausgeweitet.
Doch neben friedlichen Demonstrationen kam es zu schweren Ausschreitungen.
Schulen wurden beschädigt, Fahrzeuge angezündet, Polizisten angegriffen und Lehrer verletzt.
Seit Montag wurden nach Angaben der französischen Regierung mehr als 5.000 Menschen festgenommen.
Rund 85 Prozent von ihnen sind minderjährig.
Lehrer mit Benzin übergossen
Besonders schwere Vorfälle ereigneten sich in La Ciotat bei Marseille.
Am Freitag versuchte ein Lehrer vor dem Lycée Méditerranée, einen gelegten Brand zu löschen.
Nach bisherigen Erkenntnissen wurde er dabei von einem Jugendlichen mit Benzin übergossen.
Anschließend wurde der Lehrer auch körperlich angegriffen.
Die französische Justiz leitete Ermittlungen wegen erschwerter Gewalt ein.
Am Sonntagmorgen nahmen Ermittler einen 16-jährigen Schüler fest. Er soll an dem Angriff beteiligt gewesen sein und wurde in Polizeigewahrsam genommen.
Auch eine weitere Lehrkraft soll während der Ausschreitungen angegriffen worden sein.
Tausende Festnahmen innerhalb weniger Tage
Das französische Innenministerium meldet inzwischen mehr als 5.000 Festnahmen seit Beginn der Woche.
Allein am Freitag wurden nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez 1.747 Menschen festgenommen.
Am Donnerstag waren es 1.954.
Nach Angaben des Innenministers kam es rund um mindestens 158 Bildungseinrichtungen zu Ausschreitungen, Angriffen auf Einsatzkräfte oder anderen Gewalttaten.
Neben Polizisten wurden auch Lehrkräfte, Journalisten und Passanten attackiert.
Hunderte Verletzte
Die Bilanz der Protestwoche ist erheblich.
Hunderte Polizisten und Gendarmen wurden bei den Einsätzen verletzt.
Das französische Bildungsministerium meldete außerdem zahlreiche verletzte Schülerinnen und Schüler sowie Beschäftigte des Bildungswesens.
Unter den Verletzten befinden sich auch Schulleiter.
Die Gewalt ist dabei nicht auf Paris beschränkt.
Aus mehreren Städten wurden Brände, Sachbeschädigungen und Zusammenstöße mit der Polizei gemeldet.
In Marseille wurde ein Feuerwehrfahrzeug angezündet.
Auch aus Nantes und anderen Städten wurden Brände an oder in der Nähe von Schulen gemeldet.
Hunderte Schulen betroffen
Am Freitag waren nach Angaben von Bildungsminister Édouard Geffray noch 735 Schulen von Protesten betroffen.
Damit hatte sich die Zahl gegenüber dem Vortag zwar reduziert.
Die Auswirkungen auf den Schulbetrieb bleiben dennoch erheblich.
Für Montag rechnet das Bildungsministerium weiterhin mit zahlreichen geschlossenen Schulen.
Teilweise soll der Unterricht digital stattfinden.
Die Regierung versucht damit, Unterrichtsausfälle zu begrenzen und gleichzeitig weitere Auseinandersetzungen vor den Schulen zu verhindern.
Warum protestieren die Schüler?
Die Bewegung begann nicht wegen eines einzelnen Ereignisses.
Seit längerer Zeit gibt es in Frankreich Kritik an den Bedingungen an vielen Schulen.
Schüler beklagen fehlende Lehrer, Unterrichtsausfall, überfüllte Klassen und teilweise sanierungsbedürftige Gebäude.
Besonders angespannt ist die Situation in sozial schwächeren Regionen rund um Paris.
Dort fehlen teilweise Lehrkräfte und anderes Personal.
Hinzu kommen Beschwerden über lange Schultage, Leistungsdruck und die Bedingungen beim Übergang an Universitäten.
Die Proteste entwickelten sich zunächst aus einzelnen Schulblockaden.
Innerhalb weniger Tage entstand daraus eine landesweite Bewegung.
Proteste und Gewalt sind nicht dasselbe
Die französischen Behörden betonen, dass nicht alle Demonstranten an Ausschreitungen beteiligt sind.
Auch Schülervertretungen haben die Gewalttaten verurteilt.
Viele Demonstrationen und Schulblockaden verliefen friedlich.
Gleichzeitig wirft das Innenministerium gewaltbereiten Gruppen vor, die Proteste gezielt für Ausschreitungen zu nutzen.
Innenminister Nuñez erklärte, Jugendliche würden teilweise über soziale Netzwerke mobilisiert und von Gruppen beeinflusst, die gezielt Auseinandersetzungen suchten.
Diese Einschätzung ist politisch umstritten.
Streit um Einfluss der Linken
Die Protestbewegung ist inzwischen auch zu einem politischen Konflikt geworden.
Regierungsvertreter werfen insbesondere der linksgerichteten Partei La France Insoumise vor, die Proteste politisch zu unterstützen und teilweise zu verschärfen.
Die Partei weist diese Darstellung zurück.
Sie beschuldigt ihrerseits die Regierung, mit einem zu harten Polizeieinsatz auf berechtigte Forderungen von Schülerinnen und Schülern zu reagieren.
Unabhängig davon unterstützen inzwischen auch Teile der Lehrerschaft die Forderungen nach höheren Investitionen in das Bildungssystem.
Frankreich plant Milliarden für Bildung
Die Regierung verweist darauf, dass für das Bildungswesen weiterhin erhebliche Mittel vorgesehen sind.
Im Haushaltsentwurf für 2027 sollen rund 65,5 Milliarden Euro für Schulen bereitgestellt werden.
Kritiker bemängeln jedoch, dass geplante Steigerungen teilweise nicht ausreichen würden, um Inflation, Personalmangel und den Sanierungsbedarf vieler Schulen auszugleichen.
Damit entwickelt sich der Protest zunehmend zu einer grundsätzlichen Debatte über die Zukunft des französischen Bildungssystems.
Regierung ruft Eltern zum Eingreifen auf
Angesichts der großen Zahl minderjähriger Festgenommener richtet sich der Blick inzwischen auch auf die Eltern.
Bildungsminister Geffray appellierte an Familien, Jugendliche von gewaltsamen Ausschreitungen fernzuhalten.
Auch aus der Justiz kommen Forderungen, Eltern stärker für Schäden verantwortlich zu machen, die ihre minderjährigen Kinder verursachen.
Die französische Regierung versucht damit, die Lage vor Beginn der neuen Woche zu beruhigen.
Neue Demonstrationen angekündigt
Ein schnelles Ende des Konflikts ist allerdings nicht absehbar.
Schülerorganisationen haben trotz der Gewalt zur Fortsetzung der Proteste aufgerufen.
Für Dienstag ist eine weitere landesweite Demonstration geplant.
Auch Gewerkschaften wollen sich beteiligen.
Damit steht Frankreich vor einer entscheidenden Woche.
Aus einem Protest gegen fehlende Lehrer und schlechte Schulbedingungen ist innerhalb kurzer Zeit eine landesweite politische Krise geworden.
Die entscheidende Frage ist nun, ob Regierung, Schulen und Schülervertreter den Konflikt wieder auf politische Verhandlungen zurückführen können.
Oder ob weitere Gewalttaten die eigentlichen Forderungen der Schülerinnen und Schüler vollständig überlagern.