Washington/Berlin. Die Vereinigten Staaten fördern mehr Rohöl als Saudi-Arabien und der Irak zusammen. Trotzdem steigen die Preise für Benzin und Diesel massiv. Ausgerechnet die größte Ölmacht der Welt kann die internationale Energiekrise nicht aus eigener Kraft beenden. Der Grund liegt nicht allein in den Folgen des Iran-Krieges. Weltweit fehlen ausreichende Raffineriekapazitäten, wichtige Transportwege bleiben gefährdet, und die Versorgung mit fertigen Kraftstoffen ist erheblich angespannt. Die Auswirkungen reichen bis nach Deutschland, wo Autofahrer, Spediteure, Landwirte und Unternehmen weiterhin mit hohen Energiekosten rechnen müssen.
Die USA fördern derzeit nahezu 14 Millionen Barrel Rohöl täglich. Ein Barrel entspricht rund 159 Litern. Dennoch hat sich Benzin in den Vereinigten Staaten nach aktuellen Berechnungen innerhalb eines Jahres um rund 41 Prozent verteuert. Bei Diesel liegt der Anstieg sogar bei etwa 71 Prozent.
Die Entwicklung offenbart ein grundlegendes Problem der globalen Energieversorgung: Entscheidend ist nicht nur, wie viel Rohöl aus dem Boden geholt wird. Es muss auch transportiert, in Raffinerien verarbeitet und anschließend an Verbraucher und Unternehmen geliefert werden können.
Größter Ölproduzent der Welt kann Preise nicht kontrollieren
Die Vereinigten Staaten haben ihre Rohölförderung in den vergangenen Jahren erheblich ausgebaut. Vor allem die Gewinnung aus Schiefergestein hat dazu beigetragen, dass das Land inzwischen weltweit an der Spitze steht.
Mit einer täglichen Förderung von nahezu 14 Millionen Barrel übertrifft die amerikanische Produktion selbst die zusammengerechneten Fördermengen von Saudi-Arabien und Irak.
Dennoch bedeutet eine hohe nationale Ölproduktion nicht, dass ein Land unabhängig von den internationalen Energiemärkten ist.
Rohöl wird weltweit gehandelt. Die Preise orientieren sich deshalb maßgeblich an den globalen Angebots- und Nachfrageverhältnissen.
Wenn Förderanlagen in anderen Regionen ausfallen, Handelsrouten blockiert werden oder große Raffinerien weniger Kraftstoffe produzieren, wirkt sich dies auch auf die Vereinigten Staaten aus.
Hinzu kommt, dass nicht jede Rohölsorte für jede Raffinerie gleichermaßen geeignet ist.
Amerikanische Raffinerien sind teilweise auf bestimmte Qualitäten ausgelegt und benötigen deshalb weiterhin Rohölimporte, während gleichzeitig im Inland gefördertes Öl exportiert wird.
Eine hohe Fördermenge allein garantiert somit keine niedrigen Preise an den Tankstellen.
Benzin um 41 Prozent, Diesel um 71 Prozent teurer
Besonders deutlich wird die Krise an den amerikanischen Kraftstoffpreisen.
Nach den aktuellen Angaben ist der Benzinpreis innerhalb eines Jahres um rund 41 Prozent gestiegen. Bei Diesel beträgt die Verteuerung etwa 71 Prozent.
Die amerikanische Energiebehörde EIA bezifferte den durchschnittlichen Benzinpreis im September 2026 auf 4,35 US-Dollar je Gallone.
Diesel kostete im selben Monat durchschnittlich 6,29 Dollar je Gallone.
Eine amerikanische Gallone entspricht rund 3,785 Litern.
Damit befindet sich insbesondere der Dieselmarkt in einer außergewöhnlich angespannten Situation.
Diesel wird nicht nur von privaten Autofahrern benötigt. Er ist auch ein zentraler Energieträger für den Güterverkehr, die Landwirtschaft und zahlreiche industrielle Anwendungen.
Steigende Dieselpreise können deshalb weit über den unmittelbaren Kraftstoffverbrauch hinaus wirtschaftliche Folgen haben.
Transportkosten erhöhen sich, landwirtschaftliche Produktionskosten steigen und Unternehmen müssen zusätzliche Ausgaben in ihre Kalkulation einbeziehen.
Diese Belastungen können sich schließlich auch in höheren Verbraucherpreisen niederschlagen.
Raffinerien werden zum entscheidenden Engpass
Eine der wichtigsten Ursachen der aktuellen Krise liegt bei der Verarbeitung des Rohöls.
Rohöl kann nicht unmittelbar als Benzin oder Diesel in Fahrzeugen verwendet werden.
Zunächst muss es in Raffinerien aufbereitet und in unterschiedliche Produkte zerlegt werden.
Dabei entstehen unter anderem Benzin, Diesel, Kerosin, Heizöl und weitere petrochemische Grundstoffe.
Die verfügbaren Verarbeitungskapazitäten sind jedoch begrenzt.
Nach aktuellen Marktanalysen sind weltweit erhebliche Raffineriekapazitäten durch die Folgen des Iran-Krieges und andere Einschränkungen betroffen.
Schätzungen gehen von fünf bis sechs Millionen Barrel täglicher Verarbeitungskapazität aus, die unmittelbar oder mittelbar beeinträchtigt sind.
Selbst wenn zusätzliches Rohöl verfügbar wäre, ließe sich daraus deshalb nicht automatisch entsprechend mehr Diesel oder Benzin herstellen.
Neue Raffinerien können zudem nicht kurzfristig errichtet werden.
Der Bau solcher Anlagen erfordert hohe Investitionen, umfangreiche Genehmigungen und mehrere Jahre Planung.
Auch die Erweiterung bestehender Raffinerien ist technisch aufwendig.
Damit bleibt die Verarbeitung von Rohöl ein wesentlicher Engpass, den die hohe amerikanische Förderung allein nicht beseitigen kann.
Diesel ist weltweit besonders knapp
Die aktuelle Krise betrifft nicht sämtliche Mineralölprodukte gleichermaßen.
Besonders kritisch ist die Situation bei Diesel und anderen Mitteldestillaten, zu denen auch Heizöl gehört.
Nach Angaben der amerikanischen Energiebehörde lagen die US-Vorräte dieser Produkte in der Woche bis zum 9. Oktober bei rund 102,6 Millionen Barrel.
Das waren etwa zwölf Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
An der amerikanischen Ostküste betrug der Rückgang sogar mehr als 22 Prozent.
Damit fehlen wichtige Reserven, die normalerweise kurzfristige Lieferausfälle oder Nachfragespitzen abfedern können.
Die Situation wird durch die bevorstehende Heizperiode zusätzlich verschärft.
In den Herbst- und Wintermonaten steigt der Bedarf an bestimmten Brennstoffen. Gleichzeitig finden in einigen Raffinerien Wartungsarbeiten statt.
Dadurch kann die verfügbare Produktionsmenge zeitweise zurückgehen.
Die EIA erwartet deshalb, dass die Dieselpreise zunächst auf einem hohen Niveau bleiben.
Eine spürbare Entlastung hängt vor allem davon ab, ob sich die Raffinerieproduktion erholt und die Lagerbestände wieder steigen.
Iran-Krieg belastet weltweite Öltransporte
Neben den Raffinerieengpässen spielt die militärische Lage im Nahen Osten eine zentrale Rolle.
Seit Beginn des Iran-Krieges sind wichtige Energieanlagen und internationale Transportwege immer wieder von Angriffen und Sicherheitsrisiken betroffen.
Besonders die Straße von Hormus ist von großer Bedeutung.
Durch diese Meerenge zwischen Iran und der Arabischen Halbinsel wird unter normalen Bedingungen ein erheblicher Teil des weltweit gehandelten Erdöls transportiert.
Angriffe auf Schiffe und die Unsicherheit über mögliche weitere Eskalationen haben die Transportkosten deutlich erhöht.
Reedereien müssen zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen treffen. Versicherungen verlangen teilweise höhere Prämien, und Schiffe weichen gegebenenfalls auf längere Routen aus.
Nach aktuellen Marktberichten sind die täglichen Kosten für besonders große Öltanker auf einzelnen Strecken von zuvor rund 100.000 Dollar zeitweise auf mehr als eine Million Dollar gestiegen.
Solche extremen Ausschläge betreffen nicht sämtliche Transporte gleichermaßen. Sie verdeutlichen aber, wie stark die Kosten unter außergewöhnlichen Krisenbedingungen steigen können.
Auch wenn ausreichend Rohöl vorhanden ist, kann dessen Transport dadurch erheblich teurer werden.
Ölpreis steigt wieder in Richtung 110 Dollar
Die jüngsten Entwicklungen zeigen, wie nervös die internationalen Märkte reagieren.
Am Freitag, 16. Oktober, stieg der Preis für die Nordseesorte Brent zeitweise auf knapp 110 US-Dollar je Barrel.
Das entsprach einem Anstieg von rund 3,7 Prozent.
Die amerikanische Rohölsorte West Texas Intermediate überschritt im kurzfristigen Handel ebenfalls wieder die Marke von 100 Dollar.
Auslöser waren unter anderem neue Angriffe im Nahen Osten und anhaltende Sorgen über die Versorgung mit Öl und Kraftstoffen.
Zusätzlich beeinflussen Angriffe auf russische Energieanlagen die internationale Angebotslage.
Für die Märkte entsteht damit eine schwierige Kombination: Einerseits erholen sich einzelne Fördermengen, andererseits bleiben Raffinerien, Transportwege und Lagerbestände unter Druck.
Solange diese Unsicherheit besteht, können schon neue Meldungen über mögliche Lieferausfälle erhebliche Preisschwankungen auslösen.
Trump greift auf strategische Ölreserven zurück
Die amerikanische Regierung versucht inzwischen, den Markt mit zusätzlichen Ölmengen zu stabilisieren.
Präsident Donald Trump hatte bereits im März die Freigabe großer Mengen aus der strategischen Erdölreserve der Vereinigten Staaten angekündigt.
Insgesamt umfasst die amerikanische Zusage rund 172 Millionen Barrel.
Bis Mitte Oktober wurden nach Angaben der US-Regierung bereits etwa 132,5 Millionen Barrel aus den Reserven bereitgestellt.
Am 16. Oktober leitete das Energieministerium ein weiteres Verfahren ein, um bis zu 17 Millionen Barrel Rohöl im Rahmen eines Austauschmodells zur Verfügung zu stellen.
Damit sollen zusätzliche Mengen auf den Markt gelangen und die Versorgung stabilisiert werden.
Solche Maßnahmen können kurzfristig helfen, Engpässe zu überbrücken.
Die strategischen Reserven sind jedoch begrenzt. Außerdem können sie die fehlende Raffinerieleistung und die gestörten internationalen Transportwege nicht vollständig ersetzen.
Die Freigabe zusätzlichen Rohöls ist deshalb keine Garantie für sinkende Kraftstoffpreise.
USA setzen sogar wieder auf russischen Diesel
Besonders umstritten sind die Bemühungen Washingtons, zusätzliches Dieselangebot aus Russland auf den Weltmarkt zu bringen.
Russland zählt zu den bedeutenden Exporteuren von Diesel.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, Sanktionen und wiederholte Angriffe auf Raffinerien haben die Liefermöglichkeiten allerdings erheblich eingeschränkt.
Die amerikanische Regierung versucht nun, durch Vereinbarungen und mögliche Lockerungen bestehender Handelsbeschränkungen zusätzliche Mengen verfügbar zu machen.
Diese Politik stößt auf Kritik.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Washington vor, mit entsprechenden Geschäften Russland wirtschaftlich zu unterstützen und damit die internationalen Bemühungen um ein Ende des Krieges zu untergraben.
Auch europäische Politiker äußerten Vorbehalte.
Unabhängig von der politischen Bewertung ist außerdem fraglich, wie viel Diesel Russland kurzfristig zusätzlich liefern kann.
Denn auch dort sind Raffineriekapazitäten beschädigt und die Exportmöglichkeiten eingeschränkt.
Internationale Energieagentur beschleunigt Freigabe von Reserven
Nicht nur die Vereinigten Staaten greifen auf Notfallreserven zurück.
Auch die Internationale Energieagentur (IEA) hat angekündigt, die Bereitstellung strategischer Öl- und Kraftstoffreserven zu beschleunigen.
Die Entscheidung folgt auf Forderungen der G7-Staaten, zu denen auch Deutschland gehört.
Vorgesehen ist die beschleunigte Freigabe weiterer rund 100 Millionen Barrel.
Darunter befinden sich etwa 20 Millionen Barrel Diesel.
Bereits im März hatte die IEA wegen des Iran-Krieges eine koordinierte Freigabe von 400 Millionen Barrel beschlossen.
Die zusätzlichen Maßnahmen sollen die Versorgung sichern und den starken Preisanstieg begrenzen.
Allerdings wirken solche Eingriffe vor allem kurzfristig.
Eine dauerhafte Entspannung erfordert eine ausreichende Produktion, funktionierende Transportwege und eine Erholung der Lagerbestände.
Warum auch Deutschland die Folgen spürt
Die Energiekrise hat unmittelbare Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft.
Deutschland importiert einen erheblichen Teil der benötigten Energierohstoffe und ist deshalb eng mit den internationalen Märkten verbunden.
Wenn Rohöl, Diesel und Transportleistungen teurer werden, steigen die Kosten entlang zahlreicher Wirtschaftsketten.
Besonders betroffen sind Unternehmen, die auf große Mengen Kraftstoff angewiesen sind.
Speditionen müssen höhere Dieselkosten finanzieren. Landwirtschaftliche Betriebe benötigen Kraftstoff für Traktoren und Erntemaschinen. Auch Bauunternehmen und industrielle Produktionsbetriebe sind von der Preisentwicklung abhängig.
In Ostdeutschland trifft die Verteuerung zudem Regionen, in denen viele Menschen mangels ausreichender öffentlicher Verkehrsangebote auf das Auto angewiesen sind.
Gerade in ländlichen Gebieten von Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen kann ein längerer Arbeitsweg erhebliche Kraftstoffkosten verursachen.
Steigende Dieselpreise wirken sich darüber hinaus auf die Kosten des Gütertransports aus.
Damit kann die internationale Ölkrise auch Lebensmittel, Baumaterialien und andere Waren verteuern.
Weshalb sinkt der Spritpreis nicht sofort, wenn Rohöl billiger wird?
Für Autofahrer ist besonders schwer nachvollziehbar, weshalb sinkende Rohölpreise nicht immer unmittelbar zu günstigeren Tankstellenpreisen führen.
Der Rohölpreis ist zwar ein wichtiger Bestandteil der Kraftstoffkosten, aber nicht der einzige.
Hinzu kommen die Verarbeitung in Raffinerien, Transport und Vertrieb sowie Steuern und Abgaben.
Auch die zeitliche Entwicklung spielt eine Rolle.
Kraftstoff wird nicht zwangsläufig am selben Tag verkauft, an dem das zugrunde liegende Rohöl eingekauft wurde.
Darüber hinaus können Raffineriemargen steigen, wenn fertige Kraftstoffe knapp sind.
Dadurch kann Diesel selbst dann teuer bleiben, wenn sich der Rohölpreis zwischenzeitlich etwas entspannt.
Genau diese Entwicklung ist derzeit auf den internationalen Märkten zu beobachten.
Die Preisentwicklung an deutschen Tankstellen hängt außerdem vom Euro-Dollar-Wechselkurs ab, weil Rohöl international überwiegend in Dollar gehandelt wird.
Eine kurzfristige Entspannung beim Rohöl bedeutet deshalb nicht automatisch, dass Benzin und Diesel sofort deutlich günstiger werden.
Energiebehörde erwartet nur langsame Entspannung
Auch die amerikanische Energiebehörde EIA geht nicht von einer sofortigen Normalisierung aus.
Für das vierte Quartal 2026 erwartet sie einen durchschnittlichen Brent-Rohölpreis von rund 105 Dollar je Barrel.
Damit liegt die aktuelle Prognose deutlich über früheren Erwartungen.
Für 2027 rechnet die Behörde zwar mit einer Entspannung auf durchschnittlich etwa 84 Dollar je Barrel.
Diese Prognose setzt jedoch voraus, dass sich die internationale Versorgungslage schrittweise verbessert.
Insbesondere die Erholung der Öltransporte und die Verfügbarkeit ausreichender Raffineriekapazitäten spielen eine entscheidende Rolle.
Sollten weitere militärische Eskalationen oder größere Produktionsausfälle auftreten, könnte sich die Lage erneut verschärfen.
Eine sichere Vorhersage der Kraftstoffpreise für die kommenden Monate ist deshalb nicht möglich.
Mehr Öl allein löst die Energiekrise nicht
Die derzeitige Situation zeigt, dass die internationale Energieversorgung von einer komplexen Infrastruktur abhängig ist.
Ölförderanlagen, Pipelines, Tanker, Raffinerien, Lagerstätten und Vertriebsnetze müssen ineinandergreifen.
Fällt ein wichtiger Teil dieses Systems aus, kann selbst eine hohe Fördermenge die Versorgung nicht vollständig sichern.
Die USA sind dafür das deutlichste Beispiel.
Obwohl sie mehr Rohöl produzieren als Saudi-Arabien und Irak zusammen, können sie weder die hohen internationalen Dieselpreise verhindern noch sämtliche Folgen des Iran-Krieges ausgleichen.
Für Deutschland bedeutet das, dass die Entwicklung an den Tankstellen weiterhin stark von globalen Faktoren abhängt.
Entscheidend wird in den kommenden Monaten sein, ob die Raffinerien wieder mehr Kraftstoffe produzieren, die internationalen Handelswege sicherer werden und die Lagerbestände steigen.
Solange diese Voraussetzungen fehlen, könnte insbesondere Diesel teuer bleiben – unabhängig davon, wie viel Rohöl die Vereinigten Staaten fördern.