Berlin. Die Aussichten für den deutschen Arbeitsmarkt bleiben angespannt. Nach einer neuen Regionalprognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) dürfte die Beschäftigung 2027 in den meisten Bundesländern zurückgehen. Besonders deutlich zeichnet sich diese Entwicklung in Teilen Ostdeutschlands ab. Während Berlin und Brandenburg noch mit Beschäftigungszuwächsen rechnen können, erwarten die Arbeitsmarktforscher für Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen sinkende Beschäftigtenzahlen.

Die am 9. Oktober veröffentlichte Prognose verdeutlicht, wie unterschiedlich sich die wirtschaftliche Lage innerhalb Deutschlands entwickelt. Dabei stehen nicht nur konjunkturelle Probleme im Mittelpunkt. Auch der demografische Wandel wirkt sich zunehmend auf den Arbeitsmarkt aus.

Thüringen und Sachsen-Anhalt besonders betroffen

Für Thüringen erwartet das IAB 2027 einen Beschäftigungsrückgang um 0,7 Prozent. In Sachsen-Anhalt wird ein Minus von 0,6 Prozent prognostiziert, in Sachsen ein Rückgang um 0,4 Prozent.

Damit gehören Thüringen und Sachsen-Anhalt zu den Bundesländern mit den größten erwarteten Beschäftigungsverlusten. Bundesweit wird nur für das Saarland mit minus 1,3 Prozent ein noch stärkerer Rückgang vorhergesagt. Bremen liegt ebenso wie Sachsen-Anhalt bei minus 0,6 Prozent.

In Ostdeutschland insgesamt erwarten die Forscher einen Beschäftigungsrückgang von 0,1 Prozent. Für Westdeutschland wird derselbe Wert prognostiziert.

Die Zahlen zeigen allerdings erhebliche regionale Unterschiede. Berlin bildet mit einem erwarteten Beschäftigungsplus von 0,7 Prozent einen deutlichen Gegenpol. Brandenburg gehört mit einem prognostizierten Zuwachs von 0,1 Prozent ebenfalls zu den wenigen Ländern, in denen die Beschäftigung noch steigen dürfte.

Warum der Osten unter besonderem Druck steht

Eine wesentliche Rolle spielt die Altersstruktur der Bevölkerung. In vielen Regionen Ostdeutschlands erreichen besonders viele Arbeitnehmer in den kommenden Jahren das Rentenalter.

Wenn ältere Beschäftigte ausscheiden, können Unternehmen frei werdende Stellen nicht immer nachbesetzen. Das betrifft sowohl industrielle Betriebe als auch Handwerksunternehmen, Pflegeeinrichtungen, Verwaltungen und zahlreiche Dienstleistungsbereiche.

Der demografische Wandel kann deshalb gleichzeitig zu zwei Entwicklungen führen: Einerseits sinkt die Zahl der Beschäftigten. Andererseits bleiben Fachkräfte knapp.

Ein Beschäftigungsrückgang bedeutet folglich nicht automatisch, dass im gleichen Umfang Menschen entlassen werden. Er kann auch entstehen, wenn ausscheidende Arbeitnehmer nicht ersetzt werden oder Betriebe wegen fehlenden Personals offene Stellen nicht besetzen können.

Hinzu kommt die schwache wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre. Wenn Unternehmen Investitionen verschieben und sich bei Neueinstellungen zurückhalten, verstärkt dies den Druck auf den Arbeitsmarkt.

Berlin und Brandenburg entwickeln sich anders

Besonders auffällig ist der Unterschied zwischen Berlin und mehreren ostdeutschen Flächenländern.

Für die Hauptstadt prognostiziert das IAB 2027 einen Beschäftigungszuwachs von 0,7 Prozent. Brandenburg erreicht nach den Erwartungen der Forscher ein leichtes Plus von 0,1 Prozent.

Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass alle Regionen innerhalb dieser Länder gleichermaßen profitieren. Die Wirtschaftsstruktur unterscheidet sich zwischen Großstädten, ihrem Umland und ländlichen Räumen erheblich.

Während größere Arbeitsmärkte auf eine breite Auswahl an Arbeitgebern zurückgreifen können, hängen kleinere Städte oftmals stärker von einzelnen Betrieben oder Branchen ab.

Gerät dort ein wichtiger Arbeitgeber in Schwierigkeiten, können die Folgen für den örtlichen Arbeitsmarkt entsprechend groß sein.

Mehr Arbeitslose trotz Fachkräftemangels?

Neben der Beschäftigung untersuchte das IAB auch die Entwicklung der Arbeitslosigkeit.

Für 2027 erwartet das Institut in zehn Bundesländern einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen. Die jeweiligen Arbeitslosenquoten dürften sich allerdings insgesamt nur wenig verändern.

Dass Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel gleichzeitig auftreten können, ist kein Widerspruch. Gesuchte Qualifikationen, Wohnorte und verfügbare Arbeitskräfte passen nicht immer zusammen.

Ein Industrieunternehmen benötigt beispielsweise andere Fähigkeiten als eine Pflegeeinrichtung oder ein Handwerksbetrieb. Wer arbeitslos wird, kann deshalb nicht ohne Weiteres jede offene Stelle besetzen.

Entscheidend sind berufliche Weiterbildung, Qualifizierung, Mobilität und die Frage, ob Arbeitsplätze zu den Lebensbedingungen der Beschäftigten passen.

Was die Prognose für Ostdeutschland bedeutet

Für Länder wie Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist die Entwicklung eine wirtschaftspolitische Herausforderung.

Gehen Beschäftigtenzahlen zurück, kann dies langfristig auch Auswirkungen auf Kaufkraft, kommunale Einnahmen und die Nachfrage nach Dienstleistungen haben.

Besonders in kleineren Städten könnten sich solche Veränderungen bemerkbar machen. Dort sind Betriebe auf ausreichend qualifizierte Mitarbeiter angewiesen, während der örtliche Handel und andere Dienstleister von einer stabilen Nachfrage leben.

Gleichzeitig bietet der demografische Wandel auch Chancen für Menschen, die einen Arbeitsplatz suchen oder sich beruflich verändern möchten. Wenn viele erfahrene Beschäftigte ausscheiden, entsteht in zahlreichen Unternehmen Bedarf an Nachwuchs.

Ob daraus neue Perspektiven entstehen, hängt wesentlich davon ab, ob Ausbildung, Weiterbildung und betriebliche Investitionen Schritt halten.

Die Zahlen sind eine Prognose, keine feststehende Entwicklung

Die IAB-Berechnungen beschreiben die derzeit erwartete Entwicklung für 2027. Sie sind keine bereits eingetretenen Beschäftigungsverluste.

Wie sich der Arbeitsmarkt tatsächlich entwickelt, hängt unter anderem von der Konjunktur, dem Investitionsverhalten der Unternehmen, der Zuwanderung und der wirtschaftspolitischen Lage ab.

Dennoch ist die Richtung der Prognose bemerkenswert: Selbst eine spätere konjunkturelle Erholung würde das demografische Problem nicht automatisch lösen.

Ostdeutschland steht damit vor einer doppelten Aufgabe: Arbeitsplätze wirtschaftlich zu sichern und gleichzeitig genügend Menschen für die Arbeit der kommenden Jahre zu gewinnen.