Leuna. Während die deutsche Chemieindustrie mit hohen Energiekosten, schwacher Nachfrage und wirtschaftlicher Unsicherheit kämpft, setzt Sachsen-Anhalt ein deutliches Zeichen für die industrielle Zukunft. Im Chemiepark Leuna ist am Donnerstag, 15. Oktober 2026, eine neuartige Bioraffinerie des finnischen Konzerns UPM offiziell eröffnet worden. Rund 1,37 Milliarden Euro hat das Unternehmen investiert. Die Anlage soll künftig jährlich bis zu 220.000 Tonnen erneuerbare Chemikalien herstellen – und dabei Buchenholz statt Erdöl als Ausgangsmaterial verwenden.

Das Projekt zählt zu den größten Industrieinvestitionen der vergangenen Jahre in der deutschen Chemiebranche. Mit der neuen Technologie sollen Rohstoffe entstehen, die unter anderem für Autoreifen, Textilien, Kosmetikprodukte, Verpackungen und Baustoffe benötigt werden.

Für den traditionsreichen Chemiestandort Leuna ist die Eröffnung ein wichtiger wirtschaftlicher Impuls. Gleichzeitig muss das Projekt beweisen, dass eine industrielle Produktion auf Holzbasis langfristig mit herkömmlichen petrochemischen Verfahren konkurrieren kann.

Eine Milliardeninvestition in schwierigen Zeiten

Die Eröffnung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem zahlreiche Unternehmen der deutschen Chemieindustrie unter erheblichem wirtschaftlichem Druck stehen.

Hohe Energiepreise, internationale Konkurrenz und eine schwache Nachfrage haben in den vergangenen Jahren zu Produktionskürzungen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten geführt. Auch der Chemiepark Leuna blieb davon nicht verschont.

Umso größer ist die Bedeutung der neuen Bioraffinerie.

Der finnische Konzern UPM investierte insgesamt 1,37 Milliarden Euro in den Aufbau der Anlage. Ursprünglich waren deutlich geringere Kosten veranschlagt worden. Die tatsächliche Investitionssumme liegt inzwischen bei mehr als dem Doppelten der frühen Planungen.

Das Unternehmen hat mit dem Projekt eine Industrieanlage errichtet, für deren technischen Prozess in dieser Größenordnung bislang kaum Erfahrungen vorlagen.

Nach mehreren Jahren Bauzeit und einem schrittweisen Produktionsbeginn wurde die Bioraffinerie nun offiziell eingeweiht.

Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) nahm an der Eröffnung teil. Die Landesregierung sieht in dem Projekt eine bedeutende Investition in die wirtschaftliche Zukunft Sachsen-Anhalts.

Aus Buchenholz werden Chemikalien für Alltagsprodukte

Das Besondere an der Anlage ist ihr Rohstoff.

Während viele chemische Grundstoffe bislang aus Erdöl oder Erdgas hergestellt werden, setzt UPM auf pflanzliche Biomasse. Verarbeitet werden vor allem Buchenholz aus Durchforstungen und Reststoffe aus Sägewerken.

Nach Unternehmensangaben stammt das verwendete Holz überwiegend aus einem Umkreis von etwa 200 Kilometern.

Dabei sollen insbesondere Holzsortimente verwendet werden, die für höherwertige Anwendungen wie Möbel oder Bauholz nicht geeignet sind.

In einem mehrstufigen industriellen Verfahren wird das Holz in seine Bestandteile zerlegt.

Eine zentrale Rolle spielen dabei Zellulose, Hemizellulose und Lignin. Mithilfe spezieller Verfahren und Enzyme entstehen daraus unter anderem industrielle Zuckerlösungen und chemische Grundstoffe.

Diese können anschließend zu verschiedenen Produkten weiterverarbeitet werden.

Zu den möglichen Anwendungen zählen Kunststoffe und Verpackungen, Textilfasern, kosmetische Inhaltsstoffe sowie Materialien für Autoreifen.

Die chemischen Produkte sollen dabei ähnliche Funktionen erfüllen wie bislang verwendete Rohstoffe fossilen Ursprungs.

Weltweit größte Anlage ihrer Art

Mit einer geplanten Jahreskapazität von 220.000 Tonnen ist die Bioraffinerie nach Angaben von UPM die weltweit größte Anlage ihrer Art.

Damit geht das Unternehmen deutlich über die bisherigen Pilot- und Demonstrationsprojekte der holzbasierten Chemie hinaus.

Die industrielle Nutzung von Holzbestandteilen ist zwar grundsätzlich nicht neu. Die wirtschaftliche Herstellung unterschiedlicher Chemikalien in dieser Größenordnung stellt jedoch eine erhebliche technische Herausforderung dar.

UPM meldete zur Eröffnung Fortschritte beim Hochlauf der Anlage.

Die enzymatische Verarbeitung der Biomasse sowie die Herstellung spezieller Chemikalien aus Lignin laufen nach Unternehmensangaben inzwischen stabil.

Gleichzeitig wird der Vertrieb der neuen Produkte ausgebaut.

Die Anlage arbeitet allerdings noch nicht mit ihrer vollständigen geplanten Kapazität. Diese soll voraussichtlich 2027 erreicht werden.

Der erfolgreiche Hochlauf der Produktion ist damit weiterhin eine entscheidende Voraussetzung für den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg des Milliardenprojekts.

Neue Arbeitsplätze für den Industriestandort

Auch für den regionalen Arbeitsmarkt besitzt die Investition Bedeutung.

Nach Angaben der Landesregierung sind für die neue Bioraffinerie rund 200 hochqualifizierte Arbeitsplätze vorgesehen.

Neben dem direkten Betrieb der Anlage profitieren potenziell weitere Unternehmen aus dem industriellen Umfeld.

Dazu gehören beispielsweise technische Dienstleister, Instandhaltungsbetriebe, Logistikunternehmen und regionale Zulieferer.

Besonders wichtig ist die Einbindung in den bestehenden Chemiepark Leuna.

Der Standort verfügt über eine umfangreiche industrielle Infrastruktur, darunter Energieversorgung, Rohrleitungsnetze, Verkehrsverbindungen und spezialisierte Dienstleistungen.

Diese Voraussetzungen ermöglichen es Unternehmen, große Industrieanlagen zu betreiben, ohne sämtliche technischen Versorgungsstrukturen selbst errichten zu müssen.

Für den Chemieparkbetreiber Infraleuna ist UPM damit ein bedeutender neuer Industriekunde.

Nachhaltigkeit bleibt eine entscheidende Frage

Mit der Bioraffinerie verbindet UPM das Ziel, fossile Rohstoffe durch nachwachsende Alternativen zu ersetzen.

Das könnte langfristig dazu beitragen, die Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas zu reduzieren.

Allerdings bedeutet der Einsatz von Holz nicht automatisch, dass sämtliche daraus hergestellten Produkte klimaneutral sind.

Entscheidend sind unter anderem die Herkunft des Rohstoffs, die Auswirkungen der Holzernte auf die Wälder, der Energieverbrauch der Produktion und die weitere Verarbeitung der chemischen Produkte.

Auch Umweltverbände betrachten die Entwicklung deshalb differenziert.

Sie warnen davor, dass eine steigende industrielle Nachfrage nach Holz zusätzlichen Druck auf Wälder ausüben könnte, wenn nicht ausreichend auf nachhaltige Bewirtschaftung und den Schutz natürlicher Ökosysteme geachtet wird.

UPM erklärt, überwiegend Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft und geeignete Reststoffe einzusetzen.

Wie groß die tatsächlichen Klima- und Umweltvorteile ausfallen, hängt von den gesamten Produktions- und Lieferketten ab.

Biochemie ist noch teurer als herkömmliche Chemie

Neben den technischen Herausforderungen bleibt die Wirtschaftlichkeit ein wichtiger Faktor.

Die Herstellung von Chemikalien aus Holz ist derzeit häufig kostspieliger als die Produktion vergleichbarer Stoffe aus Erdöl oder Erdgas.

Das liegt unter anderem an den komplexen Verarbeitungsschritten, dem Energiebedarf und den hohen Investitionskosten.

Für einen wirtschaftlichen Betrieb wird deshalb entscheidend sein, ob sich ausreichend Kunden finden, die bereit sind, für erneuerbare Rohstoffe einen höheren Preis zu zahlen.

Besonders international tätige Hersteller aus der Textil-, Verpackungs- und Reifenindustrie suchen zunehmend nach Möglichkeiten, fossile Bestandteile ihrer Produkte zu ersetzen.

UPM will diese Nachfrage bedienen und sich damit neue Absatzmärkte erschließen.

Vorstandschef Massimo Reynaudo bezeichnete die Bioraffinerie bei der Eröffnung als wichtigen Schritt für das zukünftige Wachstum des Konzerns.

Das Unternehmen sieht in Leuna eine industrielle Plattform, die über die bisherige Nutzung nachwachsender Rohstoffe hinausgeht.

Wird Leuna zum Vorbild für Europas Chemieindustrie?

Die Eröffnung der Bioraffinerie zeigt, dass auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten erhebliche industrielle Investitionen in Ostdeutschland möglich sind.

Für Sachsen-Anhalt ist das besonders wichtig. Das Bundesland verfügt mit Leuna, Bitterfeld-Wolfen und Schkopau über traditionsreiche Standorte der chemischen Industrie.

Deren Zukunft hängt zunehmend davon ab, ob es gelingt, wettbewerbsfähige neue Produktionsverfahren zu entwickeln und international neue Märkte zu erschließen.

Mit der Bioraffinerie setzt UPM auf eine Technologie, die langfristig auch für andere europäische Chemiestandorte interessant werden könnte.

Ob das Projekt tatsächlich zum Vorbild einer breiteren industriellen Transformation wird, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab: einem zuverlässigen Produktionsbetrieb, ausreichender Rohstoffversorgung und einer wirtschaftlich tragfähigen Nachfrage.

Die Voraussetzungen für einen industriellen Neubeginn sind in Leuna nun geschaffen.

Aus dem Milliardenprojekt ist eine produzierende Anlage geworden. Jetzt muss sich zeigen, ob Chemie aus Holz auch wirtschaftlich eine dauerhafte Alternative zur herkömmlichen Produktion werden kann.