Berlin. Die deutsche Industrie verliert im europäischen Vergleich erheblich an Boden. Während die Industrieproduktion in Deutschland zwischen 2015 und 2025 preisbereinigt um knapp elf Prozent zurückging, verzeichneten fast alle unmittelbaren Nachbarländer deutliche Zuwächse. Besonders groß ist der Unterschied zu Polen, dessen Industrieproduktion im selben Zeitraum um 54 Prozent stieg. Auch Dänemark, die Schweiz und Österreich entwickelten sich deutlich besser. Das zeigt eine aktuelle Auswertung von Eurostat-Daten, über die die Berliner Zeitung am Dienstag, dem 20. Oktober 2026, berichtet. Die Zahlen werfen Fragen nach der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland auf.

Polen wächst um 54 Prozent – Deutschland schrumpft

Der Vergleich über zehn Jahre zeigt erhebliche Unterschiede innerhalb Europas.

Während die deutsche Industrie 2025 fast elf Prozent weniger produzierte als 2015, erreichte Polen einen Zuwachs von rund 54 Prozent.

Dänemark steigerte seine Industrieproduktion im gleichen Zeitraum um etwa 48 Prozent. In der Schweiz waren es rund 36 Prozent.

Auch Belgien mit rund 24 Prozent, Österreich mit 23 Prozent und Tschechien mit ungefähr 13 Prozent verzeichneten deutliche Zuwächse.

Die Niederlande steigerten ihre Industrieproduktion um knapp fünf Prozent, während Frankreich das Niveau von 2015 weitgehend halten konnte.

Lediglich Luxemburg schnitt unter Deutschlands unmittelbaren Nachbarländern schlechter ab. Dort ging die Produktion im betrachteten Zeitraum um knapp 13 Prozent zurück.

Die Unterschiede sind erheblich. Besonders auffällig ist die Entwicklung Polens, dessen Industrie in den vergangenen Jahren deutlich expandierte.

Was die Eurostat-Zahlen tatsächlich messen

Die Auswertung basiert auf kalenderbereinigten Jahresindizes des europäischen Statistikamtes Eurostat.

Sie erfassen die reale Entwicklung der industriellen Produktion, also die Veränderung der hergestellten Gütermenge ohne den Einfluss von Preissteigerungen.

Berücksichtigt werden das verarbeitende Gewerbe, der Bergbau und die Energieversorgung. Das Baugewerbe ist nicht enthalten.

Ein Rückgang um elf Prozent bedeutet deshalb nicht, dass Deutschland elf Prozent seiner gesamten Wirtschaftsleistung verloren hätte.

Ebenso wenig sagt die Kennzahl unmittelbar aus, wie viele Arbeitsplätze weggefallen sind oder wie sich die Gewinne der Unternehmen entwickelt haben.

Sie zeigt aber, dass die industrielle Produktionsmenge am Ende des betrachteten Jahrzehnts deutlich unter dem Ausgangsniveau lag.

Die Daten beschreiben somit eine langfristige Entwicklung und nicht lediglich eine kurzfristige Schwankung einzelner Monate.

Deutschlands Probleme begannen vor der Energiekrise

Die schwache Entwicklung lässt sich nicht allein auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die anschließende Energiekrise zurückführen.

Bereits vor 2022 geriet die deutsche Industrie unter Druck.

Insbesondere die Automobilbranche musste sich auf einen tiefgreifenden technologischen Wandel einstellen.

Neue Wettbewerber, Veränderungen auf wichtigen Exportmärkten und die Umstellung auf elektrische Antriebe erhöhten den Anpassungsdruck.

Hinzu kamen Schwierigkeiten bei internationalen Lieferketten und eine schwächere Nachfrage nach bestimmten deutschen Industrieprodukten.

Die Energiekrise verschärfte diese Probleme später zusätzlich.

Besonders energieintensive Unternehmen sahen sich mit erheblichen Kostensteigerungen konfrontiert.

Die Entwicklung über das gesamte Jahrzehnt macht deutlich, dass mehrere wirtschaftliche und strukturelle Faktoren zusammenwirken.

Warum Polen deutlich schneller wächst

Polen profitierte in den vergangenen Jahren von seiner engen Einbindung in europäische industrielle Lieferketten.

Internationale Unternehmen investierten in neue Produktionsstandorte, Zulieferbetriebe und Logistikstrukturen.

Dabei spielten unter anderem verfügbare Industrieflächen, Arbeitskräfte, die Lage innerhalb des europäischen Binnenmarkts und im Vergleich zu Deutschland teilweise niedrigere Produktionskosten eine Rolle.

Polen entwickelte sich dadurch zu einem wichtigen Standort für die Automobilzulieferindustrie, Maschinenbau, Elektrotechnik und weitere industrielle Branchen.

Auch Unternehmen aus Deutschland unterhalten umfangreiche Produktionsstandorte im Nachbarland.

Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass jede Investition in Polen zuvor in Deutschland angesiedelt war.

Die Entwicklung zeigt vielmehr, dass industrielle Produktionskapazitäten innerhalb Europas unterschiedlich schnell gewachsen sind.

Zugleich ist zu beachten, dass Länder mit einem niedrigeren industriellen Ausgangsniveau teilweise höhere prozentuale Zuwächse erzielen können.

Ostdeutschland steht im direkten Wettbewerb

Für die ostdeutschen Bundesländer ist dieser Vergleich von besonderer Bedeutung.

Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern verfügen über zahlreiche industrielle Standorte, die eng mit europäischen Lieferketten verbunden sind.

Besonders deutlich wird das in den Grenzregionen zu Polen und Tschechien.

Unternehmen in der Oberlausitz, in der Lausitz und im sächsischen Industrieraum konkurrieren teilweise unmittelbar mit Betrieben in den Nachbarländern um Investitionen, Fachkräfte und Aufträge.

Gleichzeitig profitieren sie von grenzüberschreitenden Lieferketten und wirtschaftlicher Zusammenarbeit.

Für Standorte wie Dresden, Zwickau, Chemnitz oder Eisenach stellt sich deshalb die Frage, wie sie langfristig wettbewerbsfähig bleiben können.

Dabei geht es insbesondere um Produktionskosten, Infrastruktur, qualifizierte Beschäftigte und die Entwicklung neuer Technologien.

Die bundesweiten Eurostat-Zahlen erlauben allerdings keine direkte Aussage darüber, wie stark die Industrieproduktion in einzelnen ostdeutschen Bundesländern zurückgegangen oder gestiegen ist. Dafür wären gesonderte regionale Daten erforderlich.

Automobilindustrie steht besonders unter Druck

Ein wichtiger Teil der deutschen Industrie hängt unmittelbar oder mittelbar mit dem Fahrzeugbau zusammen.

Hersteller und Zulieferer beschäftigen zahlreiche Menschen und prägen ganze Wirtschaftsregionen.

In Sachsen gehören beispielsweise die Volkswagen-Standorte Zwickau und Chemnitz sowie das BMW- und das Porsche-Werk in Leipzig zu den bedeutenden industriellen Arbeitgebern.

Auch in Thüringen und Brandenburg spielen Fahrzeugbau und Zulieferindustrie eine wichtige Rolle.

Die Branche steht allerdings vor tiefgreifenden Veränderungen.

Die Umstellung auf Elektromobilität verändert Produktionsverfahren, benötigte Komponenten und den Personalbedarf.

Gleichzeitig wächst die Konkurrenz internationaler Hersteller, insbesondere aus China.

Hohe Investitionskosten und eine teilweise schwache Nachfrage nach neuen Fahrzeugmodellen erhöhen den wirtschaftlichen Druck.

Welche Auswirkungen diese Entwicklungen langfristig auf einzelne Werke haben, hängt von Unternehmensentscheidungen, der Marktentwicklung und den jeweiligen Produktionsaufträgen ab.

Auch hohe Energiekosten bleiben ein Problem

Neben dem Strukturwandel der Automobilindustrie beschäftigt die Unternehmen die Entwicklung der Energiepreise.

Gerade die Chemieindustrie, Metallverarbeitung und andere energieintensive Branchen benötigen große Mengen Strom oder Gas.

Steigende Energiekosten können deshalb erhebliche Auswirkungen auf ihre Wettbewerbsfähigkeit haben.

Für ostdeutsche Industriestandorte wie Leuna, Schwedt oder die Lausitz ist die zuverlässige Versorgung mit bezahlbarer Energie ein wichtiger Standortfaktor.

Unternehmen müssen zugleich in klimafreundlichere Produktionsverfahren investieren.

Dieser Umbau kann langfristig neue wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen, verursacht zunächst jedoch erhebliche Kosten.

Entscheidend wird sein, ob die Unternehmen die dafür notwendigen Investitionen finanzieren und wirtschaftlich tragfähig umsetzen können.

Neue Monatszahlen zeigen noch keine stabile Erholung

Die jüngsten Eurostat-Daten zur Industrieproduktion im August 2026 ergeben ein gemischtes Bild.

In Deutschland stieg die Produktion gegenüber Juli saison- und kalenderbereinigt um 0,4 Prozent.

Zuvor war sie im Juli allerdings um 1,7 Prozent zurückgegangen.

Für die gesamte Europäische Union meldete Eurostat im August einen Rückgang von 0,3 Prozent gegenüber dem Vormonat. Im Euroraum sank die Industrieproduktion um 0,5 Prozent.

Deutschland entwickelte sich im August damit zwar etwas besser als der europäische Durchschnitt. Daraus lässt sich jedoch noch keine dauerhafte Erholung ableiten.

Die langfristige Entwicklung zwischen 2015 und 2025 bleibt davon unberührt.

Was Deutschland für einen industriellen Aufschwung braucht

Die neuen Zahlen dürften die wirtschaftspolitische Debatte über den Standort Deutschland weiter verstärken.

Unternehmensverbände fordern seit Langem niedrigere Energiekosten, schnellere Genehmigungsverfahren, weniger Bürokratie und bessere Bedingungen für Investitionen.

Gewerkschaften betonen dagegen die Bedeutung sicherer Arbeitsplätze, qualifizierter Beschäftigter und einer aktiven Industriepolitik.

Auch Investitionen in Forschung, Digitalisierung und moderne Infrastruktur gelten als wichtige Voraussetzungen für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit.

Dabei geht es nicht allein darum, bestehende Produktionsverfahren zu erhalten.

Die deutsche Industrie muss sich gleichzeitig auf neue Technologien und veränderte internationale Märkte einstellen.

Besonders für ostdeutsche Regionen, die bereits nach der Wiedervereinigung tiefgreifende industrielle Umbrüche erlebt haben, ist die Entwicklung langfristiger wirtschaftlicher Perspektiven von großer Bedeutung.

Der Abstand zu den Nachbarn ist ein Warnsignal

Die Eurostat-Auswertung zeigt, dass sich Europas Industriestandorte innerhalb eines Jahrzehnts sehr unterschiedlich entwickelt haben.

Deutschland bleibt zwar eine der größten Industrienationen Europas. Beim Wachstum der realen Produktion hat es jedoch gegenüber zahlreichen Nachbarländern an Boden verloren.

Vor allem der Vergleich mit Polen verdeutlicht die Größenordnung: Während die deutsche Produktion um knapp elf Prozent sank, legte die polnische um mehr als die Hälfte zu.

Das ist kein Beweis dafür, dass die deutsche Industrie insgesamt ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren hätte. Die Entwicklung zeigt jedoch einen erheblichen Anpassungsbedarf.

Für Deutschland und besonders für seine industriell geprägten Regionen in Ostdeutschland stellt sich deshalb die Frage, wie wieder mehr Investitionen, neue Produktionskapazitäten und langfristig sichere Arbeitsplätze entstehen können. Die Zahlen zeigen, dass andere europäische Standorte in den vergangenen zehn Jahren deutlich dynamischer gewachsen sind.