Europa startet mit ungewöhnlich niedrigen Gasreserven in die kalte Jahreszeit. Nach aktuellen Analysen sind die Gasspeicher der Europäischen Union so schwach gefüllt wie zu diesem Zeitpunkt seit 2011 nicht mehr. Gleichzeitig belasten der Krieg im Nahen Osten und eingeschränkte Flüssiggaslieferungen den internationalen Energiemarkt. Experten warnen vor anhaltend hohen Preisen und möglichen zusätzlichen Belastungen für private Haushalte und Unternehmen.
Europas Gasreserven deutlich unter dem Durchschnitt
Nach Einschätzungen von Energieanalysten könnten die europäischen Gasspeicher Anfang November lediglich zu etwa 75 bis 78 Prozent gefüllt sein.
Damit lägen die Reserven deutlich unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre.
Das Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) warnt, dass der europäische Gasverbrauch im kommenden Winter möglicherweise erheblich reduziert werden müsste, um die Versorgungslage zu stabilisieren.
In einer aktuellen Analyse ist von rund 14 Milliarden Kubikmetern Gas die Rede, die gegenüber dem vergangenen Winter eingespart werden könnten. Das entspräche einer Verringerung des Verbrauchs um etwa sieben Prozent.
Ob solche Einsparungen tatsächlich erforderlich werden, hängt maßgeblich von den Temperaturen, dem industriellen Verbrauch und den verfügbaren Importmengen ab.
Nahost-Konflikt verschärft die Lage
Eine wesentliche Ursache für die angespannte Situation liegt auf dem internationalen Flüssiggasmarkt.
Durch den Krieg im Nahen Osten wurden Lieferungen aus wichtigen Exportstaaten beeinträchtigt. Besonders Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate spielen für die weltweite Versorgung mit Flüssigerdgas eine bedeutende Rolle.
Fallen Liefermengen aus oder verzögern sich Transporte, verschärft sich die Konkurrenz zwischen europäischen und asiatischen Abnehmern.
Europa muss dann möglicherweise höhere Preise bieten, um ausreichende Mengen an Flüssiggas zu erhalten.
Diese Entwicklung trifft eine Region, die ihre Energieversorgung nach dem weitgehenden Wegfall russischer Pipelinegaslieferungen grundlegend umgestellt hat.
Auch Deutschland könnte höhere Preise spüren
Deutschland ist durch seine Industrie und seinen hohen Wärmebedarf besonders stark von der Entwicklung der Gaspreise betroffen.
Viele Haushalte nutzen Erdgas zum Heizen. Gleichzeitig benötigen zahlreiche Unternehmen Gas als Energieträger oder Rohstoff, beispielsweise in der Chemie-, Glas-, Stahl- und Düngemittelproduktion.
Steigen die Beschaffungskosten über einen längeren Zeitraum, kann sich dies auf neue Lieferverträge und langfristig auch auf Endkundenpreise auswirken.
Eine unmittelbare Erhöhung sämtlicher Gasrechnungen ist damit allerdings nicht verbunden. Bestehende Preisgarantien und längerfristige Beschaffungsverträge können Verbraucher zunächst vor Veränderungen schützen.
Besonders bei auslaufenden Verträgen könnten die gestiegenen Kosten jedoch spürbar werden.
Ostdeutsche Industrie steht vor zusätzlichen Risiken
Für energieintensive Betriebe in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen kommt die Entwicklung zu einem schwierigen Zeitpunkt.
Viele Unternehmen stehen bereits unter Druck, ihre Produktionskosten zu senken und gleichzeitig in neue Technologien zu investieren.
Anhaltend hohe Energiepreise können die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber internationalen Konkurrenten beeinträchtigen.
Auch für kommunale Energieversorger und Stadtwerke werden zuverlässige Beschaffung und langfristige Preisplanung wichtiger.
Besonders kritisch wäre eine Kombination aus niedrigen Temperaturen, steigender Nachfrage und weiteren Störungen auf dem Flüssiggasmarkt.
Importverbot für russisches Flüssiggas ab 2027
Zusätzliche Veränderungen stehen Europa durch das geplante vollständige Importverbot für russisches Flüssigerdgas bevor.
Mit dem Verzicht auf russische Lieferungen soll die Abhängigkeit von Moskau weiter reduziert werden.
Das erhöht allerdings die Bedeutung alternativer Lieferländer und funktionierender Transportwege.
Energieexperten rechnen deshalb damit, dass der europäische Gasmarkt noch über einen längeren Zeitraum empfindlich auf internationale Krisen reagieren könnte.
Einzelne Prognosen gehen davon aus, dass eine nachhaltige Normalisierung möglicherweise erst 2028 erreicht wird.
Entscheidend wird der Verlauf des Winters
Wie stark sich die Situation zuspitzt, lässt sich derzeit nicht zuverlässig vorhersagen.
Ein milder Winter könnte den Verbrauch deutlich senken und die Versorgungslage entspannen. Eine längere Kälteperiode würde dagegen zusätzliche Gasmengen erforderlich machen.
Auch die Entwicklung der internationalen Konflikte, zusätzliche Flüssiggaslieferungen und die Industrieproduktion beeinflussen den weiteren Verlauf.
Die niedrigen Speicherstände bedeuten deshalb nicht automatisch, dass Deutschland oder Europa ein Gasmangel bevorsteht.
Sie verringern jedoch die Reserven, mit denen unerwartete Lieferausfälle oder besonders hoher Verbrauch abgefedert werden können.
Für Haushalte und Unternehmen könnte der kommende Winter damit erneut von einer unsicheren Preisentwicklung geprägt sein.