Schwerin. Es klingt wie ein schlechter Scherz aus längst vergangenen Zeiten: Während Bürger ihre Bankgeschäfte, Versicherungen und Behördenangelegenheiten längst mit dem Smartphone erledigen, müssen Polizisten in Mecklenburg-Vorpommern bei vielen Einsätzen wieder zu Funkgerät und Schreibblock greifen. Mehr als ein Jahr nach einem schwerwiegenden Cyberangriff wartet die Landespolizei noch immer auf neue Diensthandys. Selbst die für Anfang Oktober angekündigte Einführung in drei Pilotdienststellen scheiterte erneut. Die Gewerkschaft der Polizei spricht von einem verheerenden Zustand.

Mehr als ein Jahr nach dem Hackerangriff fehlt noch immer Ersatz

Der Ausgangspunkt der Probleme liegt im Sommer 2025. Damals wurde ein Server angegriffen, über den die dienstlichen Smartphones der Landespolizei verwaltet und abgesichert wurden.

Das Innenministerium reagierte mit einer Sicherheitsmaßnahme: Die betroffenen mobilen Geräte wurden außer Betrieb genommen. Damit sollten mögliche Risiken für polizeiliche Daten und angeschlossene IT-Systeme ausgeschlossen werden.

Rund 3.500 dienstliche Smartphones waren von der Abschaltung betroffen. Die Auswirkungen trafen den Arbeitsalltag der etwa 6.000 Beschäftigten im Polizeivollzugsdienst des Landes.

Ursprünglich sollte die Technik nur vorübergehend ausfallen. Doch aus der kurzfristigen Störung wurde ein langwieriges Digitalisierungsproblem.

Mehr als 16 Monate später warten die Einsatzkräfte weiterhin auf eine funktionsfähige mobile IT-Ausstattung.

Neue Smartphones angekündigt – Auslieferung erneut verschoben

Für Anfang Oktober 2026 war nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei ein wichtiger Schritt vorgesehen.

Drei Pilotdienststellen sollten neue Smartphones erhalten und diese zunächst im täglichen Einsatz testen.

Doch die Geräte kamen nicht.

Wie die Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Kristin Frosch, erklärte, wurde der Termin erneut verschoben. Einen verbindlichen Zeitpunkt für die Auslieferung habe man nicht genannt bekommen.

Für die Gewerkschaft ist die Situation kaum noch nachvollziehbar.

Immer wieder seien Fortschritte in Aussicht gestellt worden. Tatsächlich müssten die Beamten aber weiterhin ohne die vorgesehenen digitalen Arbeitsmittel auskommen.

Die Enttäuschung ist entsprechend groß.

Innenministerium verweist auf Sicherheitsprobleme

Das Innenministerium begründet die Verzögerungen mit hohen Anforderungen an die Datensicherheit.

Die künftigen Smartphones sollen über eine gesonderte Sicherheitsumgebung auf die Server der Polizei zugreifen können.

Diese Infrastruktur befindet sich nach Angaben des Ministeriums noch in der abschließenden technischen und funktionalen Prüfung.

Erst wenn die Sicherheit gewährleistet ist, sollen die Geräte im Polizeidienst eingesetzt werden.

Grundsätzlich ist das nachvollziehbar. Polizeiliche Informationssysteme enthalten sensible personenbezogene Daten und Informationen über Ermittlungen.

Eine überstürzte Einführung unsicherer Technik könnte erhebliche Schäden verursachen.

Allerdings stellt sich nach mehr als einem Jahr die Frage, weshalb die notwendige Sicherheitsarchitektur noch immer nicht einsatzbereit ist.

Ausweisprüfung wieder über Funk statt per Smartphone

Besonders deutlich werden die Folgen im täglichen Streifendienst.

Vor dem Cyberangriff konnten Polizisten mit ihren dienstlichen Smartphones direkt auf bestimmte Informationssysteme zugreifen.

So ließen sich beispielsweise Fahrzeughalter überprüfen, Ausweisdaten abgleichen und polizeiliche Informationen am Einsatzort abrufen.

Ohne diese mobilen Möglichkeiten sind viele Arbeitsabläufe komplizierter.

Bei einer Verkehrskontrolle kann eine Streife beispielsweise ein Kennzeichen per Funk an die Dienststelle durchgeben. Dort werden die benötigten Informationen am Computer abgerufen und anschließend wieder an die Beamten übermittelt.

Ein Vorgang, der mit funktionierender mobiler Technik deutlich schneller erledigt werden könnte.

Auch Unfallaufnahmen und die Dokumentation von Einsätzen lassen sich durch digitale Anwendungen vereinfachen.

Der Ausfall bedeutet nicht, dass die Polizei ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen kann. Er führt aber zu zusätzlichem Aufwand und bindet Arbeitszeit, die an anderer Stelle fehlt.

Gewerkschaft kritisiert jahrelange Versäumnisse

Für Kristin Frosch ist die Situation Ausdruck eines grundsätzlichen Problems.

Aus Sicht der Gewerkschaft wurde die Digitalisierung der Landespolizei über Jahre nicht ausreichend vorangetrieben.

Andere Bundesländer seien wesentlich weiter.

Als Beispiel nennt die Gewerkschaft Hessen, wo frühzeitig in moderne digitale Strukturen investiert worden sei.

Mecklenburg-Vorpommern müsse dagegen nun unter erschwerten Bedingungen nachholen, was andernorts längst zum normalen Polizeialltag gehöre.

Die Gewerkschaft fordert deshalb einen verbindlichen Digitalisierungsfahrplan mit klaren Zuständigkeiten, ausreichender Finanzierung und überprüfbaren Fortschritten.

Es dürfe nicht bei immer neuen Ankündigungen bleiben.

Die eigentliche Frage ist die Verantwortung

Der Fall wirft grundsätzliche Fragen an die Landespolitik auf.

Wie konnte ein Cyberangriff auf eine zentrale technische Infrastruktur dazu führen, dass der mobile Polizeidienst über einen derart langen Zeitraum eingeschränkt bleibt?

Welche Sicherheitsvorkehrungen bestanden vor dem Angriff?

Weshalb dauert die Einführung neuer Geräte so lange?

Und wann können die Beamten tatsächlich mit einer funktionierenden Ausstattung rechnen?

Die Antworten darauf sind auch deshalb wichtig, weil das Land seit Jahren die Digitalisierung seiner Behörden vorantreiben will.

Wenn ausgerechnet die Polizei bei der mobilen Datenverarbeitung dauerhaft zurückfällt, entsteht ein erheblicher Widerspruch zwischen politischem Anspruch und Verwaltungspraxis.

Dabei wäre es zu einfach, allein den verantwortlichen IT-Fachleuten die Schuld zu geben.

Moderne Sicherheitsinfrastruktur benötigt qualifiziertes Personal, klare technische Standards und langfristige Investitionen.

Diese Rahmenbedingungen müssen politisch und organisatorisch geschaffen werden.

Cybersicherheit und Digitalisierung dürfen kein Widerspruch sein

Nach dem Angriff von 2025 stand der Schutz sensibler Daten zu Recht im Vordergrund.

Das Innenministerium erklärte bereits damals, dass eine schnelle Wiederinbetriebnahme der bisherigen Geräte nicht den notwendigen Sicherheitsanforderungen entsprochen hätte.

Eine umfassende Neuaufstellung der mobilen IT war deshalb vorgesehen.

Doch Sicherheit darf nicht dauerhaft bedeuten, auf moderne Arbeitsmittel verzichten zu müssen.

Gerade die Polizei benötigt Systeme, die gleichzeitig zuverlässig, geschützt und im praktischen Einsatz nutzbar sind.

Mit jeder weiteren Verschiebung wächst die Gefahr, dass die Technik hinter den tatsächlichen Anforderungen des Polizeialltags zurückbleibt.

Die Beschäftigten müssen sich unterdessen mit Ersatzverfahren behelfen.

Wann wird die Polizei endlich wieder mobil?

Ein verbindlicher Termin für die vollständige Ausstattung mit neuen Smartphones liegt nach den jüngsten Berichten nicht vor.

Selbst der begrenzte Testbetrieb in drei Dienststellen konnte Anfang Oktober nicht wie vorgesehen beginnen.

Damit bleibt offen, wann die Einsatzkräfte wieder auf mobile digitale Polizeianwendungen zurückgreifen können.

Für die Landesregierung ist das mehr als ein technisches Problem.

Es geht um die Arbeitsfähigkeit ihrer Behörden, die effiziente Verwendung öffentlicher Mittel und das Vertrauen in die staatliche Digitalisierung.

Wenn Polizisten im Jahr 2026 wieder mit Funkgerät und Schreibblock arbeiten müssen, weil eine moderne IT-Infrastruktur nach mehr als einem Jahr noch immer nicht einsatzbereit ist, muss die Landespolitik erklären, warum.

Die Frage lautet inzwischen nicht mehr, ob die Polizei neue Diensthandys benötigt.

Die Frage lautet, wann die Verantwortlichen endlich eine sichere und funktionierende Lösung bereitstellen können.