Rügen. Ein knapp 200 Meter langer Öltanker mit russischem Rohöl an Bord hat am Wochenende einen gefährlichen Zwischenfall in der Ostsee ausgelöst. Die unter der Flagge der Bahamas fahrende „Sled“ war am Sonntag zwischen der deutschen Insel Rügen und der dänischen Insel Møn offenbar manövrierunfähig. Starker Wind trieb das Schiff zeitweise in Richtung der dänischen Küste. Die deutschen Behörden schickten einen Notfallschlepper in das Seegebiet. Am frühen Montagmorgen, dem 19. Oktober, setzte der Tanker seine Fahrt offenbar wieder fort. Der Vorfall wirft neue Fragen zur Sicherheit des Schiffsverkehrs in der Ostsee auf.

Tanker verliert offenbar seinen Antrieb

Die „Sled“ war nach vorliegenden Informationen vom russischen Ölhafen Primorsk in Richtung Skagen in Dänemark unterwegs. Während der Fahrt kam es offenbar zu technischen Problemen mit dem Antrieb.

Bereits in der Nacht zum Sonntag verlangsamte das Schiff seine Fahrt. Später trieb der Tanker im Bereich der Kadetrinne zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Dänemark.

Die Kadetrinne gehört zu den wichtigsten Schifffahrtswegen der westlichen Ostsee. Durch das vergleichsweise enge Seegebiet verkehren zahlreiche Frachtschiffe und Tanker, darunter auch Schiffe mit großen Mengen Öl an Bord.

Ein manövrierunfähiger Tanker stellt dort ein erhebliches Risiko dar. Kommt ein solches Schiff vom vorgesehenen Kurs ab, können Grundberührungen oder Kollisionen schwerwiegende Folgen haben.

Deutscher Notfallschlepper wird alarmiert

Die Verkehrszentrale Warnemünde reagierte auf den Zwischenfall und entsandte den Notfallschlepper „VB Bremen Fighter“.

Auch dänische Behörden beobachteten die Situation. Die dänische Seefunkstation Lyngby Radio stand nach den vorliegenden Berichten mit dem Tanker in Verbindung.

Der starke Ostwind erschwerte die Lage. Das Schiff wurde zeitweise in Richtung Dänemark getrieben.

Ob tatsächlich eine Schleppverbindung hergestellt werden musste, ist bislang nicht bestätigt. Am frühen Montagmorgen zeigten die verfügbaren Schiffsbewegungsdaten, dass die „Sled“ ihre Fahrt offenbar wieder aufgenommen hatte.

Über ausgetretenes Öl oder eine konkrete Umweltverschmutzung wurde zunächst nichts bekannt.

Neue Sorgen um russische Öltransporte

Brisant ist vor allem die Ladung des Tankers. Die „Sled“ transportierte nach Medienberichten russisches Rohöl.

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und den westlichen Sanktionen gegen Russland stehen entsprechende Öltransporte verstärkt im Fokus internationaler Behörden.

Besondere Aufmerksamkeit gilt der sogenannten russischen Schattenflotte. Darunter werden Schiffe verstanden, die zur Umgehung von Sanktionen und Beschränkungen eingesetzt werden können. Häufig stehen dabei Fragen nach Eigentumsverhältnissen, Versicherungsschutz, technischer Wartung und Flaggenwechseln im Mittelpunkt.

Ob die „Sled“ tatsächlich dieser Schattenflotte zuzurechnen ist, bleibt bislang offen. Allein der Transport russischen Rohöls beweist eine solche Zugehörigkeit nicht.

Nach den bisherigen Informationen gehört das Schiff einer griechischen Reederei und fährt unter der Flagge der Bahamas.

Russische Kriegsschiffe in der Nähe

Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt der Zwischenfall durch die Präsenz russischer Marineschiffe in der westlichen Ostsee.

Nach Medienberichten befand sich das russische Kriegsschiff „Aleksandr Shabalin“ zeitweise in der Nähe des betroffenen Seegebiets. Das Schiff wird im Zusammenhang mit der Begleitung russischer Handelsschiffe genannt.

Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen seiner Anwesenheit und dem technischen Problem der „Sled“ ist nicht nachgewiesen.

Dennoch verdeutlicht die Situation, wie eng zivile Schifffahrt, Energiehandel und militärische Aktivitäten in der Ostsee inzwischen räumlich zusammentreffen.

Eine Ölhavarie hätte weitreichende Folgen

Für Mecklenburg-Vorpommern ist die Sicherheit der Ostsee von besonderer Bedeutung.

Die Küstenregion lebt nicht nur vom internationalen Schiffsverkehr, sondern auch vom Tourismus, der Fischerei und einer empfindlichen marinen Umwelt.

Ein größerer Ölunfall könnte Strände, Schutzgebiete und Lebensräume zahlreicher Tierarten erheblich beeinträchtigen. Insbesondere bei ungünstigen Wetterbedingungen können sich Ölverschmutzungen über größere Wasserflächen ausbreiten.

Bereits im Januar 2025 hatte der Tanker „Eventin“ vor Rügen für einen Großeinsatz gesorgt. Damals war ebenfalls ein mit russischem Öl beladenes Schiff nach technischen Problemen manövrierunfähig geworden.

Der erneute Zwischenfall zeigt, weshalb funktionierende Notfallschlepper, engmaschige Verkehrsüberwachung und belastbare Sicherheitskontrollen für die Ostseeküste unverzichtbar sind.

Fahrt offenbar fortgesetzt – Fragen bleiben

Dass die „Sled“ am Montagmorgen offenbar wieder Fahrt aufnehmen konnte, spricht für eine Entspannung der akuten Situation.

Die grundsätzlichen Probleme sind damit allerdings nicht gelöst.

Noch ist öffentlich nicht abschließend geklärt, wodurch die Antriebsprobleme entstanden, wie lange das Schiff tatsächlich manövrierunfähig war und ob vor der Weiterfahrt technische Kontrollen vorgenommen wurden.

Auch die Frage, ob die bestehenden internationalen Sicherheitsvorschriften bei russischen Öltransporten ausreichend durchgesetzt werden, bleibt Gegenstand der politischen Debatte.

Für die deutsche Ostseeküste ist der Vorfall eine erneute Warnung: Solange große Öltanker täglich die Kadetrinne passieren, kann ein technischer Defekt innerhalb kurzer Zeit zu einer ernsten Gefahr für Menschen, Schifffahrt und Umwelt werden.