Rostock. Seit einem halben Jahrhundert werden an der Universität Rostock sonderpädagogische Lehrkräfte ausgebildet. Was 1976 mit einem vierjährigen Studiengang für Hilfsschullehrer begann, hat sich zu einem Institut mit vielfältigen Forschungs- und Ausbildungsangeboten entwickelt. Am 28. Oktober 2026 feiert das Institut für Sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitation (ISER) sein 50-jähriges Bestehen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Geschichte der Einrichtung, sondern vor allem eine Frage: Wie können angehende Sonderpädagogen besser auf den Schulalltag vorbereitet werden?
Unter dem Motto „Von der Theorie in die Praxis und zurück“ lädt das Institut zu einem Fachtag ein. Wissenschaftler, Lehrkräfte, ehemalige Studierende und Kooperationspartner wollen über die Entwicklung der sonderpädagogischen Ausbildung und neue Wege der Zusammenarbeit zwischen Universität und Schulen diskutieren.
Von der Hilfsschullehrerausbildung zum modernen Institut
Die Geschichte der sonderpädagogischen Ausbildung in Rostock begann 1976 an der damaligen Wilhelm-Pieck-Universität. Der vierjährige Direktstudiengang bereitete Lehrkräfte auf den Unterricht an sogenannten Hilfsschulen vor.
Mit der politischen Wende 1989 veränderten sich die Anforderungen und Strukturen der Ausbildung grundlegend. Unter der Leitung von Professorin Ute Angerhoefer wurden am damaligen Institut für Sonder- und Heilpädagogik vier Fachrichtungen etabliert: Lernbehindertenpädagogik, Sprachbehindertenpädagogik, Verhaltensgestörtenpädagogik und Geistigbehindertenpädagogik.
Diese Fachrichtungen prägten die weitere Entwicklung der sonderpädagogischen Lehrkräftebildung in Rostock.
Im Laufe der Jahrzehnte kamen neue wissenschaftliche und praktische Schwerpunkte hinzu. Dazu gehören das Beratungstraining, das Kompetenzzentrum für Inklusion und Transition (KIT), das Virtuelle Klassenzimmer und das Didaktische Kabinett.
Auch internationale Kooperationen, Forschungsprojekte und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses gehören heute zum Aufgabenbereich des Instituts.
Ein fester Praxistag für angehende Sonderpädagogen
Besondere Bedeutung hat inzwischen die Verbindung zwischen universitärer Ausbildung und schulischer Praxis.
Seit dem Wintersemester 2025/2026 ist ein wöchentlicher Praxistag für angehende Sonderpädagogen fest im Lehrprogramm verankert. Das neue Ausbildungsformat wurde im Zusammenhang mit der Reform des Lehrkräftebildungsgesetzes Mecklenburg-Vorpommerns eingeführt.
Studierende erhalten dadurch regelmäßig die Gelegenheit, ihre theoretischen Kenntnisse unmittelbar im Schulalltag anzuwenden.
Das Institut arbeitet dafür mit dem Staatlichen Schulamt Rostock und zahlreichen Partnerschulen zusammen.
Während ihrer Praxistage erleben die angehenden Lehrkräfte konkrete Unterrichtssituationen. Sie können beobachten, wie Schüler mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen gefördert werden, und eigene Erfahrungen im pädagogischen Umgang mit individuellen Unterstützungsbedürfnissen sammeln.
Anschließend werden diese Erfahrungen gemeinsam mit universitären Dozenten und erfahrenen schulischen Mentoren ausgewertet.
Damit soll verhindert werden, dass theoretisches Wissen und praktische Anforderungen während des Studiums zu weit auseinanderliegen.
Gerade in der Sonderpädagogik ist diese Verbindung von Bedeutung. Lehrkräfte müssen unterschiedliche Lernentwicklungen einschätzen, individuelle Fördermaßnahmen gestalten und eng mit Eltern, Kollegen sowie weiteren Fachkräften zusammenarbeiten können.
Der regelmäßige Kontakt mit Schulen soll die Studierenden frühzeitig auf diese Aufgaben vorbereiten.
Wissenschaftler diskutieren über die Zukunft der Ausbildung
Der Fachtag am 28. Oktober greift diese Entwicklung auf.
Nach der Begrüßung durch die Rektorin der Universität Rostock, Professorin Elizabeth Prommer, sind weitere Grußworte von Professorin Katja Koch als Vertreterin des ISER-Professoriums und dem ehemaligen Studenten Dr. Michael Burgert vorgesehen.
Auch der frühere Bildungsminister Mecklenburg-Vorpommerns, Mathias Brodkorb, wird mit einem Vortrag am Programm teilnehmen.
Anschließend stehen wissenschaftliche Beiträge und Workshops auf dem Programm.
Beteiligt sind Dozenten der Universitäten Rostock und Erfurt sowie der Pädagogischen Hochschule Linz in Österreich.
Inhaltlich geht es insbesondere um die Frage, wie Praxistage zur professionellen Entwicklung angehender Lehrkräfte beitragen können.
Außerdem wollen die Teilnehmer darüber beraten, wie Kooperationen zwischen Hochschulen und Schulen langfristig organisiert und qualitativ weiterentwickelt werden können.
Dabei spielen sowohl die Betreuung der Studierenden als auch die Anforderungen der beteiligten Schulen eine wichtige Rolle.
Wiedersehen mit ehemaligen Studierenden und Kollegen
Das Jubiläum bietet zugleich Gelegenheit für einen Rückblick auf fünf Jahrzehnte Universitätsgeschichte.
Erwartet werden zahlreiche Absolventen früherer Studiengänge der Hilfsschul- und Sonderpädagogik.
Auch ehemalige Studierende der Masterprogramme „Bildungswissenschaften – Frühe Hilfen“ und „Sonder- und Inklusionspädagogik“ sowie frühere Mitarbeiter des Instituts sind eingeladen.
Für viele Teilnehmer dürfte die Veranstaltung damit auch ein Wiedersehen mit ehemaligen Kommilitonen und Kollegen werden.
Neben persönlichen Erinnerungen soll deutlich werden, wie sich Ausbildung, Forschung und das Verständnis sonderpädagogischer Förderung seit 1976 verändert haben.
Das Jubiläum richtet den Blick jedoch ausdrücklich nach vorn. Denn mit den steigenden Anforderungen an individuelle Förderung und inklusiven Unterricht wächst auch die Bedeutung gut ausgebildeter sonderpädagogischer Lehrkräfte.
Mit dem neuen Praxistag und der engeren Zusammenarbeit mit den Schulen will das Rostocker Institut seine Ausbildung darauf ausrichten.
Nach 50 Jahren steht damit weiterhin eine Aufgabe im Mittelpunkt: Lehrkräfte darauf vorzubereiten, Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Lern- und Entwicklungsbedürfnissen bestmöglich zu unterstützen.