NATO will einen Angriff in drei Phasen abwehren
Das Konzept trägt die Bezeichnung „Theory of Victory“, zu Deutsch etwa „Siegesstrategie“. Es beschreibt, wie die Streitkräfte des Bündnisses auf einen militärischen Angriff reagieren sollen.
Die erste Phase heißt „Block“. Dabei sollen NATO-Truppen einen Angriff bereits an der Grenze aufhalten und verhindern, dass gegnerische Verbände Bündnisgebiet besetzen.
In der zweiten Phase, „Blunt“, soll die Angriffskraft des Gegners entscheidend geschwächt werden. Dazu sollen feindliche Truppen festgesetzt, ihre Bewegungen eingeschränkt und weitere Vorstöße verhindert werden.
Die dritte Phase trägt den Namen „Break“. Sollte der Angreifer seine Offensive dennoch fortsetzen, will die NATO nicht nur die unmittelbar kämpfenden Einheiten bekämpfen, sondern auch deren militärische Unterstützungsstrukturen ausschalten.
Dazu gehören Nachschubwege, Versorgungseinrichtungen und militärische Führungssysteme.
Grynkewich erklärte, ein möglicher Angreifer müsse damit rechnen, dass seine Streitkräfte weder Geländegewinne sichern noch eine länger andauernde Offensive erfolgreich fortsetzen könnten.
Verteidigung beginnt vor dem ersten Schuss
Eine zentrale Rolle spielt nach den Vorstellungen des NATO-Oberbefehlshabers die frühzeitige Aufklärung.
Geheimdienstinformationen, Satellitendaten und moderne Sensorsysteme sollen mögliche militärische Vorbereitungen rechtzeitig erkennen. Die NATO will dadurch genügend Zeit gewinnen, um Truppen zu verlegen und ihre Verteidigung zu verstärken.
Grynkewich geht davon aus, dass ein größerer Angriff auf Bündnisgebiet kaum völlig überraschend erfolgen würde. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Aufklärungssysteme entsprechende Vorbereitungen tatsächlich erkennen und politische sowie militärische Entscheidungen rechtzeitig getroffen werden.
Besonders an der östlichen NATO-Grenze kommt dieser Strategie erhebliche Bedeutung zu. Polen und die baltischen Staaten betrachten die russischen Streitkräfte als unmittelbare sicherheitspolitische Herausforderung.
Auch die russische Exklave Kaliningrad, die zwischen Polen und Litauen liegt, spielt in den Verteidigungsplanungen eine wichtige Rolle.
Drohnen, künstliche Intelligenz und Präzisionswaffen
Im Ernstfall will die NATO unterschiedliche militärische Fähigkeiten eng miteinander verbinden.
Bodentruppen sollen angreifende Verbände stoppen. Luftwaffe und Marine sollen dazu beitragen, die Kontrolle über den Luftraum und wichtige Seegebiete zu sichern.
Hinzu kommen moderne Drohnen, autonome Systeme, weitreichende Präzisionswaffen und digitale Netzwerke, über die Aufklärungsinformationen möglichst schnell an militärische Einheiten weitergegeben werden.
Die NATO zieht dabei auch Lehren aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Dort haben vergleichsweise kostengünstige Drohnen, elektronische Kriegführung und die schnelle Auswertung von Aufklärungsdaten die militärische Operationsführung erheblich verändert.
Grynkewich setzt deshalb nicht ausschließlich auf teure Großwaffensysteme. Vielmehr sollen hoch entwickelte Präzisionswaffen mit kostengünstigeren Systemen kombiniert werden, die in größeren Stückzahlen verfügbar sind.
Entscheidend sei, gegnerische Truppen möglichst schnell zu erkennen, ihre Bewegungen zu verfolgen und ihre Angriffsfähigkeit gezielt zu beeinträchtigen.
General zieht Grenze: Kein Krieg zur Niederwerfung Russlands
Trotz der deutlichen militärischen Ankündigungen betonte Grynkewich, dass die NATO keinen umfassenden Krieg gegen Russland anstrebe.
Das Ziel der Strategie sei ausdrücklich nicht, Russland als Staat eine strategische Niederlage zuzufügen. Vielmehr gehe es darum, einen Angriff auf Bündnisgebiet abzuwehren und die dafür eingesetzten gegnerischen Streitkräfte kampfunfähig zu machen.
Diese Unterscheidung ist sicherheitspolitisch bedeutsam. Ein militärischer Konflikt zwischen Russland und der NATO würde zwei Seiten mit Atomwaffenarsenalen unmittelbar gegenüberstellen.
Eine begrenzte militärische Zielsetzung soll verhindern, dass die Verteidigung eines Mitgliedstaates automatisch in einen umfassenderen Krieg übergeht. Ob sich eine solche Begrenzung im tatsächlichen Kriegsfall durchhalten ließe, bleibt allerdings ungewiss.
Die NATO versteht ihr Konzept deshalb auch als Abschreckung: Russland soll bereits vor einer möglichen militärischen Entscheidung erkennen, dass ein Angriff keinen schnellen Erfolg verspricht.
Deutschland spielt bei der Verteidigung eine wichtige Rolle
Für Deutschland hätte ein möglicher NATO-Verteidigungsfall erhebliche Auswirkungen.
Die Bundesrepublik ist aufgrund ihrer geografischen Lage eine wichtige Drehscheibe für die Verlegung alliierter Streitkräfte nach Osteuropa. Truppen, militärische Ausrüstung und Versorgungsgüter müssten im Ernstfall unter anderem über deutsche Straßen, Schienenwege und militärische Einrichtungen transportiert werden.
Darüber hinaus beteiligt sich die Bundeswehr unmittelbar an der Verteidigung der östlichen Bündnisstaaten. Besonders die Stationierung einer deutschen Kampfbrigade in Litauen ist Teil der verstärkten NATO-Präsenz an der Ostflanke.
Die vorgestellte Strategie wirft damit auch Fragen nach der Einsatzbereitschaft der Bundeswehr, der Verfügbarkeit militärischer Ausrüstung und dem Schutz kritischer Infrastruktur auf.
Ein funktionierendes Transportnetz, sichere Kommunikationsverbindungen und ausreichende Versorgungskapazitäten wären im Verteidigungsfall ebenso wichtig wie Panzer, Flugzeuge und Soldaten.
Sorge vor russischem Angriff bis 2030
Die neuen Planungen fallen in eine Phase zunehmender Spannungen zwischen Russland und dem westlichen Verteidigungsbündnis.
Westliche Nachrichtendienste und Sicherheitsexperten warnen seit Längerem davor, dass Russland seine militärischen Fähigkeiten in den kommenden Jahren wieder erheblich ausbauen könnte.
In verschiedenen Einschätzungen wird das Jahr 2030 als möglicher Zeitraum genannt, bis zu dem Russland wieder über ausreichende Fähigkeiten für größere militärische Operationen gegen einen NATO-Staat verfügen könnte.
Eine solche militärische Fähigkeit bedeutet jedoch nicht, dass ein Angriff tatsächlich beschlossen ist oder zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden wird.
Auch Grynkewich widersprach der Vorstellung, ein Krieg stehe unmittelbar bevor. Entscheidend sei, sich auf mögliche Entwicklungen vorzubereiten und nicht ausschließlich von den wahrscheinlichsten Szenarien auszugehen.
Abschreckung soll einen Krieg verhindern
Mit der öffentlichen Vorstellung der Verteidigungsstrategie verfolgt die NATO auch ein politisches Ziel.
Die Mitgliedstaaten sollen darauf vertrauen können, dass das Bündnis im Angriffsfall gemeinsam und entschlossen handelt. Gleichzeitig richtet sich die Botschaft an Moskau: Ein Angriff auf NATO-Gebiet soll weder zu einem schnellen Geländegewinn noch zu einem dauerhaften militärischen Erfolg führen.
Grynkewich unterstrich die Einsatzbereitschaft mit der Aussage, die NATO sei im Fall eines Angriffs bereit, noch in derselben Nacht zu kämpfen.
Die öffentliche Präsentation bedeutet jedoch nicht, dass ein Krieg unmittelbar bevorsteht oder die NATO einen Angriff vorbereitet. Vielmehr soll die militärische Planung einen möglichen Gegner von einem Angriff abhalten.
Ob diese Abschreckung langfristig funktioniert, hängt nicht allein von der angekündigten Strategie ab. Entscheidend sind auch die tatsächliche Einsatzbereitschaft der Streitkräfte, die politischen Entscheidungen der Mitgliedstaaten und ihre Fähigkeit, im Krisenfall geschlossen zu handeln.