Berlin. Deutschlands Wirtschaft kämpft mit schwachem Wachstum, Arbeitsplatzverlusten und steigenden Kosten. Doch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat derzeit eine andere größte Sorge: Russland. Beim Berlin Global Dialogue erklärte der Kanzler am Mittwoch, dem 21. Oktober 2026, dass ihn weniger die wirtschaftliche Entwicklung als vielmehr die russische Einflussnahme auf europäische Gesellschaften beunruhige. Die Aussage wirft eine grundsätzliche Frage auf: Ist die Bedrohung durch Moskau tatsächlich das drängendste Problem Deutschlands – oder verliert die Bundesregierung die wirtschaftlichen Sorgen der eigenen Bevölkerung aus dem Blick?

Merz sieht die größte Gefahr in Russland

Beim internationalen Wirtschaftsdialog in Berlin sprach der Bundeskanzler über die schwierige internationale Lage. Neben geopolitischen Konflikten ging es um die Wettbewerbsfähigkeit Europas und Deutschlands wirtschaftliche Zukunft.

Besonders deutlich wurde Merz, als er nach seiner größten Sorge gefragt wurde. Seine Antwort lautete, diese sei gegenwärtig nicht die Wirtschaft, sondern Russlands Einfluss auf die westlichen Gesellschaften.

Der Kanzler warf Moskau vor, Deutschland und andere europäische Staaten mit Desinformation, Cyberangriffen und weiteren feindseligen Aktivitäten destabilisieren zu wollen.

Diese Einschätzung deckt sich in wesentlichen Teilen mit Warnungen deutscher Sicherheitsbehörden. Anfang Oktober bezeichneten die Spitzen der Nachrichtendienste Russland bei einer öffentlichen Anhörung im Bundestag als größte sicherheitspolitische Herausforderung.

Allerdings ist eine sicherheitspolitische Bedrohung nicht automatisch mit der insgesamt größten Herausforderung für Staat und Gesellschaft gleichzusetzen.

Genau an dieser Stelle beginnt die Debatte über Merz' Prioritäten.

Fast drei Millionen Arbeitslose: Deutschlands Probleme sind längst Realität

Während der Kanzler vor russischer Einflussnahme warnt, zeigen die aktuellen Arbeitsmarktdaten eine schwierige wirtschaftliche Lage.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im September 2026 bundesweit 2,994 Millionen Menschen arbeitslos. Das waren 40.000 mehr als ein Jahr zuvor.

Die Arbeitslosenquote lag bei 6,4 Prozent. Die sonst übliche Herbstbelebung verlief schwach. Saisonbereinigt stieg die Arbeitslosigkeit gegenüber August sogar um 12.000 Personen.

Auch die Zahl der Erwerbstätigen ging zurück.

Für die betroffenen Menschen sind das keine abstrakten Statistiken, sondern konkrete Existenzfragen: Bleibt der Arbeitsplatz erhalten? Reicht das Einkommen für Miete und Lebenshaltung? Gibt es für die Kinder in der Heimatregion noch berufliche Perspektiven?

Gerade in strukturschwächeren Regionen Ostdeutschlands können größere Arbeitsplatzverluste erhebliche Folgen haben.

Wenn der Bundeskanzler angesichts dieser Entwicklung erklärt, die Wirtschaft sei nicht seine größte Sorge, muss er sich die Frage gefallen lassen, welche Bedeutung er den unmittelbaren Problemen der Beschäftigten und Unternehmen beimisst.

Wirtschaftliche Schwäche kann selbst zum Sicherheitsrisiko werden

Eine wichtige Gegenposition zur Einschätzung des Kanzlers lautet: Die wirtschaftliche Stärke Deutschlands ist eine Voraussetzung für seine Sicherheit.

Bundeswehr, Polizei, Nachrichtendienste, kritische Infrastruktur und staatliche Krisenvorsorge müssen finanziert werden.

Dafür braucht der Staat dauerhaft ausreichende Steuereinnahmen und eine wettbewerbsfähige Wirtschaft.

Schrumpft die industrielle Basis, gehen Arbeitsplätze verloren und geraten öffentliche Haushalte unter Druck, wird auch die Finanzierung der Sicherheitsbehörden schwieriger.

Wirtschaftspolitik und Sicherheitspolitik sind deshalb keine voneinander unabhängigen Aufgaben.

Die Bundesregierung kann langfristig nur dann ihre sicherheitspolitischen Ziele erreichen, wenn sie zugleich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes erhält.

Wer vor äußeren Gefahren warnt, muss folglich auch erklären, wie Deutschland wirtschaftlich stark genug bleiben soll, um ihnen zu begegnen.

Ist Russland wirklich Deutschlands größte Bedrohung?

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und die von deutschen Behörden beschriebenen hybriden Angriffe auf europäische Staaten sind ernst zu nehmende Sicherheitsprobleme.

Die Bundesregierung macht Moskau unter anderem für einen bewaffneten Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle im August verantwortlich. Im Oktober verschärfte die Bundeswehr zudem ihre Einschätzung der Sabotagegefahr für militärische Einrichtungen.

Solche Vorfälle lassen sich nicht überzeugend mit dem Hinweis auf die deutsche Wirtschaftskrise beiseiteschieben.

Die Frage ist jedoch, was mit der Bezeichnung „größte Bedrohung“ überhaupt gemeint ist.

Geht es um die Gefahr eines militärischen Konflikts? Um den möglichen Schaden für die Wirtschaft? Um die Stabilität demokratischer Institutionen? Oder um die Probleme, die das tägliche Leben der Bevölkerung am stärksten beeinträchtigen?

Ohne klare Kriterien ist eine solche Rangfolge kaum objektiv überprüfbar.

Russland kann die größte außen- und sicherheitspolitische Herausforderung darstellen, während die wirtschaftliche Entwicklung gleichzeitig das dringendste innenpolitische Problem ist.

Die pauschale Gegenüberstellung beider Bereiche greift daher zu kurz.

Warum Deutschlands Wirtschaftskrise nicht allein Moskau angelastet werden kann

Russlands Krieg hat die europäischen Energiemärkte und Lieferketten erheblich belastet. Daraus folgt jedoch nicht, dass Moskau für sämtliche wirtschaftlichen Probleme Deutschlands verantwortlich ist.

Viele Schwierigkeiten sind älter und haben unterschiedliche Ursachen.

Dazu gehören langwierige Genehmigungsverfahren, hohe Bürokratiekosten, Fachkräftemangel, eine teilweise veraltete Infrastruktur und strukturelle Herausforderungen der deutschen Automobilindustrie.

Merz selbst hatte noch Anfang Oktober bei einem Wirtschaftsgipfel ausdrücklich auf hohe Energiekosten, falsche politische Entscheidungen der Vergangenheit und den internationalen Wettbewerbsdruck hingewiesen.

Auch die Bundesregierung erkennt damit an, dass wesentliche Ursachen der wirtschaftlichen Schwäche im Inland liegen.

Diese Probleme lassen sich weder durch Sanktionen gegen Russland noch durch zusätzliche militärische Ausgaben allein lösen.

Sie verlangen konkrete wirtschaftspolitische Reformen.

Auch militärische Abschreckung braucht politische Vernunft

Ein weiterer Einwand gegen eine ausschließlich auf Bedrohungen ausgerichtete Politik betrifft die Gefahr zunehmender Eskalation.

Deutschland und seine europäischen Partner haben ein berechtigtes Interesse daran, militärische Angriffe abzuwehren und kritische Infrastruktur zu schützen.

Gleichzeitig müssen sie vermeiden, dass aus Provokationen und gegenseitigen Drohungen eine unkontrollierbare militärische Konfrontation entsteht.

Wirksame Sicherheitspolitik benötigt deshalb neben Verteidigungsfähigkeit auch diplomatische Kommunikationskanäle, Krisenmanagement und klare politische Ziele.

Daraus ergibt sich allerdings nicht, dass Zugeständnisse an Moskau automatisch Frieden oder größere Sicherheit schaffen würden.

Russlands Angriff auf die Ukraine zeigt vielmehr, dass diplomatische Bemühungen allein militärische Gewalt nicht zuverlässig verhindern.

Eine überzeugende Strategie muss deshalb Abschreckung und Diplomatie miteinander verbinden.

Ostdeutschland braucht mehr als Warnungen vor Russland

Besonders deutlich werden die wirtschaftlichen Herausforderungen in Teilen Ostdeutschlands.

Die Automobilindustrie befindet sich im technologischen Wandel, energieintensive Unternehmen stehen unter Kostendruck und in ehemaligen Kohleregionen muss der Strukturwandel dauerhaft tragfähige Arbeitsplätze schaffen.

Gleichzeitig bietet die Region mit ihren Forschungseinrichtungen, Halbleiterstandorten und neuen Technologieunternehmen wirtschaftliche Chancen.

Entscheidend ist, ob daraus dauerhaft Beschäftigung und Wertschöpfung entstehen.

Für einen Beschäftigten in Sachsen, dessen Arbeitsplatz gefährdet ist, oder einen mittelständischen Unternehmer in Thüringen, der mit hohen Betriebskosten kämpft, steht möglicherweise nicht die russische Außenpolitik an erster Stelle.

Diese Perspektive verdient ebenso politische Aufmerksamkeit wie die Einschätzungen der Nachrichtendienste.

Der Kanzler muss beides ernst nehmen.

Die eigentliche Schwäche ist die Gegenüberstellung von Wirtschaft und Sicherheit

Merz hat gute Gründe, vor russischen Aktivitäten zu warnen. Der Krieg gegen die Ukraine, mutmaßliche Sabotageakte und geheimdienstliche Angriffe sind reale Probleme.

Daraus folgt jedoch nicht, dass die wirtschaftliche Lage Deutschlands als nachrangig behandelt werden sollte.

Die Bevölkerung erwartet von einer Bundesregierung, dass sie mehrere große Herausforderungen gleichzeitig bewältigt.

Die Frage sollte deshalb nicht lauten, ob Deutschland sich vor Russland schützen oder seine Wirtschaft stärken muss.

Es muss beides tun.

Die Aussage des Bundeskanzlers ist vor allem deshalb kritikwürdig, weil sie eine Rangfolge nahelegt, die sich nicht eindeutig begründen lässt. Wer Deutschland gegen äußere Gefahren schützen will, darf seine wirtschaftliche Grundlage nicht aus dem Blick verlieren. Denn ein wirtschaftlich geschwächtes Land wird auf Dauer auch sicherheitspolitisch verwundbarer.