Berlin. Der Deutsche Bundestag hat am Donnerstag, 15. Oktober 2026, eine umfassende Reform der medizinischen Notfallversorgung beschlossen. Künftig sollen Rettungsdienste, ärztlicher Bereitschaftsdienst und Krankenhausnotaufnahmen enger zusammenarbeiten. Ein zentrales Ziel besteht darin, Patienten schneller zur richtigen medizinischen Versorgung zu vermitteln und überlastete Notaufnahmen zu entlasten. Die Reform sieht dafür neue Integrierte Notfallzentren und eine digitale Vernetzung der Rufnummern 112 und 116117 vor.
Der Beschluss wurde von der Regierungskoalition und den Grünen getragen. Bevor die neuen Regelungen vollständig umgesetzt werden können, muss noch der Bundesrat zustimmen.
Warum Deutschland seine Notfallversorgung reformiert
Bislang gelangen viele Patienten unmittelbar in die Notaufnahme eines Krankenhauses, obwohl ihre Beschwerden möglicherweise auch in einer Arztpraxis behandelt werden könnten.
Gleichzeitig werden Rettungswagen zu Einsätzen gerufen, bei denen nicht immer ein Transport ins Krankenhaus erforderlich ist.
Das führt zu einer hohen Belastung der Rettungsdienste, langen Wartezeiten und einer angespannten Personalsituation in zahlreichen Kliniken.
Die Bundesregierung will mit der Reform erreichen, dass medizinische Hilfe besser koordiniert wird.
Entscheidend soll künftig nicht allein sein, bei welcher Stelle sich ein Patient zuerst meldet. Vielmehr soll möglichst früh eingeschätzt werden, welche Versorgung tatsächlich benötigt wird.
112 und 116117 sollen digital zusammenarbeiten
Ein Kernstück des neuen Gesetzes ist die engere Verbindung der beiden zentralen Telefonnummern.
Die 112 bleibt die Notrufnummer für akute lebensbedrohliche Situationen. Dazu gehören beispielsweise schwere Unfälle, Herzinfarkte und andere medizinische Notfälle, bei denen sofortige Hilfe erforderlich ist.
Die 116117 ist weiterhin für den ärztlichen Bereitschaftsdienst vorgesehen.
Allerdings sollen die zuständigen Leitstellen künftig digital miteinander vernetzt werden.
So sollen Informationen über einen medizinischen Fall leichter weitergegeben und Patienten bei Bedarf an die jeweils zuständige Stelle vermittelt werden können.
Bei der 116117 wird zudem zwischen Terminservice und Akutleitstelle unterschieden.
Für akute, nicht unmittelbar lebensbedrohliche Beschwerden sollen auch telefonische und videobasierte ärztliche Beratungen stärker genutzt werden.
Neue Notfallzentren an Krankenhäusern
Eine weitere wesentliche Veränderung betrifft die Struktur der Notaufnahmen.
An geeigneten Krankenhäusern sollen sogenannte Integrierte Notfallzentren entstehen.
Diese verbinden die Notaufnahme einer Klinik mit einer ärztlichen Notdienstpraxis und einer zentralen Stelle zur medizinischen Ersteinschätzung.
Dort wird beurteilt, welche Art der Behandlung erforderlich ist.
Patienten mit schweren Erkrankungen oder lebensbedrohlichen Verletzungen werden unmittelbar in der Krankenhausnotaufnahme versorgt.
Menschen mit weniger dringlichen Beschwerden können dagegen in eine Notdienstpraxis oder eine andere geeignete ambulante Versorgung vermittelt werden.
Dadurch sollen sich medizinische Ressourcen gezielter einsetzen lassen.
Was sich für Patienten konkret ändern könnte
Für Patienten bedeutet die Reform vor allem eine stärkere Orientierung am tatsächlichen Behandlungsbedarf.
Wer beispielsweise außerhalb regulärer Praxiszeiten medizinische Hilfe benötigt, soll leichter erfahren können, welche Anlaufstelle geeignet ist.
Nicht jeder Fall muss zwangsläufig in einem Krankenhaus behandelt werden.
Gleichzeitig sollen schwer erkrankte Menschen schneller die notwendige Versorgung erhalten, weil die Notaufnahmen von weniger dringlichen Fällen entlastet werden.
Die Reform soll außerdem unnötige Fahrten und lange Wartezeiten verringern.
Ob diese Verbesserungen im Alltag tatsächlich eintreten, wird jedoch von der personellen Ausstattung und der praktischen Umsetzung abhängen.
Rettungsdienst wird stärker als medizinische Leistung anerkannt
Eine grundlegende Änderung ist auch für den Rettungsdienst vorgesehen.
Bislang wird dessen Tätigkeit im Krankenversicherungssystem teilweise vor allem unter dem Gesichtspunkt des Patiententransports finanziert.
Künftig soll die medizinische Notfallrettung ausdrücklich als Sachleistung der gesetzlichen Krankenversicherung anerkannt werden.
Damit werden auch medizinische Maßnahmen am Einsatzort stärker berücksichtigt.
Das ist insbesondere dann wichtig, wenn eine Behandlung bereits vor Ort erfolgen kann und eine Fahrt ins Krankenhaus nicht erforderlich ist.
Rettungsdienstorganisationen sehen darin einen wichtigen Ansatz, um ihre tatsächlichen Aufgaben besser abzubilden.
Herausforderungen gerade im ländlichen Raum
Für Ostdeutschland besitzt die Reform besondere Bedeutung.
In Teilen von Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen müssen Patienten teilweise längere Wege zur nächsten Klinik oder Facharztpraxis zurücklegen.
Dort kommt es besonders darauf an, dass ambulante Versorgung, Rettungsdienst und Krankenhäuser zuverlässig zusammenarbeiten.
Digitale Vernetzung und telemedizinische Angebote könnten helfen, bestehende Entfernungen zu überbrücken.
Allerdings ersetzen digitale Anwendungen weder medizinisches Fachpersonal noch ausreichend ausgestattete Rettungswachen.
Auch die Verfügbarkeit von Ärzten, Pflegekräften und Rettungsdienstpersonal bleibt entscheidend.
Bundesrat muss noch zustimmen
Mit der Entscheidung des Bundestages ist die Reform politisch einen wichtigen Schritt vorangekommen.
Abgeschlossen ist das Gesetzgebungsverfahren damit allerdings noch nicht.
Der Bundesrat muss der Reform noch zustimmen. Anschließend folgt die konkrete Umsetzung, die sowohl technische als auch organisatorische Veränderungen erfordert.
Für Patienten gelten bis dahin die bisherigen Strukturen weiter.
Die Notrufnummer 112 bleibt bei lebensbedrohlichen Notfällen die richtige Anlaufstelle. Für dringende medizinische Beschwerden außerhalb regulärer Sprechzeiten, die nicht lebensbedrohlich sind, steht weiterhin die 116117 zur Verfügung.
Ob die Reform ihre Ziele erreicht, wird sich daran messen lassen müssen, ob Menschen tatsächlich schneller und verlässlicher die medizinische Hilfe erhalten, die sie benötigen.