Menschen ohne deutschen Pass werden in Deutschland deutlich häufiger als Tatverdächtige bei Gewaltdelikten registriert als deutsche Staatsangehörige. Das bestätigt eine neue wissenschaftliche Auswertung von Kriminalitätsdaten. Besonders groß sind die Unterschiede bei männlichen Jugendlichen. Doch die Forschenden warnen davor, daraus pauschale Rückschlüsse auf die kulturelle Herkunft zu ziehen. Neben dem Alter und Geschlecht spielen soziale Benachteiligung, Gewalterfahrungen und Unterschiede bei der Anzeigebereitschaft eine wichtige Rolle.

Dreimal so hohe Belastung bei schweren Gewalttaten

Die aktuelle Untersuchung beschäftigt sich mit der Frage, weshalb Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit in der Polizeilichen Kriminalstatistik deutlich häufiger erscheinen als Deutsche.

Nach den ausgewerteten Polizeidaten für 2025 wurden 0,6 Prozent der nichtdeutschen Bevölkerung als Tatverdächtige einer schweren Gewalttat registriert. Bei deutschen Staatsangehörigen lag der entsprechende Anteil bei 0,2 Prozent.

Damit war die registrierte Tatverdächtigenbelastung bei nichtdeutschen Personen dreimal so hoch.

Die Unterschiede zeigen sich nach Angaben der beteiligten Kriminologin Susann Prätor von der Polizeiakademie Niedersachsen auch bei anderen Deliktgruppen, fallen bei Gewaltkriminalität jedoch besonders deutlich aus.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten dafür sowohl polizeilich registrierte Straftaten als auch Ergebnisse wissenschaftlicher Befragungen.

Die Auswertung entstand für den Mediendienst Integration.

Besonders große Unterschiede bei männlichen Jugendlichen

Noch deutlicher fällt der Vergleich bei männlichen Jugendlichen aus.

Nach Angaben der Forschenden liegt die Tatverdächtigenbelastung nichtdeutscher männlicher Jugendlicher etwa 3,5-mal höher als die deutscher Jugendlicher.

In der Altersgruppe der 14- bis 18-Jährigen wurden nach der Polizeilichen Kriminalstatistik 2025 rund 3.700 nichtdeutsche Tatverdächtige je 100.000 Einwohner der entsprechenden Bevölkerungsgruppe erfasst.

Bei deutschen männlichen Jugendlichen waren es rund 1.000 je 100.000 Einwohner.

Die Zahlen zeigen eine erhebliche Differenz, die nach Einschätzung der Wissenschaftler nicht allein durch unterschiedliche Altersstrukturen erklärt werden kann.

Allerdings ist zu beachten, dass die Polizeistatistik Tatverdächtige erfasst. Sie sagt nicht unmittelbar aus, wie viele Menschen tatsächlich eine Straftat begangen haben oder später rechtskräftig verurteilt wurden.

Dunkelfeldstudie zeigt geringeren Unterschied

Um ein genaueres Bild zu erhalten, verglichen die Forschenden die Polizeidaten mit dem sogenannten Niedersachsen-Survey.

Bei dieser Untersuchung werden seit 2013 regelmäßig Jugendliche anonym zu ihren Erfahrungen mit Kriminalität, Gewalt und persönlichen Einstellungen befragt.

Solche Dunkelfeldstudien sollen auch Vorfälle erfassen, die nicht bei der Polizei angezeigt werden.

Die Ergebnisse fallen anders aus als die Polizeistatistik.

In der Befragung von 2024 berichteten nichtdeutsche Jugendliche etwa 1,6-mal häufiger von eigener Gewalt als deutsche Jugendliche.

Damit bleibt ein Unterschied bestehen, er ist jedoch deutlich kleiner als in der polizeilichen Statistik.

Aus Sicht der Forschenden zeigt das, dass neben tatsächlichen Unterschieden im Gewaltverhalten auch die Wahrscheinlichkeit einer Strafanzeige berücksichtigt werden muss.

Nichtdeutsche werden häufiger angezeigt

Ein wesentlicher Befund betrifft die Anzeigebereitschaft.

Nach Angaben von Susann Prätor werden nichtdeutsche Tatverdächtige bei Gewaltdelikten ungefähr doppelt so häufig angezeigt wie deutsche.

Dafür können unterschiedliche Faktoren verantwortlich sein, etwa das Verhältnis zwischen Täter und Opfer, der Ort einer Auseinandersetzung oder die Wahrnehmung der Beteiligten.

Vorfälle innerhalb von Familien oder zwischen einander bekannten Personen gelangen beispielsweise nicht immer zur Anzeige.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik bildet deshalb nicht sämtliche tatsächlich begangenen Straftaten ab, sondern das sogenannte Hellfeld der Kriminalität.

Ein unterschiedliches Anzeigeverhalten kann die statistischen Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen vergrößern.

Die Forscher betonen allerdings, dass die höhere Anzeigewahrscheinlichkeit allein nicht sämtliche Unterschiede erklärt.

Gewaltbereitschaft unter nichtdeutschen Jugendlichen höher

Ein weiteres Ergebnis betrifft die persönliche Einstellung zu Gewalt.

Im Niedersachsen-Survey wurde unter anderem untersucht, ob Jugendliche Gewalt für ein akzeptables Mittel zur Konfliktlösung halten oder gewaltlegitimierenden Männlichkeitsvorstellungen zustimmen.

Bei deutschen männlichen Jugendlichen lag der Anteil entsprechender Zustimmung bei 5,2 Prozent.

Unter nichtdeutschen männlichen Jugendlichen waren es 9,6 Prozent.

Damit war die Zustimmung in dieser Gruppe beinahe doppelt so hoch.

Für die Forschenden ist dies ein wichtiger Hinweis auf unterschiedliche Risikofaktoren für gewalttätiges Verhalten.

Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass die große Mehrheit in beiden Gruppen solche Einstellungen nicht teilt.

Auch bei nichtdeutschen männlichen Jugendlichen lehnen rund neun von zehn Befragten entsprechende Aussagen ab oder stimmen ihnen nur teilweise zu.

Forscherin widerspricht pauschaler Erklärung durch Kultur

Die Kriminologin Susann Prätor warnt davor, die höhere Gewaltbereitschaft pauschal mit der kulturellen Herkunft zu erklären.

Nach ihrer Einschätzung wäre es wissenschaftlich nicht überzeugend, ein Merkmal als kennzeichnend für eine gesamte kulturelle Gruppe zu betrachten, wenn es nur von einer kleinen Minderheit geteilt wird.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Erziehung, gesellschaftliche Normen oder Vorstellungen von Männlichkeit grundsätzlich ohne Einfluss wären.

Vielmehr unterscheiden die Wissenschaftler zwischen individuellen Prägungen und pauschalen Zuschreibungen an ganze Bevölkerungsgruppen.

Die Frage, welche Einstellungen Gewalt begünstigen, müsse anhand konkreter Lebensbedingungen und persönlicher Erfahrungen untersucht werden.

Eine Staatsangehörigkeit allein erkläre kein kriminelles Verhalten.

Armut und Bildung beeinflussen das Gewaltrisiko

Die soziale Situation spielt nach der Untersuchung ebenfalls eine wichtige Rolle.

Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind in Deutschland deutlich häufiger von Armut betroffen.

Den herangezogenen Zahlen zufolge liegt die Armutsgefährdung bei Minderjährigen ohne Migrationshintergrund bei 6,8 Prozent, bei Minderjährigen mit Migrationshintergrund dagegen bei 23,3 Prozent.

Auch Unterschiede in der schulischen Bildung werden sichtbar.

Im Niedersachsen-Survey 2024 besuchten 35,5 Prozent der deutschen männlichen Jugendlichen ein Gymnasium. Unter nichtdeutschen männlichen Jugendlichen waren es 20,4 Prozent.

Werden ausschließlich Jugendliche betrachtet, die kein Gymnasium besuchen, verringert sich der Unterschied im berichteten Gewaltverhalten.

Bei deutschen Jugendlichen dieser Gruppe lag die Gewaltrate bei 10,2 Prozent, bei nichtdeutschen bei knapp 15 Prozent.

Die Schulform erklärt somit einen Teil der Differenz, aber nicht den gesamten Unterschied.

Weitere Faktoren wie die finanzielle Situation der Familie, Wohnverhältnisse und fehlende Zukunftsperspektiven können hinzukommen.

Gewalterfahrungen in Familien spielen eine Rolle

Die Kriminologin Yvonne Krieg verweist zudem auf den Einfluss familiärer Erfahrungen.

Jugendliche, die selbst Gewalt erleben oder in ihrem Umfeld regelmäßig gewalttätige Konfliktlösungen beobachten, können entsprechende Verhaltensweisen übernehmen.

Eine Rolle spielen dabei auch Erziehungsvorstellungen und traditionelle Männlichkeitsbilder.

Die Forschenden weisen darauf hin, dass sich gesellschaftliche Einstellungen zu Gewalt historisch verändern.

Auch in Deutschland wurde das Recht auf gewaltfreie Erziehung erst im Jahr 2000 ausdrücklich gesetzlich verankert.

Hinzu kommen mögliche Erfahrungen mit Diskriminierung, gesellschaftlicher Ausgrenzung und mangelnder Anerkennung.

Bei einzelnen Jugendlichen könnten daraus psychische Belastungen oder der Versuch entstehen, sich durch Härte und aggressives Verhalten Respekt zu verschaffen.

Solche Zusammenhänge erklären jedoch nicht automatisch das Verhalten einzelner Personen.

Mehr als 99 Prozent fallen nicht durch Gewaltkriminalität auf

Trotz der deutlichen statistischen Unterschiede betonen die Wissenschaftler einen weiteren wichtigen Befund.

Sowohl bei deutschen als auch bei nichtdeutschen Staatsangehörigen werden weniger als ein Prozent der jeweiligen Bevölkerung als Tatverdächtige schwerer Gewalttaten registriert.

Die überwältigende Mehrheit beider Bevölkerungsgruppen tritt somit in dieser Statistik nicht wegen schwerer Gewaltkriminalität in Erscheinung.

Diese Feststellung relativiert nicht die Bedeutung der registrierten Gewaltdelikte oder die Belastungen für ihre Opfer.

Sie zeigt jedoch, weshalb die Ergebnisse nicht auf ganze Bevölkerungsgruppen übertragen werden dürfen.

Für die Bewertung der Kriminalitätsentwicklung sind die tatsächliche Häufigkeit der Taten, die Situation der Opfer und die Ursachen gewalttätigen Verhaltens entscheidend.

Welche Konsequenzen ergeben sich für die Politik?

Die Untersuchung zeigt, dass Unterschiede bei der Gewaltkriminalität tatsächlich bestehen, ihre Erklärung aber mehrere Faktoren berücksichtigen muss.

Eine wirksame Kriminalprävention müsste demnach bereits bei Kindern und Jugendlichen ansetzen.

Dazu gehören die Verhinderung familiärer Gewalt, bessere Bildungs- und Teilhabechancen sowie der Umgang mit gewaltlegitimierenden Einstellungen.

Gleichzeitig bleibt die konsequente Strafverfolgung begangener Gewalttaten eine eigenständige Aufgabe des Rechtsstaates.

Die Ergebnisse verdeutlichen damit zwei unterschiedliche Anforderungen: Gewaltkriminalität muss unabhängig von der Staatsangehörigkeit der Tatverdächtigen verfolgt werden. Ihre Ursachen müssen zugleich wissenschaftlich untersucht werden, damit Präventionsmaßnahmen gezielt wirken können.

Die neue Auswertung liefert dafür zusätzliche Erkenntnisse. Sie bestätigt deutliche statistische Unterschiede, macht aber ebenso deutlich, dass die Staatsangehörigkeit allein keine ausreichende Erklärung für Gewaltkriminalität bietet.