Magdeburg. Die deutschen Gasspeicher sind zu Beginn der Heizperiode deutlich schlechter gefüllt als vor einem Jahr. Am 13. Oktober 2026 lag der bundesweite Füllstand bei rund 60 Prozent. Im Oktober 2025 waren es noch etwa 76 Prozent. Trotzdem erwartet Sachsen-Anhalts Energieminister Armin Willingmann (SPD) keine Versorgungsengpässe im bevorstehenden Winter. Für Verbraucher und Unternehmen gibt es allerdings keine Entwarnung bei den Kosten. Der Minister rechnet angesichts der internationalen Energiekrise weiterhin mit hohen Gaspreisen.
Die Aussagen erfolgten am Donnerstag, 15. Oktober, in Magdeburg. Hintergrund sind die weltweiten Auswirkungen des Iran-Krieges und die Einschränkungen des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus.
Speicherstände deutlich unter Vorjahresniveau
Mit einem Füllstand von rund 60 Prozent verfügen die deutschen Gasspeicher über erheblich geringere Reserven als im vergangenen Herbst.
Die Speicher dienen dazu, Schwankungen zwischen Gasangebot und Gasverbrauch auszugleichen.
Während in den Sommermonaten häufig mehr Gas eingespeichert wird, steigen die Entnahmen üblicherweise während der Heizperiode.
Ein niedrigerer Speicherstand bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine Versorgungskrise bevorsteht.
Für die tatsächliche Versorgungssicherheit ist entscheidend, wie viel Gas kontinuierlich über bestehende Lieferverbindungen und Flüssiggasterminals nach Deutschland gelangt.
Auch der Temperaturverlauf im Winter spielt eine wichtige Rolle.
Längere Frostperioden können den Gasverbrauch erheblich erhöhen.
Willingmann sieht keine unmittelbare Versorgungskrise
Sachsen-Anhalts Energieminister Armin Willingmann hält die Versorgungslage nach aktuellem Stand für stabil.
Für den kommenden Winter sei ausreichend Gas vorhanden, erklärte der SPD-Politiker.
Engpässe erwartet er trotz der unterdurchschnittlichen Speicherfüllstände nicht.
Allerdings unterscheidet der Minister deutlich zwischen Versorgungssicherheit und Preisentwicklung.
Denn auch wenn physisch ausreichend Gas zur Verfügung steht, können internationale Krisen die Beschaffung erheblich verteuern.
Gerade für energieintensive Industrieunternehmen stellt diese Entwicklung ein wirtschaftliches Problem dar.
Iran-Krieg belastet internationale Energiemärkte
Besonders aufmerksam beobachtet die Bundesregierung die Lage im Nahen Osten.
Die weitgehende Einschränkung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus hat Auswirkungen auf die internationalen Energiemärkte.
Über die Meerenge verlaufen wichtige Transportwege für Erdöl und Flüssigerdgas.
Werden diese Verbindungen gestört, kann sich das verfügbare Angebot auf dem Weltmarkt verändern.
Auch Staaten, die nicht unmittelbar auf Lieferungen aus der Golfregion angewiesen sind, können davon betroffen sein.
Denn Gas wird auf internationalen Märkten gehandelt. Steigende Preise in einer Region können deshalb Auswirkungen auf andere Beschaffungsmärkte haben.
Willingmann betont, dass Sachsen-Anhalt nicht direkt von Gaslieferungen aus der Golfregion abhängig sei.
Die höheren Weltmarktpreise würden dennoch Verbraucher und Unternehmen im Bundesland belasten.
Besonders die Chemieindustrie steht unter Druck
Für Sachsen-Anhalt ist die Entwicklung von besonderer Bedeutung.
Das Bundesland verfügt mit Leuna, Schkopau und Bitterfeld-Wolfen über bedeutende Standorte der chemischen Industrie.
Viele Produktionsprozesse benötigen große Mengen an Energie.
Hohe Gaspreise können deshalb die Herstellungskosten erhöhen und die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischen Standorten beeinträchtigen.
Auch andere Industriezweige sind betroffen.
Dazu gehören unter anderem Teile der Lebensmittelindustrie, die Glasproduktion und energieintensive Fertigungsbetriebe.
Für private Haushalte können steigende Energiepreise ebenfalls erhebliche finanzielle Belastungen verursachen.
Wie stark sich aktuelle Großhandelspreise auf einzelne Gasrechnungen auswirken, hängt allerdings von den jeweiligen Lieferverträgen und Preisbindungen ab.
Energieminister setzt auf Windkraft und Solarenergie
Willingmann sieht in der Entwicklung ein weiteres Argument für den Ausbau erneuerbarer Energien.
Nach seiner Auffassung muss Deutschland die Abhängigkeit von internationalen Brennstofflieferungen langfristig verringern.
Dazu gehören zusätzliche Windkraft- und Solaranlagen sowie Investitionen in Stromnetze und Wasserstoffinfrastruktur.
Der Minister verweist darauf, dass erneuerbare Energien im Inland erzeugt werden können und damit weniger unmittelbar von internationalen Transportwegen abhängig sind.
Allerdings können Wind- und Solarenergie Erdgas in industriellen Prozessen oder bei der Wärmeversorgung nicht kurzfristig vollständig ersetzen.
Dafür sind zusätzliche technische Umstellungen, Speichermöglichkeiten und Investitionen erforderlich.
Was bedeutet das für den Winter?
Für Haushalte besteht nach der aktuellen Einschätzung des Energieministers zunächst kein Grund, von einem unmittelbar bevorstehenden Gasmangel auszugehen.
Die niedrigeren Speicherstände zeigen jedoch, dass die Versorgungslage aufmerksam beobachtet werden muss.
Ein kalter Winter, zusätzliche Lieferstörungen oder neue internationale Krisen könnten die Situation verändern.
Besonders unsicher bleibt die Preisentwicklung.
Für Sachsen-Anhalt wird deshalb entscheidend sein, ob die Gasversorgung weiterhin stabil bleibt und sich die internationalen Energiemärkte beruhigen.
Die Botschaft aus Magdeburg lautet damit: Eine Versorgungskrise wird derzeit nicht erwartet, doch die wirtschaftlichen Belastungen durch hohe Gaspreise sind noch lange nicht überwunden.