Magdeburg. Die Trockenheit der vergangenen Jahre hat Sachsen-Anhalt vor eine grundlegende Zukunftsfrage gestellt: Wie lässt sich genügend Wasser für Bevölkerung, Landwirtschaft und Industrie sichern, wenn Niederschläge ausbleiben und Flüsse immer häufiger Niedrigwasser führen? Die CDU-Landtagsfraktion fordert nun weitreichende technische Eingriffe. Staustufen an Elbe und Saale sollen helfen, Wasser zurückzuhalten und den Grundwasserspiegel zu stabilisieren. Umweltverbände warnen dagegen vor ökologischen Schäden und fordern eine andere Strategie. Es geht um weit mehr als ein Bauprojekt: Sachsen-Anhalt streitet über die Zukunft seiner wichtigsten Flüsse.
CDU fordert Staustufen für Elbe und Saale
Die CDU-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt hat sich für den Bau von Staustufen an zentralen Flussabschnitten ausgesprochen.
Aus ihrer Sicht könnte das Aufstauen von Wasser dazu beitragen, die Folgen zunehmender Trockenheit zu begrenzen.
Der wirtschaftspolitische Sprecher der Fraktion, Ulrich Thomas, betrachtet eine langfristig gesicherte Wasserversorgung als wesentliche Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.
Dabei geht es nicht nur um Trinkwasser.
Auch Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe benötigen verlässliche Wasserressourcen. Wenn Grundwasserstände sinken oder Flüsse zu wenig Wasser führen, kann das erhebliche wirtschaftliche Folgen haben.
Die CDU möchte deshalb die Sicherung des Grundwassers stärker als Aufgabe staatlicher Daseinsvorsorge betrachten.
Konkrete Bauorte, Kosten und verbindliche Projektentscheidungen wurden mit der aktuellen Forderung allerdings noch nicht festgelegt.
Der niedrige Wasserstand der Elbe zeigt das Problem
Die Elbe gehört zu den wichtigsten Flüssen Ostdeutschlands.
Sie durchquert Sachsen und Sachsen-Anhalt und verbindet zahlreiche Städte, Wirtschaftsstandorte und Landschaftsräume.
In trockenen Sommern können die Wasserstände erheblich zurückgehen.
Besonders deutlich wurde das in diesem Jahr bei Magdeburg, wo die Elbe zeitweise außergewöhnlich niedrige Pegelstände erreichte.
Solche Situationen betreffen unterschiedliche Bereiche gleichzeitig.
Für die Binnenschifffahrt kann Niedrigwasser bedeuten, dass Schiffe weniger Ladung transportieren können oder einzelne Fahrten wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll sind.
Auch die Verfügbarkeit von Wasser für industrielle Prozesse kann an Bedeutung gewinnen.
Für angrenzende Ökosysteme entstehen zusätzliche Belastungen, wenn Feuchtigkeit fehlt und hohe Temperaturen den Wasserhaushalt verändern.
Die Sorge vor wiederkehrenden Trockenperioden hat deshalb eine reale Grundlage.
Können Staustufen das Grundwasser sichern?
Die Idee hinter Staustufen ist vergleichsweise einfach.
Durch wasserbauliche Anlagen wird der Abfluss eines Flusses an bestimmten Stellen reguliert. Oberhalb einer solchen Anlage kann sich das Wasser aufstauen.
Unter geeigneten geologischen Bedingungen kann ein höherer Flusswasserstand auch den Wasserhaushalt angrenzender Flächen beeinflussen.
Ob dadurch tatsächlich eine nachhaltige Stabilisierung des Grundwassers erreicht wird, hängt jedoch von den örtlichen Voraussetzungen ab.
Entscheidend sind unter anderem die Beschaffenheit des Untergrundes, die Verbindung zwischen Fluss und Grundwasser sowie die verfügbare Wassermenge.
Eine Staustufe erzeugt kein zusätzliches Wasser.
In längeren Trockenperioden kann sie lediglich den Umgang mit dem vorhandenen Wasser verändern.
Gerade deshalb sind wasserwirtschaftliche Gutachten notwendig, bevor sich die Wirksamkeit entsprechender Maßnahmen bewerten lässt.
Naturschützer warnen vor Eingriffen in die Flusslandschaften
Der Naturschutzbund NABU Sachsen-Anhalt sieht technische Eingriffe in große Flüsse kritisch.
Aus Sicht der Umweltschützer könnte der Bau neuer Staustufen erhebliche Auswirkungen auf die natürlichen Flussökosysteme haben.
Flüsse sind dynamische Lebensräume. Ihre Wasserstände verändern sich, Sedimente werden transportiert, und zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind auf diese natürlichen Prozesse angewiesen.
Staustufen können Strömungsverhältnisse verändern, den Transport von Sedimenten beeinflussen und die Wanderung von Fischen erschweren.
Hinzu kommen mögliche Veränderungen in den angrenzenden Auen.
Gerade die Elbe besitzt noch Abschnitte mit ökologisch wertvollen Fluss- und Auenlandschaften.
Für Naturschützer steht deshalb die Frage im Mittelpunkt, ob technische Anlagen langfristig mehr Nutzen bringen, als sie ökologische Schäden verursachen.
Mehr Raum für Flüsse statt zusätzlicher Betonbauwerke
Umweltverbände setzen bevorzugt auf naturnahe Lösungen.
Dazu gehört beispielsweise die Wiederherstellung von Auen, in denen sich Wasser bei höheren Pegelständen ausbreiten kann.
Auch die Wiederanbindung ehemaliger Überschwemmungsflächen kann helfen, Wasser länger in der Landschaft zu halten.
Solche Maßnahmen können natürliche Wasserspeicher stärken und gleichzeitig Lebensräume für zahlreiche Arten verbessern.
Allerdings erfordern auch sie ausreichend Flächen, Geld und langfristige Planung.
Besonders dort, wo landwirtschaftliche Nutzung, Siedlungen oder bestehende Infrastruktur betroffen sind, entstehen Zielkonflikte.
Damit stehen zwei unterschiedliche Ansätze gegenüber: technische Steuerung der Wasserstände und die Wiederherstellung natürlicher Wasserrückhaltefunktionen.
Welche Kombination für Sachsen-Anhalt geeignet ist, muss anhand konkreter Standorte und belastbarer Untersuchungen entschieden werden.
83 Millionen Euro für die Trinkwasserversorgung
Das Land beschäftigt sich bereits seit Längerem mit der Sicherung seiner Wasserressourcen.
Im September wurden Fördermittel von insgesamt rund 83 Millionen Euro für fünf Projekte zur Stärkung der Trinkwasserversorgung bereitgestellt.
Diese Investitionen zeigen, dass die Wasserversorgung längst zu einer wichtigen Infrastrukturaufgabe geworden ist.
Bereits 2023 hatte die Landesregierung angekündigt, Wasser künftig stärker in der Fläche zurückzuhalten.
Damals standen vor allem kleinere Gewässer und regionale Maßnahmen im Vordergrund.
Die jetzt erhobene CDU-Forderung nach Staustufen an Elbe und Saale geht darüber hinaus.
Sie würde zwei der bedeutendsten Flusssysteme des Landes betreffen und damit Fragen aufwerfen, die weit über einzelne Gemeinden hinausreichen.
Die Industrie braucht langfristige Sicherheit
Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Diskussion von erheblicher Bedeutung.
Unternehmen benötigen planbare Rahmenbedingungen. Dazu gehört insbesondere an wasserintensiven Standorten eine verlässliche Versorgung.
Fehlendes Wasser kann Produktionsprozesse einschränken oder zusätzliche Investitionen notwendig machen.
Auch steigende Wasserentgelte können sich auf die Kosten der Unternehmen auswirken.
Die CDU warnt deshalb davor, dass unzureichende Wasservorsorge langfristig die Wettbewerbsfähigkeit Sachsen-Anhalts schwächen könnte.
Doch eine verlässliche Versorgung hängt nicht allein vom Ausbau wasserbaulicher Infrastruktur ab.
Ebenso wichtig sind effizientere Wassernutzung, die Wiederverwendung von Prozesswasser, der Schutz bestehender Ressourcen und eine vorausschauende regionale Planung.
Die industrielle Zukunft des Landes dürfte deshalb von einem ganzen Bündel unterschiedlicher Maßnahmen abhängen.
Landwirtschaft zwischen Trockenheit und Naturschutz
Besonders stark betroffen ist die Landwirtschaft.
Wenn Niederschläge ausbleiben und Böden austrocknen, geraten Erträge und landwirtschaftliche Betriebe unter Druck.
In trockenen Regionen können sinkende Grundwasserstände zusätzliche Probleme verursachen.
Gleichzeitig gehört die Landwirtschaft zu den Bereichen, in denen Maßnahmen zum Wasserrückhalt erhebliche Veränderungen der Flächennutzung mit sich bringen können.
Die Wiederherstellung natürlicher Überschwemmungsgebiete kann beispielsweise landwirtschaftlich genutzte Flächen betreffen.
Deshalb müssen Landwirte, Kommunen, Wasserverbände und Naturschutzorganisationen frühzeitig in die Planung einbezogen werden.
Ein langfristiges Wasserkonzept kann nur funktionieren, wenn die unterschiedlichen Interessen berücksichtigt werden.
Die große Frage: Was kosten die Eingriffe?
Bislang liegt für die vorgeschlagenen Staustufen kein konkret bezifferter Investitionsrahmen vor.
Dabei könnten Planung, Genehmigung, Bau und dauerhafter Betrieb erhebliche Kosten verursachen.
Auch Umweltprüfungen und mögliche Ausgleichsmaßnahmen müssten berücksichtigt werden.
Entscheidend wäre zudem, welche nachweisbaren Vorteile die Anlagen tatsächlich erbringen könnten.
Eine wasserwirtschaftlich sinnvolle Maßnahme muss nicht automatisch wirtschaftlich sein.
Ebenso wenig ist jede naturnahe Lösung an jedem Standort ausreichend.
Das Land benötigt deshalb vergleichbare Untersuchungen, die Kosten, Nutzen, Risiken und mögliche Alternativen gegenüberstellen.
Ohne eine solche Grundlage droht aus der wichtigen Zukunftsfrage ein rein politischer Grundsatzstreit zu werden.
Sachsen-Anhalt muss sich auf trockenere Zeiten vorbereiten
Eines ist unabhängig vom Ausgang der Debatte klar: Die langfristige Sicherung der Wasserressourcen wird für Sachsen-Anhalt an Bedeutung gewinnen.
Niedrige Flusspegel, trockene Böden und steigende Anforderungen von Wirtschaft und Bevölkerung machen eine vorausschauende Wasserpolitik notwendig.
Die CDU setzt mit ihrem Vorstoß auf stärker regulierte Flüsse.
Umweltverbände wollen dagegen natürliche Wasserspeicher und Flusslandschaften besser schützen.
Beide Ansätze müssen sich daran messen lassen, ob sie tatsächlich zu einer widerstandsfähigeren Wasserversorgung beitragen.
Sachsen-Anhalt steht vor einer Entscheidung, deren Folgen noch Jahrzehnte spürbar sein könnten: Soll das Land seine großen Flüsse stärker technisch kontrollieren oder ihnen wieder mehr natürlichen Raum geben?
Die Antwort sollte nicht allein von politischen Mehrheiten abhängen, sondern vor allem von wissenschaftlichen Erkenntnissen, ökologischen Folgen und einer ehrlichen Kostenrechnung.