Entscheidung des Stadtrats gegen weiteres Stolpersteine
Als Politiklehrerin und Lübeckerin nehme ich mit großem Bedauern und Befremden die Entscheidung des Heidenauer Stadtrats gegen weitere Stolpersteine zur Kenntnis. Schleswig-Holstein und die Hanse-Stadt Lübeck (so wie andere Bundesländer und Kommunen) gehen mit den Stolpersteinen anders um - sie sind dort selbstverständlicher Bestandteil der Erinnerungskultur. Meinen Schülerinnen und Schülern ermöglichen sie es, sich mithilfe der App „Stolpersteine Digital“ unkompliziert und „vor Ort“ (und eben nicht im Rahmen eines Ausflugs auf einen Friedhof) über jüdische Menschen zu informieren, die nicht am Rand, sondern mitten in der Stadt lebten. Manchmal „stolpern“ sie über einen solchen Stein und lesen die Namen derjenigen, derer hier gedacht wird. Manchmal nehmen wir uns ein Messingreinigungsmittel und polieren die Steine vor unserer Schule, damit sie wieder gut sichtbar sind. Das ist der Augenblick, wo wir die App nutzen und unfassbares Leiden ein Gesicht bekommt. Oft verstehen die Schülerinnen und Schüler dann, dass diejenigen, die verfolgt wurden, Menschen waren wie Du und ich – in meinen Augen ein unschätzbarer Moment. Brauchen wir solche Momente? Unbedingt. Denn den Wert unseres Grundgesetzes erkennen Schülerinnen und Schüler unmittelbar, wenn sie verstehen, woher wir kommen. Das galt vor 70, 60, 50 Jahren genauso, wie es heute gilt. In diesem Sinne bin ich der Bundeszentrale für politische Bildung dankbar, dass sie die vorhandenen Stolpersteine in Heidenau in ihre App aufnimmt.
Susanne Oevermann, Lübeck