Leserbrief

Rattenfänger

Erinnern Sie sich noch an die alte Sage vom „Rattenfänger von Hameln“? Als ich ein kleiner Junge war, hatte sie mich fasziniert. Im fernen Mittelalter, im Jahr 1284, herrschte in Hameln eine Rattenplage von solchem Ausmaß, dass alle Vorräte verdorben wurden und Krankheiten um sich griffen. Da kam ein bunt gekleideter Mann in die Stadt und bot an, dieser Plage ein Ende zu bereiten. Der Rat der Stadt einigte sich mit ihm auf eine Belohnung. Daraufhin spielte der Fremde in den Gassen auf seiner Flöte, was die Ratten aus allen Häusern, Kellern und Vorratsräumen lockte. Sie folgten der Musik hin zur Weser, wo sie im Fluss ertranken.

Als der Fremde jedoch seine Belohnung haben wollte, verweigerten die Ratsherren sie ihm. Daraufhin zog er zunächst ab, kehrte jedoch bald wieder und lockte mit seiner Musik alle 130 Kinder der Stadt an, um mit ihnen auf einen nahen Berg zu ziehen, wo sie in einer Höhle für immer verschwanden.

Man kann diese Sage bei den Gebrüdern Grimm nachlesen oder sich darüber per Video bei YouTube informieren lassen. Was von ihr in unserem heutigen Alltags-Sprachgebrauch geblieben ist, ist der Begriff des Rattenfängers, der ja keine reale Berufsbezeichnung ist. Man beschreibt damit Menschen, die andere ins Verderben führen. Kein Wunder, dass dieser Begriff auch in politischen Diskussionen immer wieder auftaucht: Wer andere ins Verderben zu führen scheint, wird gerne Rattenfänger genannt, ob eine einzelne Person oder gar eine politische Partei.

Doch dieser Sprachgebrauch ist missverständlich: Wer ist denn der Rattenfänger und wer sind die Ratten? Ratten sind schädliche Tiere, die auch heutzutage bekämpft werden – mit den Mitteln der modernen Schädlingsbekämpfung. Die „Rattenfänger“ von heute sind also Schädlingsbekämpfer im Auftrag des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Sie sollen und dürfen vernichten, was krank machen oder gar eine Seuche auslösen könnte. Das ist eine sehr ehrenwerte und wertvolle Aufgabe.

Wenn wir jedoch in politischen Diskussionen Menschen als Rattenfänger bezeichnen, denen wir vorwerfen, sie würden andere ins Unglück führen, dann haben wir nur jenen Teil der Sage im Kopf, der sich der Rache für den Betrug an der verdienten Belohnung widmet. Aber um welche Belohnung wären diese Leute denn betrogen worden? Haben sie sich in unserer Gesellschaft nicht frei entwickeln können? Haben sie nicht die Möglichkeit, sich den Unterhalt für ein vergleichsweise komfortables Leben zu verdienen? Haben sie nicht die Vorteile von Sozial- und Krankenversicherung? Doch – sie profitieren, wie alle Bürgerinnen und Bürger, vom Wohlstand und dem im internationalen Vergleich sehr sicheren sozialen Netz in Deutschland. Und trotzdem wollen sie raus aus der EU, wollen die Kolleginnen und Kollegen mit einer nichtdeutschen Herkunft aus dem Land scheuchen und all die Strukturen zerstören, die die Bundesrepublik stark und erfolgreich gemacht haben.

In unserem Staat geht es uns so gut wie in nur wenigen Ländern der Erde – immer noch, trotz aller aktuellen Krisen. Das liegt im Wesentlichen an unserem Grundgesetz, das persönliche Freiheiten garantiert, die in vielen Regionen auf der Welt nicht gelten. Dieses Grundgesetz, also unsere Verfassung, schützt Grundrechte, von denen die Mehrheit der acht Milliarden Menschen nur träumen kann: freie Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichheit von Frau und Mann, keine Benachteiligung wegen Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe oder Religion, Meinungsfreiheit, Berufsfreiheit und vieles mehr. Diese Grundrechte gelten für alle, die in unserem Staat leben – aber nur, so weit sie nicht die Grundrechte ihrer MitbürgerInnen beeinträchtigen.

Der Rattenfänger aus der Sage hatte zuerst die schädlichen Ratten vernichtet – eine sehr positive Aktion. Als er jedoch um seinen Lohn betrogen worden war, entführte er die Kinder der Stadt. Die so genannten Rattenfänger von heute sind jedoch um nichts betrogen worden. Im Gegenteil, sie sind die undankbaren Kinder, die ihren Eltern aus sehr verqueren und kaum nachvollziehbaren Motiven heraus schaden wollen. Wer ihnen nachläuft, ist keine Ratte – und die, denen sie nachlaufen, sind keine Rattenfänger. Sie alle, wir alle, sind Menschen, die prinzipiell zu vernünftigem Denken fähig sind. Kehren wir also zur Vernunft zurück!

Detlef Träbert, Köln

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