Arendsee. Rund 20 Meter unter der Wasseroberfläche des Arendsees in der Altmark haben Archäologen außergewöhnliche Holzfunde untersucht, die bis zu 10.500 Jahre alt sein könnten. Die Überreste werfen eine spannende Frage auf: Haben Menschen bereits in der Mittelsteinzeit an dieser Stelle Holzkonstruktionen errichtet, deren Spuren heute tief unter Wasser liegen? Die Wissenschaftler halten eine frühzeitliche Besiedlung für möglich, betonen jedoch, dass die genaue Herkunft und Funktion der Hölzer noch geklärt werden müssen.
Über die neuen Untersuchungen wurde am Donnerstag, 15. Oktober 2026, berichtet. Der Fund könnte für die Erforschung früher menschlicher Siedlungen in Mitteldeutschland von erheblicher Bedeutung sein.
Archäologen tauchen in die Vergangenheit
Der Arendsee gehört zu den bekanntesten Seen Sachsen-Anhalts.
Unter seiner Wasseroberfläche befinden sich jedoch nicht nur natürliche Ablagerungen, sondern offenbar auch Zeugnisse einer weit zurückreichenden Geschichte.
Archäologen untersuchen dort Hölzer, die möglicherweise bereits vor mehr als zehntausend Jahren bearbeitet oder verbaut wurden.
Dr. Marcel Weiß gehört zu den Wissenschaftlern, die an den Untersuchungen beteiligt sind.
Die Arbeiten unter Wasser stellen besondere Anforderungen an die Forschung.
Anders als bei gewöhnlichen Ausgrabungen müssen die Fundstücke in großer Tiefe lokalisiert, dokumentiert und möglichst schonend untersucht werden.
Dabei kommen spezielle Tauchtechnik und moderne wissenschaftliche Verfahren zum Einsatz.
Könnten die Hölzer von einer Siedlung stammen?
Besonders interessant ist die Möglichkeit, dass es sich bei den entdeckten Hölzern um Überreste menschlicher Bauwerke handelt.
Sollte sich diese Vermutung bestätigen, könnten sie Hinweise auf eine bislang unbekannte Nutzung des Gebietes in der Mittelsteinzeit liefern.
Die Mittelsteinzeit war in Mitteleuropa eine Phase grundlegender Veränderungen.
Nach dem Ende der letzten Eiszeit passten sich die Menschen an neue klimatische und ökologische Bedingungen an.
Sie lebten vor allem von Jagd, Fischfang und dem Sammeln natürlicher Nahrungsmittel.
Feste Holzkonstruktionen aus dieser Zeit sind archäologisch besonders interessant, weil organische Materialien über Jahrtausende häufig vollständig zerfallen.
Unter bestimmten Bedingungen kann Holz im Wasser jedoch außergewöhnlich lange erhalten bleiben.
Warum die Funde so selten sind
Holz ist ein vergleichsweise vergängliches Material.
Wird es Sauerstoff, Feuchtigkeitsschwankungen und biologischen Abbauprozessen ausgesetzt, zersetzt es sich meist deutlich schneller als Stein oder Keramik.
Unter dauerhaft wassergesättigten Bedingungen kann die Zersetzung dagegen erheblich verlangsamt werden.
Deshalb bieten See- und Moorablagerungen unter günstigen Umständen außergewöhnliche Möglichkeiten für die archäologische Forschung.
Die Fundstücke aus dem Arendsee könnten Informationen bewahrt haben, die an anderen Fundorten längst verloren gegangen wären.
Entscheidend ist nun, ob Bearbeitungsspuren, die Lage der Hölzer oder andere Funde Hinweise auf menschliche Aktivitäten liefern.
Moderne Untersuchungen sollen das Rätsel lösen
Die Wissenschaftler müssen zunächst klären, wie alt die einzelnen Holzstücke tatsächlich sind.
Ebenso wichtig ist die Frage, ob die Hölzer natürlich in den See gelangten oder bewusst von Menschen bearbeitet und angeordnet wurden.
Für eine archäologische Deutung können verschiedene Verfahren herangezogen werden.
Dazu gehören die Untersuchung der Holzstruktur, die Analyse möglicher Bearbeitungsspuren und die Datierung geeigneter Proben.
Auch die genaue Lage der Funde ist von Bedeutung.
Wenn mehrere Hölzer in einer erkennbaren Struktur zusammenliegen, könnte dies beispielsweise auf eine frühere Konstruktion hindeuten.
Allein das Alter eines Holzstücks beweist jedoch noch keine menschliche Siedlung.
Eine gesicherte Interpretation erfordert deshalb weitere wissenschaftliche Untersuchungen.
Fund könnte neue Erkenntnisse zur Besiedlung liefern
Sollte sich die Vermutung einer menschlichen Nutzung bestätigen, könnten die Hölzer wichtige Erkenntnisse über das Leben in der Altmark während der Mittelsteinzeit liefern.
Besonders interessant wäre die Frage, wie Menschen damals Gewässer nutzten und welche Bauweisen sie entwickelten.
Möglicherweise könnten die Funde auch Hinweise auf frühere Uferverläufe geben.
Denn Landschaften verändern sich über viele Jahrtausende hinweg erheblich.
Gebiete, die heute unter Wasser liegen, können in früheren Zeiten trocken oder Teil einer Uferzone gewesen sein.
Für die Archäologie eröffnet das die Möglichkeit, frühere Lebensräume genauer zu rekonstruieren.
Wissenschaftler stehen noch am Anfang
Trotz der großen Bedeutung der Entdeckung sind zahlreiche Fragen noch offen.
Bislang ist nicht nachgewiesen, dass es sich tatsächlich um die Überreste einer Steinzeitsiedlung handelt.
Die Archäologen sprechen deshalb zunächst von einer wissenschaftlich vielversprechenden Vermutung.
Weitere Untersuchungen sollen helfen, den Fund besser einzuordnen.
Schon jetzt verdeutlicht die Entdeckung, dass die archäologische Erforschung Sachsen-Anhalts keineswegs auf bekannte Burgen, Gräber oder historische Stadtkerne beschränkt ist.
Auch unter der Wasseroberfläche können sich bedeutende Spuren früher menschlicher Geschichte verbergen.
Der Arendsee könnte damit zu einem wichtigen Fundort für die Erforschung der Mittelsteinzeit werden.