Köln. Nach fast 50 Jahren endet die Geschichte einer der bekanntesten deutschen Frauenzeitschriften. Alice Schwarzer stellt ihr feministisches Magazin „Emma“ ein. Die letzte Ausgabe soll am 8. Dezember 2026 erscheinen. Das gab die 83-jährige Gründerin und Herausgeberin am Mittwoch, dem 21. Oktober, bekannt. Finanzielle Schwierigkeiten seien für die Entscheidung nicht ausschlaggebend. Vielmehr habe die Redaktion nach fünf Jahrzehnten intensiver gesellschaftlicher Auseinandersetzungen beschlossen, das Projekt zu beenden. Damit verschwindet eine publizistische Stimme vom Kiosk, die die Debatten über Frauenrechte in Deutschland nachhaltig geprägt und immer wieder polarisiert hat.

Nach 398 Ausgaben ist Schluss

Am 26. Januar 1977 erschien die erste Ausgabe von „Emma“. Die Zeitschrift entstand zu einer Zeit, in der Frauen in Politik, Wirtschaft und Medien deutlich weniger Einfluss hatten als heute.

Alice Schwarzer wollte ein journalistisches Gegengewicht schaffen, das die Lebenswirklichkeit von Frauen sichtbar macht und gesellschaftliche Machtverhältnisse kritisch hinterfragt.

Aus dem Projekt entwickelte sich eines der bekanntesten feministischen Magazine Deutschlands.

Nach Angaben des Verlags erschienen einschließlich der Sonderbände insgesamt 398 Ausgaben mit 36.584 Seiten.

Das November/Dezember-Heft, das am 27. Oktober in den Handel kommt, wird die vorletzte Ausgabe sein.

Für den 8. Dezember ist eine umfangreiche Abschiedsausgabe vorgesehen. Auf doppelt so vielen Seiten wie üblich will die Redaktion auf die 50 wichtigsten Themen ihrer Geschichte zurückblicken.

Alice Schwarzer: Nicht das Geld ist der Grund

Die Entscheidung zur Einstellung begründet Schwarzer ausdrücklich nicht mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Zwar sei die Auflage in den vergangenen Jahren zurückgegangen, die Einnahmen würden nach Angaben der Redaktion aber weiterhin die laufenden Ausgaben decken.

Auch finanzielle Rücklagen seien vorhanden.

In ihrer Abschiedserklärung bringt Schwarzer den eigentlichen Beweggrund auf eine kurze Formel: „Wir meinen: Es reicht!“

Nach drei Generationen feministischer Auseinandersetzungen sei die Redaktion erschöpft.

Damit beendet Schwarzer das Magazin nach eigener Darstellung aus freien Stücken und nicht aufgrund einer Insolvenz, eines Verkaufs oder einer Entscheidung eines Medienkonzerns.

Bemerkenswert ist dieser Schritt auch deshalb, weil die Zeitschrift bis zuletzt unabhängig von großen Medienhäusern geführt wurde.

Eine Zeitschrift, die gesellschaftliche Tabus aufgriff

Die Bedeutung von „Emma“ reicht weit über klassische Frauenzeitschriften hinaus.

Das Magazin beschäftigte sich früh mit Themen, die in der öffentlichen Debatte lange vernachlässigt oder tabuisiert wurden.

Dazu gehörten häusliche und sexualisierte Gewalt, sexueller Missbrauch von Kindern, Vergewaltigung in der Ehe, Frauen in politischen Führungspositionen und die wirtschaftliche Benachteiligung von Frauen.

Auch Fragen der Prostitution, Pornografie und weiblichen Selbstbestimmung wurden regelmäßig aufgegriffen.

Mit der Kampagne „PorNO“ stellte sich das Magazin 1988 entschieden gegen die Pornografieindustrie. Die Aktion wurde zu einem der bekanntesten und zugleich umstrittensten Projekte der Zeitschrift.

Darüber hinaus setzte sich die Redaktion unter anderem mit Genitalverstümmelung, religiösem Fundamentalismus und der medizinischen Versorgung von Frauen auseinander.

Nicht alle Positionen fanden Zustimmung. Doch gerade die Bereitschaft, kontroverse Fragen öffentlich zu verhandeln, gehörte über Jahrzehnte zum Selbstverständnis des Magazins.

Schwarzer polarisierte auch innerhalb der Frauenbewegung

Alice Schwarzer war nie eine unumstrittene Vertreterin des Feminismus.

Während Unterstützer ihr Engagement für Gleichberechtigung und den Schutz von Frauen würdigen, kritisieren andere feministische Stimmen einzelne politische Positionen und ihren Anspruch, für Fraueninteressen zu sprechen.

Besonders kontrovers wurden in den vergangenen Jahren die Debatten über Geschlechtsidentität, Transrechte und die rechtliche Anerkennung unterschiedlicher Geschlechter geführt.

Schwarzer und „Emma“ vertraten dabei Positionen, die von zahlreichen transpolitischen und feministischen Organisationen entschieden zurückgewiesen wurden.

Weitere Auseinandersetzungen entstanden durch Schwarzers Haltung zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Gemeinsam mit Sahra Wagenknecht hatte sie sich für Verhandlungen und diplomatische Initiativen ausgesprochen. Kritiker warfen ihr vor, dabei die Verantwortung Russlands für den Angriffskrieg und die Sicherheitsinteressen der Ukraine nicht ausreichend zu berücksichtigen.

Diese Konflikte verdeutlichen, wie unterschiedlich die Vorstellungen von Feminismus, gesellschaftlicher Gerechtigkeit und politischer Verantwortung inzwischen geworden sind.

Warum die Themen von „Emma“ weiterhin aktuell bleiben

Das Ende der Zeitschrift bedeutet nicht, dass die von ihr behandelten Probleme verschwunden wären.

Gewalt gegen Frauen, ungleiche wirtschaftliche Chancen, sexuelle Belästigung und Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beschäftigen Deutschland weiterhin.

Auch über Prostitution, reproduktive Selbstbestimmung und geschlechtsspezifische Gewalt wird unverändert intensiv diskutiert.

Zugleich haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen seit 1977 erheblich verändert.

Frauen sind heute in deutlich mehr Berufen und politischen Funktionen vertreten. Rechtliche Benachteiligungen wurden abgebaut, und feministische Anliegen finden in zahlreichen Medien, Institutionen und Organisationen Gehör.

Dennoch bestehen weiterhin Ungleichheiten, die nicht allein durch formale Gleichberechtigung beseitigt werden.

Die Einstellung von „Emma“ beendet deshalb ein publizistisches Projekt, nicht aber die gesellschaftlichen Debatten, die das Magazin über Jahrzehnte begleitet hat.

Historisches Archiv kommt nach Marbach

Ein wesentlicher Teil des journalistischen Erbes bleibt erhalten.

Das umfangreiche Archiv der Redaktion soll in das Deutsche Literaturarchiv Marbach übernommen werden.

Darin befinden sich neben den erschienenen Ausgaben auch Korrespondenzen, Gründungsunterlagen, Kampagnenmaterialien und Dokumente zur Geschichte der deutschen Frauenbewegung.

Ab 2029 soll der Bestand nach den derzeitigen Planungen für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich sein.

Damit entsteht eine bedeutende Quelle für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Feminismus und den gesellschaftlichen Konflikten der vergangenen fünf Jahrzehnte.

Auch die bisherigen Ausgaben bleiben nach Angaben der Redaktion digital zugänglich.

Ein Ende, aber kein vollständiger Abschied

Wie die Marke „Emma“ künftig weitergeführt werden könnte, ist noch nicht abschließend geklärt.

Schwarzer kündigt an, dass die Arbeit in irgendeiner Form fortwirken werde. Welche Rolle dabei das bestehende Onlineangebot spielen wird, soll noch erläutert werden.

Fest steht dagegen, dass die gedruckte Zeitschrift nach nahezu einem halben Jahrhundert ihren Abschluss findet.

„Emma“ war über Jahrzehnte ein Medium, das gesellschaftliche Konflikte nicht nur dokumentierte, sondern selbst Teil dieser Auseinandersetzungen wurde.

Die Zeitschrift fand Unterstützer und entschiedene Gegner, setzte Themen auf die öffentliche Tagesordnung und löste Diskussionen aus, die weit über ihre eigene Leserschaft hinausgingen.

Mit dem Ende von „Emma“ verschwindet eine prägende Stimme aus der deutschen Presselandschaft. Die Fragen, über die Alice Schwarzer und ihre Redaktion beinahe 50 Jahre gestritten haben, werden Deutschland jedoch weiter beschäftigen.