Jena. Wie lernen angehende Ärzte, Psychologen und Ernährungswissenschaftler, gemeinsam die bestmögliche Behandlung für Patienten zu entwickeln? Professorin Jutta Hübner von der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat dafür ein besonderes Lehrkonzept geschaffen: In einem digitalen Planspiel betreiben Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen gemeinsam einen fiktiven Kurort mit mehreren Rehakliniken. Für diesen innovativen Ansatz erhält die Medizinerin den Lehrpreis 2026 der Universität Jena. Die Auszeichnung wird am 17. November beim „Dies Legendi“, dem Tag der Lehre, verliehen.

Wenn Medizinstudierende gemeinsam eine Rehaklinik betreiben

Das ausgezeichnete Lehrformat trägt den Namen „Querschnitt 12 – Kompetenz interfakultär!“ und soll die Zusammenarbeit verschiedener medizinischer und therapeutischer Berufsgruppen verbessern.

Im Mittelpunkt steht eine dreitägige Simulation des Klinikalltags. Jeder Seminartag entspricht dabei einer Woche in einer Rehaklinik.

Die Studierenden übernehmen unterschiedliche Aufgaben: Sie nehmen Patienten auf, entwickeln individuelle Therapiepläne, stimmen Behandlungen miteinander ab und führen abschließende Gespräche über den Behandlungserfolg.

Die technische Grundlage bilden digitale Konferenzräume über Zoom sowie begleitende Informationen auf der Lernplattform Moodle. Die Patientenrollen werden von Mitarbeitern übernommen.

Schwierige Patientenfälle verlangen gemeinsame Lösungen

Damit die Übung möglichst realitätsnah wird, müssen die Studierenden auch unerwartete Herausforderungen bewältigen.

In einem Fall wird eine Leistungssportlerin wegen einer Knöchelverletzung behandelt. Im Verlauf der Untersuchung stellt sich jedoch heraus, dass die junge Frau zusätzlich an einer Essstörung leidet.

Das Behandlungsteam muss nun entscheiden, welche Unterstützung sinnvoll ist und ob beispielsweise Eltern oder Trainer einbezogen werden sollten.

In einem anderen Szenario wird ein Patient beim Rauchen erwischt und ist außerdem alkoholisiert. Auch hier müssen die angehenden Fachkräfte gemeinsam eine tragfähige Lösung entwickeln.

Solche Situationen verdeutlichen, dass medizinische Behandlung weit über die Versorgung einzelner körperlicher Beschwerden hinausgehen kann.

Zuhören und Kommunikation stehen im Mittelpunkt

Für Professorin Jutta Hübner, Inhaberin der Professur für Integrative Onkologie, ist die Kommunikation ein entscheidender Bestandteil guter medizinischer Versorgung.

„Im Zentrum jeder integrativen Behandlung steht die Kommunikation zwischen den Ärzten und den Patienten und die Kommunikation der Mediziner untereinander“, erklärt sie.

Diese Zusammenarbeit müsse bereits während des Studiums geübt werden.

Ebenso wichtig sei es, Patienten aufmerksam zuzuhören und ihre individuellen Vorstellungen ernst zu nehmen.

Gerade bei schweren Erkrankungen wie Krebs spielen neben der eigentlichen medizinischen Therapie häufig auch Ernährung, Bewegung und psychische Belastungen eine Rolle.

Hübner betont allerdings, dass ergänzende Maßnahmen wissenschaftlich begründet sein müssen. Nicht ausreichend belegte Heilversprechen gehören ausdrücklich nicht zu ihrem ganzheitlichen Behandlungskonzept.

Studierende aus Jena, Leipzig und Wiesbaden arbeiten zusammen

Eine Besonderheit des Projekts ist die Zusammenarbeit unterschiedlicher Hochschulen und Fachrichtungen.

Beteiligt sind Medizinstudierende aus Jena und Leipzig, angehende Psychologen und Ernährungswissenschaftler aus Jena sowie Studierende der Sozialen Arbeit aus Wiesbaden.

Nach Möglichkeit kommen auch Sportmedizinstudierende aus Leipzig hinzu.

Darüber hinaus sind Studierende der Pharmazie willkommen.

Langfristig möchte Hübner auch weitere Berufsgruppen einbeziehen, darunter Pflegefachkräfte und Physiotherapeuten.

Damit soll das Lehrformat die tatsächliche Zusammenarbeit in modernen Kliniken noch besser abbilden.

Lehrpreis ist mit 2.500 Euro dotiert

Das Seminar gehört zum Wahlpflichtangebot der Universität und findet während der Semesterferien statt.

Pro Fachrichtung können bis zu zehn Studierende teilnehmen. Das Planspiel wird jährlich angeboten.

Zum Lehrteam gehören neben Jutta Hübner auch Helena Pagiatakis, Anne Christel, Christian Keinki, Clemens Wolf, Louisa Schäfer und Mahmut Elnahas.

Für ihr gemeinsames Konzept wird Hübner in der Kategorie „Wo Neues entsteht – Interdisziplinäre Lehre als Ort der Innovation“ ausgezeichnet.

Das Preisgeld beträgt 2.500 Euro.

Die Mittel möchte das Team möglichst für professionelle Schauspielpatienten einsetzen. Dadurch könnten die simulierten Behandlungssituationen noch vielfältiger und realistischer gestaltet werden.

Aus dem Kurort könnte eine Akutklinik werden

Für die Zukunft hat Hübner bereits weitere Ideen.

Das digitale Planspiel könnte von einer Rehaklinik auf den Alltag einer Akutklinik ausgeweitet werden.

Außerdem möchte sie Menschen mit Migrationsgeschichte stärker in das Lehrkonzept einbeziehen.

Diese spielen im Gesundheitswesen sowohl als Beschäftigte als auch als Patienten eine wichtige Rolle. Unterschiedliche sprachliche und kulturelle Hintergründe stellen zusätzliche Anforderungen an die Kommunikation.

Mit der Weiterentwicklung des Projekts soll die Ausbildung noch stärker auf den tatsächlichen Klinikalltag vorbereiten.

Die Auszeichnung zeigt, wie wichtig die Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachrichtungen für die medizinische Versorgung ist. Denn eine erfolgreiche Behandlung hängt nicht allein vom Wissen einzelner Ärzte ab, sondern auch davon, wie gut alle Beteiligten miteinander und mit den Patienten kommunizieren.