Ein Cyberangriff auf das digitale Rathaus der Stadt Tangerhütte in Sachsen-Anhalt könnte eine neue Dimension der Computerkriminalität markieren. Nach Einschätzung des verantwortlichen Softwareentwicklers wurde der Angriff mithilfe Künstlicher Intelligenz ausgeführt. Sollte sich diese Analyse bestätigen, könnte es sich um einen der ersten öffentlich bekannt gewordenen KI-gestützten Angriffe dieser Art auf eine deutsche Kommune handeln. Die Stadt musste ihre digitalen Verwaltungsangebote vorübergehend abschalten. Bürger konnten zahlreiche Dienstleistungen wochenlang nur auf herkömmlichem Weg erledigen.

Digitales Rathaus nach Angriff abgeschaltet

In Tangerhütte im Landkreis Stendal konnten Einwohner verschiedene Verwaltungsangelegenheiten über ein digitales Rathaus erledigen.

Dazu gehörten beispielsweise Wohnungsanmeldungen, Kita-Anträge, Gewerbeanmeldungen und Terminvereinbarungen.

Nach einem Cyberangriff musste die Stadt dieses Angebot jedoch vom Netz nehmen.

Die Verantwortlichen reagierten, nachdem ein IT-Mitarbeiter ungewöhnliche Aktivitäten auf dem betroffenen Server festgestellt hatte.

Das System wurde isoliert und die Internetverbindung unterbrochen.

Damit sollte verhindert werden, dass Angreifer weiter auf die digitale Infrastruktur zugreifen.

Für die Einwohner bedeutete die Abschaltung, dass zahlreiche Dienstleistungen vorübergehend nicht online verfügbar waren.

Softwarefirma entdeckt ungewöhnlichen Angriff

Entwickelt wurde die Software des digitalen Rathauses von der Firma Innocon aus Tangermünde.

Geschäftsführer Hagen Woecht untersuchte gemeinsam mit seinem Team, wie die Angreifer in das System gelangen konnten.

Nach seinen Angaben nutzten sie eine bislang unbekannte Sicherheitslücke.

Bei einer solchen sogenannten Zero-Day-Schwachstelle handelt es sich um einen Fehler, für den zum Zeitpunkt des Angriffs noch keine geeignete Sicherheitskorrektur zur Verfügung steht.

Selbst vorherige Sicherheitsprüfungen hatten die Schwachstelle offenbar nicht erkannt.

Die Fachleute sicherten deshalb die Protokolldaten des betroffenen Servers und werteten sie auf einem vom Netzwerk getrennten Computer aus.

Dabei stießen sie auf Auffälligkeiten, die aus ihrer Sicht auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz hindeuten.

Geschwindigkeit spricht für automatisierten Angriff

Besonders bemerkenswert war nach Angaben von Woecht die Geschwindigkeit, mit der die Angreifer Befehle ausführten.

Die Kommandos seien so schnell aufeinandergefolgt, dass ein Mensch sie kaum eigenständig hätte eingeben können.

Ein weiteres Indiz war die Anpassung des Angriffs während des laufenden Vorgangs.

Nach Darstellung des Softwareentwicklers wurden neue Vorgehensweisen unmittelbar auf dem angegriffenen Server entwickelt.

Daraus schließt sein Unternehmen, dass ein KI-System an dem Angriff beteiligt gewesen sein könnte.

Allerdings beweist eine hohe Geschwindigkeit allein noch nicht den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Auch herkömmliche automatisierte Schadprogramme können Befehle sehr schnell ausführen.

Die konkrete technische Zuordnung ist deshalb weiterhin eine Frage der forensischen Bewertung.

Experten halten KI-Einsatz für plausibel

Der MDR befragte mehrere Fachleute zur Einschätzung des Vorfalls.

Dirk Labudde, Professor für IT-Forensik an der Hochschule Mittweida, hält das beschriebene Verhalten für einen möglichen Hinweis auf KI.

Auch der Cybersicherheitsexperte Marc-Oliver Pahl verweist darauf, dass moderne KI-Systeme Angriffe an unbekannte technische Umgebungen anpassen können.

Die Experten haben allerdings nach den vorliegenden Angaben nicht selbst die vollständigen Protokolldateien aus Tangerhütte untersucht.

Ihre Einschätzung stützt sich daher auf die beschriebenen technischen Merkmale.

Ob tatsächlich ein autonom handelndes KI-System eingesetzt wurde, ist damit noch nicht unabhängig abschließend nachgewiesen.

Weitere Kommunen gehen vorsorglich offline

Nach der Entdeckung des Angriffs informierte Innocon weitere Kommunen, die entsprechende Software einsetzen.

Vier Kommunen nahmen daraufhin vorsorglich ebenfalls ihre digitalen Rathausangebote vom Netz.

Nach Angaben des Unternehmens lagen dort keine konkreten Hinweise auf einen vergleichbaren Angriff vor.

Die Abschaltungen dienten der Sicherheitsvorsorge.

Der Fall zeigt, wie eng kommunale Digitalangebote miteinander verbunden sein können, wenn mehrere Verwaltungen dieselben technischen Plattformen nutzen.

Eine Schwachstelle in einer solchen Software kann deshalb Auswirkungen über eine einzelne Stadt hinaus haben.

Bundesamt warnt vor automatisierten Angriffen

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik beobachtet die zunehmende Bedeutung von KI für die Cybersicherheit.

Künstliche Intelligenz kann nicht nur zur Verbesserung von Sicherheitsmaßnahmen eingesetzt werden.

Sie ermöglicht Angreifern auch, Schwachstellen schneller zu identifizieren und automatisiert auszunutzen.

Dadurch können sich Geschwindigkeit und Umfang von Cyberangriffen erhöhen.

Für Kommunen entsteht eine zusätzliche Herausforderung, weil sie sensible Daten verwalten und gleichzeitig häufig über begrenzte personelle und technische Ressourcen verfügen.

Neben Sicherheitssoftware und regelmäßigen Updates spielen deshalb Notfallpläne, Datensicherungen und die schnelle Erkennung ungewöhnlicher Aktivitäten eine wichtige Rolle.

Tangerhütte als Warnsignal für die Verwaltung

Der Vorfall in Tangerhütte zeigt, dass auch kleinere Städte zum Ziel komplexer Cyberangriffe werden können.

Es geht dabei nicht ausschließlich um große Unternehmen, Krankenhäuser oder Bundesbehörden.

Auch kommunale Dienstleistungen und die digitale Kommunikation mit Einwohnern sind auf sichere IT-Systeme angewiesen.

Wenn ein digitales Rathaus ausfällt, müssen Verwaltungsleistungen kurzfristig auf andere Weise organisiert werden.

Für die betroffene Bevölkerung kann das zusätzliche Wege und längere Bearbeitungszeiten bedeuten.

Ob der Angriff auf Tangerhütte künftig als erster bestätigter KI-Angriff dieser Art in Deutschland eingeordnet wird, bleibt offen.

Unabhängig von dieser technischen Frage verdeutlicht der Vorfall jedoch, wie verletzlich digitale Verwaltungsangebote sein können und welche Bedeutung eine widerstandsfähige kommunale IT-Infrastruktur besitzt.