Greifswald. Jedes Jahr kommen in Deutschland nach Angaben der Universitätsmedizin Greifswald rund 10.000 Kinder mit Schäden zur Welt, die durch Alkoholkonsum während der Schwangerschaft verursacht wurden. Viele der Betroffenen erhalten erst Jahre später eine Diagnose, manche sogar erst im Erwachsenenalter. Ein neues internationales Forschungsprojekt unter Leitung der Universitätsmedizin Greifswald soll das ändern. Gemeinsam mit Partnern aus Polen und Litauen wollen die Mediziner betroffene Kinder früher erkennen und ihre Behandlung verbessern. Die Europäische Union unterstützt das Projekt FASD-Bridge mit mehr als einer Million Euro.

Alkohol kann ungeborene Kinder dauerhaft schädigen

Alkoholkonsum während der Schwangerschaft gehört zu den vermeidbaren Ursachen schwerwiegender Entwicklungsstörungen bei Kindern.

Die Folgen werden unter dem Begriff Fetale Alkohol-Spektrum-Störungen (FASD) zusammengefasst. Sie können unter anderem die geistige Entwicklung, das Verhalten, die Aufmerksamkeit und die Lernfähigkeit beeinträchtigen.

Dr. Sabrina Koop, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Neonatologie an der Universitätsmedizin Greifswald, warnt vor den Risiken.

FASD sei die häufigste nicht genetisch bedingte Ursache für geistige Behinderungen bei Kindern. Nach ihren Angaben treten in Deutschland jährlich etwa 10.000 neue Fälle auf.

Besonders wichtig ist der Hinweis, dass bisher keine Alkoholmenge bekannt ist, die während einer Schwangerschaft wissenschaftlich nachgewiesen unbedenklich wäre.

„Alkohol in der Schwangerschaft ist gefährlich für das ungeborene Kind“, erklärt die Ärztin.

Deshalb gilt der vollständige Verzicht auf Alkohol während der Schwangerschaft als sicherste Möglichkeit, alkoholbedingte Schädigungen des ungeborenen Kindes zu verhindern.

Viele Kinder erhalten ihre Diagnose viel zu spät

Ein zentrales Problem ist nach Einschätzung der Greifswalder Mediziner die häufig verspätete Erkennung der Erkrankung.

Prof. Dr. Matthias Heckmann, Direktor der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Neonatologie und Kinderintensivmedizin, berichtet, dass viele Betroffene erst im späteren Kindesalter oder sogar erst als Erwachsene eine entsprechende Diagnose erhalten.

Dadurch geht wertvolle Zeit verloren.

Denn eine frühzeitige Diagnose ermöglicht es, betroffene Kinder gezielt zu fördern und ihre Familien bei der Bewältigung des Alltags zu unterstützen.

FASD kann sich sehr unterschiedlich äußern. Nicht jedes betroffene Kind zeigt auffällige körperliche Merkmale. Schwierigkeiten beim Lernen, im Sozialverhalten oder bei der Impulskontrolle können deshalb zunächst andere Ursachen vermuten lassen.

Wird die tatsächliche Ursache nicht erkannt, erhalten Kinder möglicherweise nicht die Unterstützung, die sie benötigen.

Vorpommern besonders betroffen

Für Mecklenburg-Vorpommern besitzt das Thema eine besondere Bedeutung.

Wissenschaftler der Universitätsmedizin Greifswald haben im Rahmen der sogenannten SNiP-Geburtskohorte rund 9.000 Mutter-Kind-Paare aus Vorpommern über viele Jahre untersucht.

Die Auswertung zeigte nach Angaben der Forscher, dass alkoholbedingte Entwicklungsstörungen in der Region ein erhebliches Problem darstellen.

Dr. Sharif Mortoga, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt FASD-Bridge, berichtet zugleich von einer positiven Entwicklung: Heute konsumierten deutlich weniger Frauen während der Schwangerschaft Alkohol als noch in früheren Jahren.

Trotzdem würden weiterhin zu wenige FASD-Fälle unmittelbar nach der Geburt erkannt.

Das Problem liegt somit nicht allein in der Prävention, sondern auch in der medizinischen Diagnostik und der anschließenden Betreuung.

Mehr als eine Million Euro für internationale Zusammenarbeit

Mit dem Projekt FASD-Bridge wollen die Mediziner diese Versorgungslücke verkleinern.

Die Europäische Union fördert das Vorhaben über das Programm Interreg South Baltic mit mehr als einer Million Euro.

Beteiligt sind neben der Universitätsmedizin Greifswald auch Projektpartner aus Polen und Litauen.

Im Mittelpunkt steht die Verbesserung der frühkindlichen Diagnostik. Ziel ist es, medizinisches Fachpersonal besser für mögliche Anzeichen von FASD zu sensibilisieren und geeignete Untersuchungen früher einzuleiten.

Dazu entwickelt das Projekt Schulungsprogramme für Berufsgruppen, die Schwangere, Neugeborene und Kleinkinder medizinisch begleiten.

Angesprochen werden insbesondere Kinderärzte, Frauenärzte, Hebammen und Pflegefachkräfte.

Durch die Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg sollen Erfahrungen ausgetauscht und gemeinsame Ansätze für eine bessere Versorgung entwickelt werden.

Erste Schulungen zeigen bereits Wirkung

Dass zusätzliche Schulungen einen Unterschied machen können, zeigte sich nach Angaben der Greifswalder Universitätsmedizin bereits in einer ersten Projektphase.

Bei Schulungen an der Universitätsmedizin Greifswald wurden Fachkräfte gezielt für das Erkennen alkoholbedingter Entwicklungsstörungen sensibilisiert.

Anschließend stieg die Zahl der diagnostizierten FASD-Fälle deutlich an.

Für Klinikdirektor Heckmann ist das ein wichtiges Ergebnis. Es spricht dafür, dass bislang zahlreiche Erkrankungen nicht oder erst spät erkannt werden.

Auf Grundlage dieser Erfahrungen sollen die Schulungsangebote nun auch regional ausgeweitet werden.

Das langfristige Ziel besteht darin, frühzeitige Untersuchungen möglichst flächendeckend verfügbar zu machen.

Unterstützung für betroffene Kinder und Familien

Mit einer Diagnose allein ist es allerdings nicht getan.

Kinder mit FASD benötigen je nach Ausprägung unterschiedliche Formen medizinischer, therapeutischer und pädagogischer Unterstützung.

Auch für Eltern sowie Pflege- und Adoptivfamilien kann die Betreuung erhebliche Herausforderungen mit sich bringen.

Die Greifswalder Ärzte betonen deshalb, dass eine frühzeitige Diagnose immer mit einer geeigneten Nachbetreuung verbunden sein sollte.

In Vorpommern stehen dafür bereits spezialisierte Einrichtungen zur Verfügung.

Dazu gehören die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Stralsund unter der Leitung von Chefärztin Dr. Susanne Schmidt sowie die Klinik für Neuropädiatrie der Universitätsmedizin Greifswald unter Leitung von Prof. Astrid Bertsche.

Dort arbeiten Fachkräfte verschiedener medizinischer und therapeutischer Disziplinen gemeinsam an der Betreuung betroffener Kinder.

Frühzeitige Hilfe kann den Lebensweg verändern

Die Folgen einer Fetalen Alkohol-Spektrum-Störung können die Betroffenen ein Leben lang begleiten.

Eine frühe Diagnose kann jedoch helfen, Entwicklungsprobleme besser einzuordnen, geeignete Fördermaßnahmen einzuleiten und Überforderungen im Familien- und Schulalltag zu vermeiden.

Genau hier setzt das internationale Forschungsprojekt an.

Die Wissenschaftler wollen verhindern, dass betroffene Kinder jahrelang ohne Erklärung für ihre Schwierigkeiten bleiben und dadurch wertvolle Zeit für eine gezielte Förderung verlieren.

Mit FASD-Bridge soll in Greifswald ein wichtiger Beitrag geleistet werden, um alkoholbedingte Entwicklungsschäden früher zu erkennen und Familien rechtzeitig zu unterstützen. Die Botschaft der Mediziner ist zugleich eindeutig: Während der Schwangerschaft ist der vollständige Verzicht auf Alkohol der sicherste Schutz für das ungeborene Kind.