Greifswald. Bei Straßenbauarbeiten in Greifswald haben Archäologen eine außergewöhnliche Entdeckung gemacht: In der Straße „An den Wurthen“ wurde ein großer mittelalterlicher Ziegelbrennofen freigelegt, der möglicherweise Baumaterial für die berühmte Marienkirche und weitere Gebäude der historischen Altstadt geliefert hat. Der Fund könnte bis zu 800 Jahre alt sein und gibt neue Einblicke in die Entstehung der Hansestadt. Doch die Entdeckung hat auch praktische Folgen: Der laufende Straßenausbau verzögert sich erheblich und soll nun erst im Jahr 2027 abgeschlossen werden.

Bereits Mitte August waren die Überreste des historischen Brennofens bei den Bauarbeiten entdeckt worden. Nach ersten Untersuchungen gehen die Archäologen davon aus, dass die Anlage aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammt. Besonders bemerkenswert sind ihre Größe und die Hinweise auf eine jahrhundertelange Nutzung.

Mittelalterlicher Brennofen mit außergewöhnlicher Geschichte

Der entdeckte Ofen könnte bereits zur frühen Blütezeit Greifswalds in Betrieb gewesen sein. Damals entwickelte sich die Stadt zu einem bedeutenden Handelszentrum im Ostseeraum. Backstein wurde zu einem der wichtigsten Baumaterialien für Kirchen, Stadtbefestigungen, Wohnhäuser und öffentliche Gebäude.

Nach ersten Schätzungen könnte die Anlage vom 13. oder 14. Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert genutzt worden sein.

Die Untersuchungen zeigen, dass der Ofen während dieser langen Zeit mehrfach verändert und erneuert wurde. Archäologen fanden verschiedene Ascheschichten sowie unterschiedlich stark beschädigte Ziegel.

Grabungsleiterin Janin Zorn von der AIM-V Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern GmbH berichtet, dass bislang mindestens sechs verschiedene Brennböden nachgewiesen werden konnten.

Diese Spuren deuten darauf hin, dass die Anlage über einen langen Zeitraum immer wieder instand gesetzt und für die Herstellung von Backsteinen genutzt wurde.

Gerade die Dimensionen des Fundes machen ihn für die Wissenschaft besonders interessant. Vergleichbare Anlagen sind in Mecklenburg-Vorpommern selten erhalten geblieben.

Wurden hier die Ziegel für die Marienkirche gebrannt?

Eine besonders spannende Frage betrifft die Herkunft des Baumaterials für die historischen Kirchen und Gebäude Greifswalds.

Nach Einschätzung der Archäologen könnte der Ofen unter anderem Ziegel für die Marienkirche geliefert haben.

Die Kirche gehört zu den bedeutenden mittelalterlichen Bauwerken der Stadt und ist ein Beispiel der norddeutschen Backsteingotik.

„Möglicherweise wurden an dieser Stelle Backsteine für die Greifswalder Marienkirche und weitere Gebäude der Altstadt hergestellt“, erklärt Grabungsleiterin Janin Zorn.

Ein unmittelbarer Nachweis, dass tatsächlich Ziegel für die Marienkirche aus genau diesem Brennofen stammen, liegt bislang allerdings nicht vor.

Dennoch eröffnet der Fund neue Möglichkeiten, die mittelalterliche Bauwirtschaft der Stadt zu erforschen.

„Die Größe des Ofens ist besonders bemerkenswert. Solche Anlagen sind in unserer Region selten. Der Fund ist deshalb auch über Greifswald hinaus von Bedeutung“, betont die Archäologin.

Ziegelei vor den mittelalterlichen Stadttoren

Dass sich in diesem Bereich einst eine Ziegelei befand, war Historikern bereits bekannt.

Unter dem heutigen Alten Friedhof lagen früher größere Lehmgruben. Dort wurde das Rohmaterial gewonnen, aus dem anschließend die Ziegel geformt und gebrannt werden konnten.

Bislang fehlte jedoch ein konkreter archäologischer Nachweis für den zugehörigen Brennplatz.

Mit der Entdeckung des Ofens ist diese Lücke nun geschlossen.

Der Fund macht nachvollziehbar, wie die Herstellung von Baumaterial außerhalb der damaligen Stadttore organisiert gewesen sein könnte.

Die Nähe zu den Lehmgruben bot günstige Voraussetzungen für die Ziegelproduktion. Gleichzeitig konnten die gebrannten Steine von dort aus zu den Baustellen in der wachsenden Stadt transportiert werden.

Der Ofen ist damit nicht nur ein Zeugnis mittelalterlicher Handwerkskunst, sondern auch ein Hinweis auf die wirtschaftlichen Strukturen, die den Ausbau Greifswalds ermöglichten.

Oberbürgermeister spricht von wichtigem Fund für Stadtgeschichte

Auch Greifswalds Oberbürgermeister Dr. Stefan Fassbinder zeigt sich von der Entdeckung überrascht.

„Mit einem solchen Fund haben wir an dieser Stelle nicht gerechnet“, erklärt Fassbinder.

Für die Geschichte der Stadt sei die Anlage von erheblichem Interesse.

„Für die Greifswalder Stadtgeschichte ist das ein spannender Baustein. Er gibt uns neue Einblicke in die Ziegelproduktion vor den damaligen Toren der Stadt.“

Der Fund verdeutlicht, welche historischen Spuren unter den heutigen Straßen und Plätzen der Hansestadt erhalten geblieben sind.

Gerade bei Bauarbeiten in historischen Stadtgebieten können archäologische Untersuchungen deshalb neue Erkenntnisse über das Leben, die Wirtschaft und die bauliche Entwicklung früherer Jahrhunderte liefern.

Archäologen legen Brennofen vollständig frei

Nach der Entdeckung laufen die archäologischen Untersuchungen weiter.

Der historische Ziegelbrennofen soll vollständig freigelegt und umfassend dokumentiert werden.

Dabei geht es darum, die erhaltenen Baustrukturen, die verschiedenen Brennphasen und weitere archäologische Spuren möglichst genau zu erfassen.

Die Ergebnisse können helfen, die tatsächliche Nutzungsdauer der Anlage und ihre Bedeutung für die mittelalterliche Ziegelproduktion besser einzuordnen.

Ob und in welcher Form einzelne Bestandteile des Ofens erhalten oder später öffentlich präsentiert werden können, geht aus der Mitteilung der Stadt zunächst nicht hervor.

Fest steht jedoch bereits, dass die Entdeckung nach Einschätzung der beteiligten Archäologen weit über die lokale Stadtgeschichte hinaus von wissenschaftlichem Interesse ist.

Straßenbau verzögert sich bis 2027

Die archäologischen Untersuchungen haben allerdings erhebliche Auswirkungen auf die laufenden Straßenbauarbeiten.

Ursprünglich sollte der Ausbau der Straße „An den Wurthen“ im Dezember 2026 abgeschlossen werden.

Dieser Termin ist nach Angaben der Stadt nicht mehr einzuhalten.

Weil der Brennofen vollständig untersucht und dokumentiert werden muss, verschiebt sich die geplante Fertigstellung voraussichtlich bis ins dritte Quartal 2027.

Damit verlängert sich die Baumaßnahme um mehrere Monate.

Für Anwohner und Verkehrsteilnehmer bedeutet dies, dass sie sich länger als ursprünglich vorgesehen auf die laufenden Bauarbeiten einstellen müssen.

Der zusätzliche Zeitaufwand soll jedoch sicherstellen, dass die archäologischen Zeugnisse vor dem weiteren Straßenausbau wissenschaftlich erfasst werden.

Ein Stück Greifswalder Geschichte kommt ans Licht

Die Entdeckung des mittelalterlichen Brennofens verbindet die heutige Stadtentwicklung mit der Geschichte Greifswalds.

Was zunächst wie eine gewöhnliche Straßenbaumaßnahme aussah, entwickelte sich zu einer archäologischen Untersuchung mit überregionaler Bedeutung.

Der Ofen könnte über Jahrhunderte hinweg Baumaterial für Gebäude geliefert haben, die das Stadtbild bis heute prägen.

Besonders die mögliche Verbindung zur Marienkirche macht den Fund interessant.

Auch wenn die Herkunft einzelner Ziegel noch nicht nachgewiesen werden konnte, zeigt die Entdeckung, welche Bedeutung die örtliche Ziegelproduktion für die Entwicklung der mittelalterlichen Hansestadt gehabt haben dürfte.

Während sich der Straßenbau nun bis 2027 verlängert, gewinnen die Archäologen Zeit, ein außergewöhnliches Zeugnis der Greifswalder Baugeschichte zu dokumentieren.