Berlin/Lubmin. Während Deutschland seine Energieversorgung weiterhin ohne russisches Pipelinegas plant, werden hinter den Kulissen offenbar ganz andere Möglichkeiten ausgelotet. Hochrangige Vertreter der USA und Russlands sprechen nach Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters über neue Energiegeschäfte. Dabei geht es auch um die Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee. Amerikanische Investoren könnten künftig eine entscheidende Rolle spielen. Für Deutschland wäre das ein politischer Sprengsatz: Ausgerechnet die USA könnten versuchen, über ein wirtschaftliches Arrangement mit Moskau die Rückkehr russischen Gases nach Europa zu ermöglichen.

Geheime Gespräche über die Zukunft von Nord Stream

Die Recherchen wurden am 8. Oktober bekannt. Demnach prüfen amerikanische und russische Unterhändler Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit, die auch die umstrittenen Nord-Stream-Pipelines einschließen.

Zu den beteiligten Personen sollen Jared Kushner, Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, und Kirill Dmitrijew gehören. Dmitrijew ist ein enger Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin und spielt bei wirtschaftlichen Kontakten zwischen Russland und den USA eine wichtige Rolle.

Im Mittelpunkt steht offenbar die Frage, ob amerikanische Investoren in Projekte einsteigen könnten, die bislang russischen Interessen zugeordnet werden.

Ein solches Geschäft könnte das bisherige politische Machtgefüge auf dem europäischen Energiemarkt erheblich verändern.

Allerdings ist bislang weder ein verbindlicher Vertrag geschlossen noch eine Wiederinbetriebnahme der Pipelines beschlossen worden. Es handelt sich um Gespräche und mögliche Geschäftsmodelle, nicht um eine bereits vereinbarte Gaslieferung.

Warum ausgerechnet Nord Stream wieder interessant wird

Die Nord-Stream-Pipelines verlaufen durch die Ostsee und enden im vorpommerschen Lubmin bei Greifswald.

Über Nord Stream 1 wurde jahrelang russisches Erdgas direkt nach Deutschland transportiert. Nord Stream 2 sollte diese Verbindung erweitern, ging jedoch nie regulär in Betrieb.

Im September 2022 wurden mehrere Röhren der Pipelines durch Explosionen schwer beschädigt.

Die Ereignisse veränderten die energiepolitische Situation Europas nachhaltig. Deutschland wandte sich von russischen Gaslieferungen ab und baute alternative Bezugswege aus.

Doch die Infrastruktur ist nicht vollständig verschwunden.

Gerade darin liegt aus Sicht möglicher Investoren der wirtschaftliche Reiz: Eine vorhandene Pipelineverbindung könnte unter bestimmten technischen, rechtlichen und politischen Voraussetzungen wieder genutzt werden.

Eine solche Perspektive wäre allerdings mit erheblichen Hindernissen verbunden. Neben dem Zustand der Leitungen müssten Eigentumsfragen, Sanktionen, Genehmigungen und die europäische Energiepolitik geklärt werden.

Amerikanische Kontrolle statt russischer Dominanz?

Besonders brisant ist die mögliche Beteiligung amerikanischer Investoren.

Sollten US-Unternehmen oder amerikanisch geführte Konsortien eine wirtschaftliche Rolle bei Nord Stream übernehmen, könnte Washington Einfluss auf eine Energieverbindung gewinnen, die früher unmittelbar mit russischen Interessen verbunden war.

Eine solche Konstruktion würde die politische Frage nach dem Umgang mit russischem Gas nicht beseitigen.

Selbst wenn amerikanische Unternehmen die wirtschaftliche Abwicklung übernehmen, bliebe die Herkunft des Gases entscheidend.

Russische Energieexporte könnten weiterhin Einnahmen für Moskau ermöglichen. Für die Ukraine und mehrere osteuropäische Staaten wäre das ein hochsensibles Signal.

Auch Deutschland müsste erklären, weshalb eine Rückkehr russischen Gases unter amerikanischer Beteiligung politisch anders bewertet werden sollte als eine direkte Lieferung aus Russland.

Allein der Wechsel eines möglichen Investors löst diesen Widerspruch nicht auf.

Trump setzt auf wirtschaftliche Abkommen

Donald Trump verfolgt gegenüber Russland einen Kurs, bei dem wirtschaftliche Vereinbarungen eine wichtige Rolle spielen.

Bereits am Freitag, 9. Oktober, führten Trump und Putin ein rund 90 Minuten dauerndes Telefongespräch.

Dabei spielte auch die Energiepolitik eine Rolle. Die USA lockerten vorübergehend Sanktionen auf russischen Diesel, um den Druck auf die internationalen Kraftstoffpreise zu senken.

Der Schritt zeigt, dass Washington wirtschaftliche Kontakte zu Moskau nicht grundsätzlich ausschließt.

Gleichzeitig bemühen sich die USA um Fortschritte bei Verhandlungen über ein Ende des Ukrainekrieges.

Ein Teil der amerikanischen Überlegungen besteht offenbar darin, wirtschaftliche Interessen als Anreiz für politische Vereinbarungen einzusetzen.

Ob dieser Ansatz tatsächlich zu einem tragfähigen Frieden beitragen kann, bleibt jedoch offen.

Deutschland steht vor einem politischen Widerspruch

Für die Bundesregierung wäre eine mögliche Wiederbelebung von Nord Stream ein schwieriges Thema.

Deutschland hat seine Abhängigkeit von russischen Energielieferungen nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine bewusst reduziert.

Die Bundesregierung hält an den Sanktionen gegen Moskau fest. Auch angesichts der amerikanischen Lockerungen beim Diesel machte Berlin deutlich, dass es seine bisherige Linie nicht ändern will.

Eine erneute Öffnung von Nord Stream würde deshalb grundlegende politische Entscheidungen infrage stellen.

Befürworter einer Rückkehr zu russischem Pipelinegas könnten auf mögliche wirtschaftliche Vorteile verweisen. Unternehmen und Verbraucher leiden seit Jahren unter hohen Energiekosten und wirtschaftlicher Unsicherheit.

Gegner würden dagegen argumentieren, dass neue Gasgeschäfte mit Russland erneut politische Abhängigkeiten schaffen und Moskau zusätzliche Einnahmen verschaffen könnten.

Die Frage reicht damit weit über den Energiemarkt hinaus.

Sie betrifft Deutschlands Verhältnis zu Russland, die Solidarität mit der Ukraine und die künftige Rolle der Vereinigten Staaten in Europa.

Lubmin könnte erneut ins Zentrum der Weltpolitik rücken

Für Mecklenburg-Vorpommern ist die Entwicklung besonders interessant.

In Lubmin befindet sich der deutsche Anlandepunkt der Nord-Stream-Pipelines. Der Standort wurde in den vergangenen Jahren zu einem Symbol der veränderten deutschen Energiepolitik.

Eine mögliche wirtschaftliche Neuordnung der Pipelineverbindungen würde die Region erneut in den Mittelpunkt internationaler Interessen rücken.

Dabei ginge es nicht nur um technische Anlagen, sondern auch um Genehmigungen, Infrastruktur, Investitionen und die langfristige Rolle Vorpommerns in der europäischen Energieversorgung.

Allerdings lässt sich aus den bekannt gewordenen Gesprächen derzeit keine konkrete neue Investition für Lubmin ableiten.

Europa könnte zum Zuschauer werden

Die größte politische Brisanz liegt möglicherweise darin, wer über die Zukunft der europäischen Energieversorgung verhandelt.

Wenn Washington und Moskau wirtschaftliche Möglichkeiten für Nord Stream ausloten, ohne dass europäische Regierungen eine solche Entwicklung unterstützen, entsteht ein grundlegender Interessenkonflikt.

Die EU verfolgt weiterhin eine Sanktionspolitik gegen Russland. Deutschland lehnt eine Rückkehr zu den früheren Energiebeziehungen ab.

Ein amerikanisch-russisches Geschäftsmodell könnte diese Haltung politisch unter Druck setzen, aber nicht einfach außer Kraft setzen.

Bestehende Sanktionen und europäische Genehmigungsvorschriften wären weiterhin zu beachten.

Auch Polen und andere europäische Staaten haben erhebliche sicherheitspolitische Vorbehalte gegenüber Nord Stream.

Die entscheidende Frage ist längst größer als Gas

Noch gibt es keinen beschlossenen Nord-Stream-Deal.

Die bekannt gewordenen Gespräche zeigen jedoch, dass wirtschaftliche Interessen selbst bei einem der umstrittensten Energieprojekte Europas wieder aufeinandertreffen.

Für Deutschland entsteht daraus eine unbequeme Frage.

Kann Europa dauerhaft auf russisches Gas verzichten, wenn sein wichtigster transatlantischer Partner gleichzeitig neue Energiegeschäfte mit Moskau prüft?

Eine Rückkehr russischer Lieferungen wäre weder technisch noch politisch eine einfache Entscheidung. Sie könnte aber zu einer grundlegenden Debatte über Europas Energieversorgung führen.

Nord Stream ist damit wieder mehr als eine beschädigte Pipeline am Grund der Ostsee. Das Projekt könnte erneut zum Schauplatz eines Machtkampfes zwischen amerikanischen Wirtschaftsinteressen, russischer Energiepolitik und europäischer Souveränität werden.