Jerewan/Berlin. Die internationale Staatengemeinschaft steht beim Schutz der biologischen Vielfalt vor einer ernüchternden Zwischenbilanz. Am heutigen Montag, dem 19. Oktober 2026, beginnt in der armenischen Hauptstadt Jerewan die 17. Weltnaturkonferenz der Vereinten Nationen. Vertreter von rund 200 Staaten beraten bis zum 30. Oktober darüber, wie das weltweite Artensterben gestoppt und natürliche Lebensräume geschützt werden können. Vier Jahre nach dem historischen Weltnaturabkommen von Montreal zeigt sich: Die Umsetzung geht deutlich zu langsam voran. Auch Deutschland muss sich fragen lassen, weshalb zahlreiche geschützte Lebensräume weiterhin in einem schlechten Zustand sind.

30 Prozent der Erde sollen bis 2030 geschützt werden

Im Dezember 2022 verständigte sich die internationale Staatengemeinschaft in Montreal auf einen umfassenden Rahmen zum Schutz der biologischen Vielfalt.

Zu den bekanntesten Zielen gehört die sogenannte 30-mal-30-Vereinbarung. Bis 2030 sollen mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen wirksam geschützt werden.

Darüber hinaus enthält der Rahmen insgesamt 23 Ziele. Sie betreffen unter anderem die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme, den Schutz gefährdeter Arten, eine nachhaltigere Landwirtschaft und den Abbau umweltschädlicher Subventionen.

Die Konferenz in Jerewan ist die erste umfassende weltweite Bestandsaufnahme seit der Verabschiedung dieser Vereinbarung.

Sie soll zeigen, welche Fortschritte tatsächlich erreicht wurden und wo zusätzliche Maßnahmen notwendig sind.

UN-Bericht offenbart erhebliche Defizite

Ein vorläufiger Bericht der Vereinten Nationen zeichnet ein ernüchterndes Bild.

Zwar haben inzwischen zahlreiche Staaten nationale Strategien und konkrete Ziele zur biologischen Vielfalt erarbeitet. Die tatsächliche Umsetzung bleibt jedoch vielerorts hinter den politischen Zusagen zurück.

Besonders problematisch sind die Zerstörung natürlicher Lebensräume, die Übernutzung von Ressourcen und weiterhin bestehende finanzielle Anreize für umweltschädliche Wirtschaftsweisen.

Nach aktuellen internationalen Auswertungen könnten bis 2030 etwa 27,5 Prozent der weltweiten Landflächen einen Schutzstatus erreichen. Das vereinbarte Ziel von mindestens 30 Prozent wäre damit noch immer nicht erfüllt.

Allerdings bedeutet eine formale Ausweisung als Schutzgebiet nicht automatisch, dass Pflanzen und Tiere dort ausreichend geschützt werden. Entscheidend sind die Qualität und die tatsächliche Durchsetzung des Naturschutzes.

Streit um Milliarden für den Artenschutz

Ein zentraler Konflikt der Konferenz betrifft die Finanzierung.

Bis 2030 sollen weltweit jährlich mindestens 200 Milliarden US-Dollar für den Schutz der biologischen Vielfalt mobilisiert werden.

Gleichzeitig sollen die öffentlichen internationalen Finanzmittel für Entwicklungsländer auf mindestens 30 Milliarden Dollar pro Jahr steigen.

Viele ärmere Staaten sehen die wohlhabenderen Industrienationen in der Verantwortung. Sie argumentieren, dass wirksamer Naturschutz ohne ausreichende finanzielle Unterstützung kaum möglich sei.

Hinzu kommt eine weitere Zielsetzung: Umweltschädliche Subventionen sollen bis 2030 um mindestens 500 Milliarden Dollar jährlich reduziert werden.

Das könnte weitreichende Konsequenzen für die Landwirtschaft, Fischerei und andere Wirtschaftszweige haben.

Die Verhandlungen dürften deshalb nicht nur von ökologischen Fragen geprägt sein, sondern auch von handfesten wirtschaftlichen Interessen.

Deutschland muss seine eigenen Schutzgebiete verbessern

Auch Deutschland steht beim Artenschutz unter Druck.

Zahlreiche Lebensräume befinden sich trotz rechtlicher Schutzbestimmungen in einem ungünstigen Zustand. Intensive landwirtschaftliche Nutzung, Flächenverbrauch, Schadstoffbelastungen und klimatische Veränderungen setzen Pflanzen und Tieren zu.

Das betrifft beispielsweise artenreiche Wiesen, Moore, natürliche Flussauen und zahlreiche Feuchtgebiete.

Bundesumweltminister Carsten Schneider wird in der zweiten Konferenzwoche an den Verhandlungen teilnehmen.

Für die Bundesregierung geht es darum, internationale Zusagen mit konkreten Maßnahmen im eigenen Land zu verbinden.

Denn der Schutz der Artenvielfalt ist nicht allein eine Frage internationaler Verträge. Viele Entscheidungen fallen auf kommunaler und regionaler Ebene.

Ostdeutschlands Moore und Flusslandschaften im Fokus

Gerade in den ostdeutschen Bundesländern besitzt der Schutz natürlicher Lebensräume große Bedeutung.

In Mecklenburg-Vorpommern gehören Moore zu den ökologisch besonders wichtigen Landschaften. Intakte Moorgebiete können Wasser speichern, seltenen Pflanzen und Tieren Lebensraum bieten und große Mengen Kohlenstoff im Boden binden.

Brandenburg steht vor der Herausforderung, wasserabhängige Ökosysteme unter zunehmend schwierigen klimatischen Bedingungen zu erhalten.

Auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind Flüsse, Auenlandschaften und artenreiche Offenlandgebiete auf wirksame Schutzmaßnahmen angewiesen.

Die internationalen Entscheidungen von Jerewan könnten damit mittelbar auch Einfluss auf künftige Naturschutzprogramme und Finanzierungsprioritäten in Ostdeutschland haben.

Konkrete neue Verpflichtungen für einzelne Bundesländer wurden zum Auftakt der Konferenz allerdings noch nicht beschlossen.

Berlin will Städte stärker einbeziehen

Die deutsche Hauptstadt bringt einen eigenen Schwerpunkt in die internationale Diskussion ein.

Berlin setzt sich dafür ein, Städte und Regionen stärker an der Umsetzung der globalen Biodiversitätsziele zu beteiligen.

Vom 21. bis zum 28. Oktober will das Land an Fachveranstaltungen der Konferenz teilnehmen.

Zu den Berliner Beispielen gehören die eigene Strategie zur biologischen Vielfalt und die Renaturierung der Kanonenberge in Köpenick.

Am 24. Oktober beteiligt sich Berlin außerdem am internationalen Gipfel der Städte und Regionen. Dabei soll auch der Berlin Urban Nature Pact vorgestellt werden, eine Initiative zur Vernetzung von Städten beim Schutz urbaner Natur.

Die dahinterstehende Überlegung ist einfach: Artenschutz findet nicht nur in Nationalparks und großen Schutzgebieten statt, sondern ebenso in Stadtparks, an Gewässern, auf Grünflächen und in der Stadtentwicklung.

Zwei Wochen für konkrete Fortschritte

Die Konferenz in Jerewan dauert bis zum 30. Oktober.

Neben der internationalen Finanzierung soll es darum gehen, wie Staaten ihre bisherigen Verpflichtungen schneller umsetzen und Fortschritte verlässlich kontrollieren können.

Die Vereinten Nationen wollen eine gemeinsame Grundlage schaffen, anhand derer sich Erfolge und Versäumnisse besser bewerten lassen.

Dabei stehen die Regierungen unter erheblichem Zeitdruck. Bis zum Zieljahr 2030 bleiben nur noch vier Jahre.

Die Weltnaturkonferenz wird daran gemessen werden müssen, ob aus den internationalen Zusagen konkrete Fortschritte entstehen. Für Deutschland und Ostdeutschland bedeutet das vor allem eines: Schutzgebiete auszuweisen reicht nicht. Entscheidend ist, ob sich der Zustand von Wäldern, Mooren, Flüssen und bedrohten Arten tatsächlich verbessert.