Berlin/Moskau. Russlands Präsident Wladimir Putin verfolgt nach Einschätzung des Osteuropahistorikers Martin Schulze Wessel weitreichendere Ziele als die Eroberung ukrainischer Gebiete. In einem am Dienstag, dem 20. Oktober 2026, veröffentlichten Interview warnt der Wissenschaftler davor, dass Moskaus aggressive Außenpolitik selbst nach einem möglichen Waffenstillstand fortgesetzt werden könnte. Seine Einschätzung begründet er mit der imperialen Geschichte Russlands und Äußerungen Putins über die Grenzen seines Landes. Für Deutschland und Europa ergibt sich daraus eine Frage von erheblicher Tragweite: Wie lässt sich ein dauerhafter Frieden sichern, wenn Russland weiterhin Gebietsansprüche erhebt?
Historiker sieht in Putins Worten eine schwere Drohung
Im Mittelpunkt der Warnung stehen Äußerungen, die Putin bereits in früheren Jahren gemacht hat.
So erklärte der russische Präsident 2016, Russlands Grenzen würden nirgendwo enden. Im Jahr 2025 beanspruchte er nach Darstellung des Historikers zudem Gebiete, die russische Soldaten betreten hätten.
Martin Schulze Wessel sieht darin einen Ausdruck imperialen Denkens. Die Aussagen deutet er als Anspruch, russische Herrschaft über die international anerkannten Staatsgrenzen hinaus auszuweiten.
Der Professor für Geschichte Ost- und Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München äußerte seine Einschätzung in einem Interview mit dem Nachrichtenportal t-online.
Anlass ist sein neues Buch „Warum Russland nicht aufhören wird. Sieben Thesen“.
Wichtig ist die zeitliche Einordnung: Es handelt sich nicht um eine am Dienstag neu ausgesprochene militärische Drohung Putins. Vielmehr bewertet der Historiker frühere Aussagen des Kremlchefs vor dem Hintergrund des anhaltenden russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.
Warum ein Waffenstillstand nicht automatisch Frieden bedeutet
Schulze Wessel bezweifelt, dass eine mögliche Waffenruhe in der Ukraine zwangsläufig zu einer dauerhaften Abkehr Russlands von seiner expansiven Außenpolitik führen würde.
Seiner Einschätzung nach betrachtet die derzeitige russische Führung die Ausdehnung ihres Machtbereichs als wesentlichen Bestandteil ihrer staatlichen Identität.
Selbst wenn die Waffen an der ukrainischen Front schweigen sollten, könnten die politischen Konflikte mit den Nachbarstaaten und der NATO deshalb bestehen bleiben.
Der Historiker argumentiert, dass Russland nicht ausschließlich aus einer unmittelbaren militärischen Bedrohung heraus handele. Vielmehr strebe die politische Führung danach, eine frühere Großmachtstellung wiederherzustellen.
Diese Einschätzung ist eine historische und politische Analyse, keine gesicherte Vorhersage zukünftiger russischer Militäraktionen.
Der Kreml weist den Vorwurf zurück, einen Angriff auf NATO-Staaten zu planen. Putin erklärte mehrfach, Russland habe keine aggressiven Absichten gegenüber europäischen Ländern.
Allerdings stehen diese Beteuerungen im Widerspruch zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und den wiederholten Drohungen gegenüber westlichen Staaten.
Russlands imperiale Geschichte als Erklärung
Um die heutige russische Politik zu verstehen, verweist Schulze Wessel auf die Entwicklung des russischen Staates über mehrere Jahrhunderte.
Aus dem ursprünglich vergleichsweise kleinen Fürstentum Moskau entstand durch militärische Eroberungen und territoriale Expansion ein riesiges Reich.
Besonders unter Peter dem Großen und Katharina der Großen wurde Russland zu einer europäischen und asiatischen Großmacht.
Nach Ansicht des Historikers prägte diese Entwicklung das politische Selbstverständnis der russischen Herrscher nachhaltig.
Territoriale Ausdehnung galt demnach nicht nur als Mittel zur Sicherung wirtschaftlicher und militärischer Interessen, sondern auch als Ausdruck staatlicher Größe.
Schulze Wessel erkennt ähnliche Vorstellungen in der heutigen Kremlpolitik wieder.
Putin greife historische Erzählungen auf, um seinen Anspruch auf Einfluss über die Ukraine und weitere Nachbarstaaten zu begründen.
Die Ukraine als Zentrum des Konflikts
Besonders deutlich zeigt sich der Streit um historische Zugehörigkeit im Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine.
Putin hat wiederholt die Eigenständigkeit der ukrainischen Nation und Staatlichkeit infrage gestellt.
Die russische Führung beruft sich dabei unter anderem auf die gemeinsame Geschichte der ostslawischen Völker und die mittelalterliche Kiewer Rus.
Diese historische Verbindung begründet jedoch kein gegenwärtiges Recht auf die gewaltsame Veränderung international anerkannter Grenzen.
Die Ukraine ist ein souveräner Staat. Russland hat mit seiner groß angelegten Invasion im Februar 2022 gegen grundlegende Prinzipien des Völkerrechts verstoßen.
Nach Einschätzung Schulze Wessels reicht das russische Machtstreben allerdings über die Ukraine hinaus.
Er verweist auf politische Konzepte, in denen Russland als dominierende Macht eines größeren eurasischen Raumes verstanden wird.
Solche Vorstellungen finden sich unter anderem in kremlnahen politischen und ideologischen Kreisen. Sie sind jedoch nicht mit einem bereits beschlossenen militärischen Operationsplan gleichzusetzen.
Auch Kaliningrad wird zum Konfliktherd
Wie angespannt das Verhältnis zwischen Russland und der NATO inzwischen ist, zeigten Putins Äußerungen beim Waldai-Diskussionsforum am 1. Oktober.
Damals warnte er westliche Staaten davor, die russische Exklave Kaliningrad anzugreifen oder ihren Zugang zu blockieren.
Für den Fall eines direkten Angriffs stellte er den Einsatz sämtlicher verfügbarer Waffen in Aussicht.
Eine solche Formulierung schließt grundsätzlich auch nukleare Waffen ein, ohne dass damit bereits eine konkrete Einsatzentscheidung verbunden wäre.
Die NATO betont demgegenüber ihren defensiven Charakter und weist russische Behauptungen über angebliche Angriffsabsichten zurück.
Kaliningrad liegt zwischen Polen und Litauen und besitzt für Russland eine erhebliche militärstrategische Bedeutung.
Für die baltischen Staaten, Polen und Deutschland hat die Sicherheitslage in der Ostseeregion deshalb unmittelbare Bedeutung.
Historiker kritisiert frühere deutsche Russlandpolitik
Schulze Wessel sieht auch in früheren Entscheidungen westlicher Regierungen Gründe dafür, dass Moskau die Konsequenzen seiner Expansionspolitik möglicherweise unterschätzt habe.
Besonders kritisch beurteilt er die Reaktion auf die russische Annexion der Krim im Jahr 2014.
Zwar wurden Sanktionen verhängt, zugleich setzten europäische Staaten jedoch ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland fort.
Deutschland hielt lange an einer engen energiepolitischen Zusammenarbeit fest.
Ein besonders umstrittenes Beispiel war die Ostseepipeline Nord Stream 2.
Nach Ansicht des Historikers vermittelte diese Politik der russischen Führung widersprüchliche Signale.
Andere Stimmen betonen dagegen, dass wirtschaftliche Verflechtung ursprünglich auch der Stabilisierung diplomatischer Beziehungen dienen sollte.
Ob schärfere westliche Maßnahmen den Krieg von 2022 verhindert hätten, lässt sich rückblickend nicht beweisen.
Europa steht vor langfristigen Sicherheitsfragen
Die historische Analyse trifft auf eine aktuelle sicherheitspolitische Debatte.
Seit Beginn des russischen Angriffskrieges haben Deutschland und weitere europäische Staaten ihre Verteidigungspolitik verändert.
Die NATO verstärkt ihre Präsenz an der östlichen Bündnisgrenze. Zugleich investieren europäische Regierungen in zusätzliche militärische Fähigkeiten und die Unterstützung der Ukraine.
Schulze Wessel hält langfristige Abschreckung und eine entschlossene europäische Zusammenarbeit für notwendig.
Seine Argumentation lautet, dass die russische Führung vor allem dort Möglichkeiten zur weiteren Machtausdehnung sehen könnte, wo sie geringe politische Entschlossenheit vermutet.
Daraus folgt allerdings nicht, dass ein militärischer Konflikt zwischen Russland und der NATO unvermeidlich wäre.
Auch diplomatische Verhandlungen, internationale Sicherheitsvereinbarungen und Rüstungskontrolle bleiben mögliche Instrumente zur Begrenzung der Spannungen.
Neue Friedensgespräche trotz anhaltender Angriffe
Während über die langfristigen Ziele Russlands diskutiert wird, laufen neue diplomatische Bemühungen.
Am Dienstag kamen in Oslo Vertreter der Ukraine, der Vereinigten Staaten und europäischer Staaten zu Gesprächen über Möglichkeiten einer Beendigung des Krieges zusammen.
Der amerikanische Sondergesandte Steve Witkoff soll anschließend möglicherweise auch mit Putin sprechen.
Der Kreml signalisierte Interesse an einem weiteren Austausch.
Gleichzeitig setzte Russland seine Luftangriffe auf die Ukraine fort. Bei neuen Raketen- und Drohnenangriffen wurden am Dienstag mehrere Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt.
Die Gleichzeitigkeit von Verhandlungen und militärischer Gewalt verdeutlicht, wie schwierig die Suche nach einer politischen Lösung bleibt.
Was bedeutet die Warnung für Deutschland?
Für Deutschland stellt sich die Frage, welche Sicherheitsordnung Europa langfristig benötigt.
Schulze Wessels Warnung beruht auf der Annahme, dass Russlands gegenwärtige Außenpolitik nicht allein durch die Persönlichkeit Putins erklärt werden kann.
Er sieht tiefer liegende historische und ideologische Vorstellungen, die auch über dessen Amtszeit hinaus Einfluss behalten könnten.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die russische Bevölkerung grundsätzlich zu einer aggressiven Politik neige oder friedliche Beziehungen mit Russland dauerhaft ausgeschlossen wären.
Der Historiker unterscheidet ausdrücklich zwischen politischen Herrschaftsvorstellungen und einer angeblich unveränderlichen nationalen Mentalität.
Auch die russische Geschichte kennt Phasen diplomatischer Zusammenarbeit und friedlicher Beziehungen zu europäischen Nachbarn.
Ob eine neue europäische Friedensordnung entstehen kann, hängt deshalb nicht nur von militärischen Kräfteverhältnissen ab, sondern auch von politischen Veränderungen und der Bereitschaft zu verbindlichen Vereinbarungen.
Die Warnung des Historikers ist eindeutig: Ein Ende der Kämpfe in der Ukraine wäre noch keine Garantie für ein Ende des Konflikts zwischen Russland und Europa. Entscheidend wäre ein Frieden, der die Souveränität der Ukraine respektiert und neue militärische Aggression dauerhaft verhindert.