Berlin/Tivat. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) reist am Donnerstag, dem 22. Oktober 2026, nach Montenegro. In der Küstenstadt Tivat nimmt er am Gipfeltreffen des sogenannten Berlin-Prozesses teil. Im Mittelpunkt stehen die wirtschaftliche Zusammenarbeit, die Sicherheit in Südosteuropa und die Annäherung der Westbalkanstaaten an die Europäische Union. Für Deutschland geht es dabei auch um die Frage, wie die EU ihren politischen und wirtschaftlichen Einfluss in einer strategisch wichtigen Region behaupten kann.

Sechs Westbalkanstaaten wollen näher an die EU

Zum Westbalkan zählen in diesem politischen Zusammenhang Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien.

Alle sechs Staaten streben eine engere Anbindung an die Europäische Union an. Die jeweiligen Beitrittsverfahren und politischen Voraussetzungen unterscheiden sich allerdings erheblich.

Während einige Länder in den Verhandlungen bereits weiter vorangekommen sind, bestehen andernorts weiterhin grundlegende Hindernisse.

Dazu gehören ungelöste politische Konflikte, Fragen der Rechtsstaatlichkeit und notwendige Reformen staatlicher Institutionen.

Der Berlin-Prozess soll die Zusammenarbeit fördern, auch wenn ein EU-Beitritt noch nicht unmittelbar bevorsteht.

Was Merz in Montenegro erreichen will

Die Bundesregierung hat drei Schwerpunkte für das Gipfeltreffen angekündigt: Wirtschaftswachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit.

Unter dem Motto „Region in Motion – Owning the change“ wollen die Teilnehmer darüber beraten, wie die wirtschaftliche Zusammenarbeit innerhalb der Region verbessert werden kann.

Dabei spielen grenzüberschreitender Handel, Investitionen und der Abbau wirtschaftlicher Hindernisse eine wichtige Rolle.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sicherheitslage.

Die Westbalkanregion ist von politischen Spannungen geprägt, die Auswirkungen auf die Stabilität Europas haben können.

Deutschland und seine europäischen Partner verfolgen deshalb das Ziel, die Staaten enger miteinander und mit den Institutionen der EU zu verbinden.

Eine deutsche Initiative mit europäischer Bedeutung

Der Berlin-Prozess wurde 2014 auf Initiative der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel ins Leben gerufen.

Er soll die regionale Zusammenarbeit stärken und die Westbalkanstaaten bei ihrer europäischen Integration unterstützen.

Dabei geht es nicht nur um diplomatische Gespräche.

Auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit, die gegenseitige Anerkennung beruflicher Qualifikationen, Mobilität und gemeinsame Infrastrukturprojekte gehören zu den Aufgabenfeldern.

Der Prozess ersetzt jedoch nicht die offiziellen EU-Beitrittsverhandlungen.

Über eine Aufnahme neuer Mitgliedstaaten entscheiden die zuständigen europäischen Institutionen und die Mitgliedstaaten nach den dafür geltenden Verfahren.

Montenegro übernimmt die Gastgeberrolle

Gastgeber des diesjährigen Gipfeltreffens ist Montenegro.

Ministerpräsident Milojko Spajić wird das Treffen gemeinsam mit Bundeskanzler Friedrich Merz eröffnen.

Nach Angaben der montenegrinischen Regierung fanden während des Vorsitzjahres insgesamt 26 Veranstaltungen statt, darunter 14 Treffen auf Ministerebene.

Diese befassten sich unter anderem mit Außen- und Innenpolitik, Wirtschaft, Landwirtschaft und Umweltschutz.

Darüber hinaus wurden Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft, Medien und Zivilgesellschaft einbezogen.

Der Gipfel am Donnerstag bildet den Abschluss des montenegrinischen Vorsitzes.

Warum der Westbalkan für Deutschlands Wirtschaft wichtig ist

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und den Westbalkanstaaten reichen von industrieller Produktion bis zum Handel mit Waren und Dienstleistungen.

Für deutsche Unternehmen sind die Länder sowohl Absatzmärkte als auch Investitionsstandorte.

Eine engere wirtschaftliche Integration könnte grenzüberschreitende Lieferketten erleichtern und zusätzliche Möglichkeiten für Unternehmen schaffen.

Davon könnten grundsätzlich auch ostdeutsche Betriebe profitieren, insbesondere im Maschinenbau, in der Metallverarbeitung und bei technischen Dienstleistungen.

Ob daraus konkrete Aufträge entstehen, hängt allerdings von der wirtschaftlichen Entwicklung und den tatsächlichen Investitionsbedingungen in den einzelnen Ländern ab.

Zwischen europäischen Perspektiven und politischen Konflikten

Trotz verschiedener Fortschritte bleibt die Region politisch schwierig.

Die Beziehungen zwischen Serbien und Kosovo sind weiterhin belastet. Auch in Bosnien und Herzegowina bestehen erhebliche innenpolitische Spannungen.

Für die Europäische Union ergibt sich daraus ein Dilemma.

Einerseits soll eine glaubwürdige europäische Perspektive die demokratische und wirtschaftliche Entwicklung fördern.

Andererseits müssen die Beitrittsländer grundlegende Voraussetzungen erfüllen, darunter Rechtsstaatlichkeit, demokratische Verfahren und funktionierende staatliche Institutionen.

Eine vorschnelle Aufnahme ohne entsprechende Reformen könnte innerhalb der Europäischen Union neue Probleme schaffen.

Fehlt dagegen eine erkennbare Beitrittsperspektive, könnte die politische Enttäuschung in der Region wachsen.

Welche Ergebnisse sind vom Gipfel zu erwarten?

Am Donnerstag wollen die Regierungsvertreter über weitere Schritte der Zusammenarbeit beraten.

Nach der Plenarsitzung ist eine Pressekonferenz vorgesehen.

Ob konkrete neue Vereinbarungen beschlossen werden, bleibt zunächst abzuwarten.

Für Merz wird es darum gehen, Deutschlands Rolle in der europäischen Westbalkanpolitik sichtbar zu machen und die Zusammenarbeit innerhalb der Region zu unterstützen.

Der Gipfel in Montenegro zeigt, dass die Zukunft des Westbalkans weiterhin eine wichtige Frage der europäischen Politik ist. Wirtschaftliche Entwicklung, regionale Sicherheit und die EU-Perspektive hängen eng miteinander zusammen. Ob daraus konkrete Fortschritte entstehen, wird sich an den Ergebnissen des Treffens und ihrer anschließenden Umsetzung messen lassen.