Paris. Brennende Gebäude, Angriffe auf staatliche Einrichtungen und eine Gesellschaft, deren politische Lager sich immer weiter voneinander entfernen: Frankreich erlebt nach den schweren Ausschreitungen vom 17. Oktober 2026 eine neue Debatte über die Handlungsfähigkeit seiner Republik. Der renommierte französische Islamwissenschaftler und Politologe Gilles Kepel zeichnet in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung ein düsteres Bild der gesellschaftlichen Entwicklung. Seiner Einschätzung nach haben viele Menschen das Vertrauen in die staatlichen Institutionen verloren. Besonders beunruhigend ist für ihn die zunehmende Bereitschaft, politische Konflikte durch Gewalt auszutragen.
Brennende Rathäuser als Symbol einer Staatskrise
Die gewaltsamen Ausschreitungen vom vergangenen Wochenende haben Frankreich erschüttert. Was zunächst im Zusammenhang mit Protesten für ein besseres Bildungssystem stand, entwickelte sich an mehreren Orten zu schweren Unruhen.
Besonders gravierend waren die Ereignisse in Limoges, wo ein Rathaus in Brand gesetzt wurde. Auch aus Marseille und anderen französischen Städten wurden Angriffe auf öffentliche Einrichtungen, Sachbeschädigungen und Plünderungen gemeldet.
Dabei waren unterschiedliche Gruppen beteiligt. Neben gewaltbereiten politischen Aktivisten traten auch Jugendliche in Erscheinung, die Geschäfte plünderten und sich Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften lieferten.
Die Gewalt richtete sich damit nicht ausschließlich gegen einzelne politische Entscheidungen. Mit Angriffen auf Rathäuser und andere öffentliche Einrichtungen gerieten auch sichtbare Symbole der staatlichen Ordnung ins Visier.
Für Frankreich ist das eine besonders empfindliche Entwicklung. Die Republik beruht auf einem ausgeprägten Verständnis staatlicher Autorität, das nun zunehmend infrage gestellt wird.
Gilles Kepel sieht einen tiefen Vertrauensverlust
Der französische Politologe Gilles Kepel beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit gesellschaftlichen Spannungen, politischen Bewegungen und Fragen der Integration.
Im Gespräch mit der Neuen Zürcher Zeitung beschreibt er eine Bevölkerung, in der das Vertrauen in die staatliche Handlungsfähigkeit stark beschädigt sei.
Nach Kepels Einschätzung gelingt es der Republik immer weniger, jungen Menschen eine gemeinsame gesellschaftliche Perspektive zu vermitteln.
Darin sieht er eine wesentliche Ursache der gegenwärtigen Polarisierung.
Der Staat sei zwar weiterhin mit seinen Institutionen präsent, verliere jedoch an gesellschaftlicher Bindungskraft. Besonders in den wirtschaftlich benachteiligten Vororten vieler französischer Großstädte treffe die staatliche Politik auf tiefes Misstrauen.
Die Einschätzung des Wissenschaftlers ist eine politische und gesellschaftliche Diagnose – kein Beleg dafür, dass die französischen Staatsinstitutionen tatsächlich zusammengebrochen wären.
Die Vororte werden zum politischen Konfliktfeld
Besondere Aufmerksamkeit widmet Kepel der Entwicklung in den französischen Banlieues.
In diesen Vorstadtgebieten treffen wirtschaftliche Benachteiligung, schwierige Bildungsperspektiven, Migrationserfahrungen und gesellschaftliche Ausgrenzung vielfach aufeinander.
Für einen Teil der jungen Bevölkerung entstehen daraus erhebliche Zweifel an den eigenen Aufstiegsmöglichkeiten.
Gleichzeitig sind die Vororte längst zu einem wichtigen politischen Konfliktfeld geworden.
Kepel verweist darauf, dass der linksgerichtete Politiker Jean-Luc Mélenchon und dessen Partei La France insoumise gezielt um die Unterstützung junger Menschen aus migrantisch geprägten Stadtvierteln werben.
Damit geraten soziale Konflikte zunehmend in den Mittelpunkt parteipolitischer Auseinandersetzungen.
Eine pauschale Gleichsetzung der Bewohner solcher Viertel mit Gewalttätern wäre allerdings falsch. Die Bevölkerung der französischen Vororte ist gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch vielfältig.
Angst vor einer weiteren Eskalation
Frankreich steht zugleich vor einer politisch angespannten Phase. Im Jahr 2027 wird ein neuer Präsident gewählt.
Die gesellschaftliche Polarisierung zwischen dem rechten und dem linken politischen Lager bildet dabei einen zentralen Konflikt.
Gilles Kepel warnt insbesondere davor, dass politische Akteure Gewalt bereits im Vorfeld möglicher Wahlergebnisse als legitimes Mittel des Widerstands darstellen könnten.
Seine Befürchtung betrifft vor allem die Reaktionen, die ein Erfolg des rechten politischen Lagers auslösen könnte.
Damit beschreibt Kepel keine zwangsläufig bevorstehende Entwicklung. Er warnt vielmehr vor einer politischen Dynamik, in der Gegner nicht mehr als demokratische Konkurrenten, sondern zunehmend als existenzielle Bedrohung wahrgenommen werden.
Die entscheidende Gefahr besteht darin, dass gewaltsame Auseinandersetzungen gesellschaftlich akzeptabler werden könnten.
Macron steht vor einer schweren Bewährungsprobe
Für Präsident Emmanuel Macron verschärfen die Ausschreitungen eine bereits schwierige politische Lage.
Seine Präsidentschaft war ursprünglich mit dem Versprechen verbunden, Frankreich gesellschaftlich zu versöhnen und traditionelle politische Gegensätze zu überwinden.
Die gegenwärtigen Spannungen zeigen jedoch, wie weit das Land von diesem Anspruch entfernt ist.
Kritiker werfen Macron vor, keine überzeugende Antwort auf die wirtschaftlichen und sozialen Probleme großer Bevölkerungsteile gefunden zu haben.
Andere sehen die Ursache der Krise vor allem in einem Verlust staatlicher Autorität und fordern ein konsequenteres Vorgehen gegen gewalttätige Demonstranten.
Dem steht die Sorge gegenüber, dass eine weitere Verschärfung polizeilicher Maßnahmen die Spannungen zusätzlich verstärken könnte.
Die Regierung muss deshalb zwei Anforderungen miteinander verbinden: den Schutz der öffentlichen Ordnung und die Wahrung des demokratischen Rechts auf friedlichen Protest.
Frankreichs Krise betrifft auch Europa
Die Entwicklung in Frankreich ist nicht nur eine nationale Angelegenheit.
Als eine der größten Volkswirtschaften Europas und zentraler Partner Deutschlands spielt Frankreich eine entscheidende Rolle innerhalb der Europäischen Union.
Anhaltende politische Instabilität könnte die Handlungsfähigkeit der französischen Regierung erheblich beeinträchtigen und damit auch Auswirkungen auf gemeinsame europäische Vorhaben haben.
Gerade für Deutschland ist eine verlässliche Zusammenarbeit mit Paris von großer Bedeutung. Fragen der europäischen Verteidigung, der Wirtschaftspolitik und der gemeinsamen Außenpolitik sind eng mit der Stabilität beider Länder verbunden.
Deshalb werden die aktuellen Ausschreitungen auch außerhalb Frankreichs aufmerksam verfolgt.
Die entscheidende Frage ist das Vertrauen in die Republik
Frankreich verfügt weiterhin über funktionierende staatliche Institutionen, gewählte politische Vertreter und eine handlungsfähige Verwaltung. Von einem tatsächlichen Zusammenbruch des Staates kann deshalb nicht gesprochen werden.
Doch die gesellschaftliche Wahrnehmung kann sich erheblich von der institutionellen Wirklichkeit unterscheiden.
Wenn größere Teile der Bevölkerung staatlichen Einrichtungen misstrauen, politische Gegner zunehmend als Feinde betrachten und gewaltsame Protestformen an Akzeptanz gewinnen, entsteht eine gefährliche Entwicklung.
Gilles Kepels Warnung zielt auf genau diesen Unterschied zwischen dem formalen Fortbestand der Republik und ihrer gesellschaftlichen Bindungskraft.
Für Frankreich wird deshalb nicht allein entscheidend sein, ob die Sicherheitskräfte weitere Ausschreitungen verhindern können. Die weitaus schwierigere Aufgabe besteht darin, das Vertrauen in die demokratischen Institutionen zurückzugewinnen und eine weitere Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung zu verhindern.