Erfurt. Busse und andere öffentliche Fahrzeuge, die ohne Fahrer unterwegs sind, könnten in Thüringen künftig zum Alltag gehören. Die Landesregierung will das autonome Fahren voranbringen und Thüringen zu einer Modellregion für selbstfahrende Fahrzeuge im öffentlichen Nahverkehr entwickeln. Verkehrs- und Infrastrukturminister Steffen Schütz warb dafür am Freitag, 9. Oktober 2026, im Thüringer Landtag. Besonders Menschen im ländlichen Raum sollen von der neuen Technologie profitieren.

Selbstfahrende Fahrzeuge sollen Lücken im Nahverkehr schließen

Viele ländliche Regionen Thüringens stehen vor einem Problem: Busse fahren selten, manche Ortschaften sind außerhalb der Schulzeiten nur eingeschränkt an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Wer kein eigenes Auto besitzt, ist dadurch häufig auf Angehörige, Nachbarn oder andere Fahrgelegenheiten angewiesen.

Genau hier sieht Verkehrsminister Steffen Schütz eine Chance für autonome Fahrzeuge. Selbstfahrende Angebote könnten bestehende Bus- und Bahnverbindungen ergänzen und neue Möglichkeiten schaffen, kleinere Orte besser an das Verkehrsnetz anzubinden.

„Thüringen hat nicht nur den Bedarf, wir haben auch die besten Voraussetzungen, Vorreiter zu sein“, erklärte Schütz im Landtag.

Sein Ziel sei es, den Übergang von einzelnen technischen Versuchen zu einem regulären Verkehrsangebot zu schaffen.

Die Technologie soll damit nicht länger nur auf abgeschlossenen Teststrecken oder in zeitlich begrenzten Pilotprojekten eingesetzt werden, sondern perspektivisch Teil des alltäglichen öffentlichen Verkehrs werden.

Mehr Mobilität für Senioren und Menschen ohne eigenes Auto

Die Landesregierung verbindet mit dem Vorhaben nicht nur technische und wirtschaftliche Erwartungen, sondern auch gesellschaftspolitische Ziele.

Gerade ältere Menschen, die nicht mehr selbst Auto fahren können oder möchten, sind außerhalb größerer Städte oft auf Unterstützung angewiesen. Gleiches gilt für Jugendliche und andere Menschen ohne eigenes Fahrzeug.

Autonome Fahrangebote könnten ihnen künftig mehr Selbstständigkeit ermöglichen.

„Autonomes Fahren ist deshalb auch eine Frage gleichwertiger Lebensverhältnisse“, betonte Schütz.

Die Idee dahinter: Auch Menschen in kleineren Gemeinden sollen die Möglichkeit erhalten, zuverlässig Arztpraxen, Einkaufsmöglichkeiten, Arbeitsplätze oder Bahnhöfe zu erreichen.

Ob und in welchem Umfang solche Angebote tatsächlich eingerichtet werden können, hängt allerdings von der technischen Umsetzung, den Kosten und einer geeigneten Infrastruktur ab.

Thüringen setzt auf Forschung aus Ilmenau und Weimar

Bei der Entwicklung autonomer Verkehrssysteme will Thüringen auf bereits vorhandene Forschungs- und Wirtschaftsstrukturen zurückgreifen.

Eine zentrale Rolle spielt das Thüringer Innovationszentrum Mobilität in Ilmenau. Hinzu kommt der European Digital Innovation Hub in Weimar.

Beide Einrichtungen sollen mit ihrer wissenschaftlichen und technologischen Kompetenz dazu beitragen, selbstfahrende Fahrzeuge in den praktischen Betrieb zu bringen.

Darüber hinaus verfügt Thüringen nach Angaben des Ministeriums über Unternehmen aus der Automobilindustrie sowie aus den Bereichen Sensorik und Softwareentwicklung.

Für die Landesregierung bietet das Projekt deshalb nicht nur Chancen für den öffentlichen Nahverkehr, sondern auch für den Wirtschafts- und Forschungsstandort Thüringen.

Neue technische Lösungen könnten im Freistaat entwickelt, erprobt und später auch außerhalb Thüringens eingesetzt werden.

Erste Fahrzeuge könnten in den nächsten Jahren fahren

Ein Konzept für eine Thüringer Modellregion liegt nach Angaben des Ministeriums bereits vor.

Das Thüringer Innovationszentrum Mobilität hat es gemeinsam mit zahlreichen Partnern und in enger Abstimmung mit dem Infrastrukturministerium erarbeitet.

Es beschreibt, wie aus einzelnen Versuchsprojekten langfristig ein umfassenderes Angebot für den öffentlichen Verkehr entstehen könnte.

Nach derzeitigem Planungsstand könnten die ersten autonomen Fahrzeuge in den kommenden Jahren für den regulären Einsatz in Thüringen zugelassen werden.

Einen konkreten Termin für den Start, verbindlich festgelegte Strecken oder eine Zahl geplanter Fahrzeuge nennt das Ministerium bislang nicht.

Auch ist noch offen, welche Kommunen zuerst beteiligt werden und wie die künftigen Angebote finanziert werden sollen.

Ohne Leitstellen und technische Aufsicht geht es nicht

Eine wesentliche Voraussetzung für den Einsatz autonomer Fahrzeuge ist eine geeignete technische Infrastruktur.

Selbstfahrende Busse benötigen nicht nur Sensoren, Kameras und leistungsfähige Software. Für ihren Betrieb sind auch technische Aufsichtssysteme erforderlich, mit denen die Fahrzeuge überwacht und bei Bedarf entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden können.

Das Thüringer Infrastrukturministerium verweist deshalb auf den notwendigen Aufbau moderner Leitstellen.

Diese Infrastruktur dürfte erhebliche Investitionen erfordern. Das Land setzt sich daher auf Bundes- und europäischer Ebene für geeignete Fördermöglichkeiten und finanzielle Unterstützung ein.

Minister Schütz sieht darin dennoch eine langfristige Investition in die Zukunft des Freistaats.

Große Pläne, aber Finanzierung und Zeitplan noch offen

Ob Thüringen tatsächlich zum Vorreiter beim autonomen Nahverkehr wird, dürfte sich vor allem an der praktischen Umsetzung entscheiden.

Einzelne Testfahrzeuge allein verbessern noch keine Verkehrsverbindung. Entscheidend wird sein, ob autonome Angebote dauerhaft, zuverlässig und zu vertretbaren Kosten betrieben werden können.

Auch Fragen der Verkehrssicherheit, technischen Überwachung und Einbindung in bestehende Fahrpläne müssen geklärt werden.

Für die Menschen in ländlichen Regionen zählt am Ende weniger, ob ein Fahrzeug autonom fährt, sondern ob es tatsächlich dann zur Verfügung steht, wenn es gebraucht wird.

Der politische Vorstoß aus Erfurt markiert damit zunächst einen weiteren Schritt auf dem Weg zu einem möglichen neuen Verkehrskonzept. Bis selbstfahrende Fahrzeuge zum regulären Straßenbild Thüringens gehören, sind noch wesentliche technische, organisatorische und finanzielle Fragen zu beantworten.