Die SPD steckt in einem schweren innerparteilichen Konflikt. Während die Berliner Sozialdemokraten eine Regierungskoalition mit der Linkspartei und den Grünen anstreben, wächst der Widerstand aus der Bundestagsfraktion. Gleichzeitig belasten Reformstreitigkeiten die Zusammenarbeit mit Bundeskanzler Friedrich Merz und der Union. Nach dem Rücktritt von Bärbel Bas aus der Parteispitze steht die SPD vor der Frage, welchen politischen Kurs sie künftig verfolgen will.
Berlin wird zum Schauplatz des Richtungsstreits
Ausgangspunkt der aktuellen Auseinandersetzung ist die Regierungsbildung in Berlin. Nach der Abgeordnetenhauswahl vom September 2026 verhandeln die Parteien über eine neue Regierungsmehrheit.
Der Berliner SPD-Landesvorstand hat sich am 19. Oktober mit deutlicher Mehrheit dafür ausgesprochen, Koalitionsverhandlungen mit der Linkspartei und den Grünen aufzunehmen. 26 Vorstandsmitglieder stimmten zu, drei lehnten den Schritt ab.
Die Grünen gaben ebenfalls grünes Licht. Die Berliner Linke will auf einem Parteitag am 31. Oktober über die Aufnahme der Koalitionsverhandlungen entscheiden.
Damit ist eine neue rot-rot-grüne Landesregierung möglich, aber noch keineswegs beschlossen.
Für den Berliner SPD-Landesvorsitzenden Steffen Krach geht es darum, die Sozialdemokraten an einer neuen Regierung zu beteiligen und zentrale politische Vorhaben umzusetzen.
Doch der eingeschlagene Weg ist innerhalb der eigenen Partei umstritten.
Bundestagsabgeordnete warnen vor Zusammenarbeit mit der Linken
Besonders deutliche Kritik kommt aus der SPD-Bundestagsfraktion.
Eine Gruppe sozialdemokratischer Abgeordneter hat sich öffentlich gegen die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit der Berliner Linkspartei ausgesprochen.
Die Parlamentarier verweisen insbesondere auf Antisemitismusvorwürfe und auf umstrittene Vorgänge im Umfeld der Berliner Linken. Aus ihrer Sicht bestehen erhebliche Zweifel an der politischen Verlässlichkeit des möglichen Koalitionspartners.
Dabei geht es nicht allein um unterschiedliche Positionen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Auch Fragen der inneren Sicherheit, der außenpolitischen Orientierung und des Umgangs mit extremistischen Strömungen spielen eine Rolle.
SPD-Fraktionschef Matthias Miersch äußerte ebenfalls erhebliche Zweifel an einer Zusammenarbeit.
Der sozialdemokratische Innenpolitiker Sebastian Fiedler sprach sich gegen eine Koalition aus, solange die von ihm angesprochenen Probleme nicht geklärt seien.
Die Kritik richtet sich damit nicht gegen parlamentarische Zusammenarbeit mit der Linkspartei im Allgemeinen, sondern konkret gegen die Verhältnisse und politischen Positionen innerhalb des Berliner Landesverbandes.
Die Befürworter eines rot-rot-grünen Bündnisses verweisen dagegen auf die Möglichkeit, die umstrittenen Fragen in verbindlichen Koalitionsvereinbarungen zu regeln.
Berliner SPD pocht auf ihre Eigenständigkeit
Die Berliner Landespartei beansprucht das Recht, selbst über ihre möglichen Koalitionspartner zu entscheiden.
Unterstützung erhält sie dabei von SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf. Er betonte, dass die Berliner Sozialdemokraten ihre Entscheidungen eigenverantwortlich treffen könnten.
Auch innerhalb der Partei gibt es Stimmen, die Verhandlungen mit der Linken ausdrücklich befürworten.
Juso-Chef Philipp Türmer sprach sich dafür aus, die Möglichkeit einer gemeinsamen Regierung ernsthaft zu prüfen.
Damit stehen sich innerhalb der SPD unterschiedliche Auffassungen darüber gegenüber, wie weit die Zusammenarbeit mit Parteien links der politischen Mitte gehen sollte.
Ein Teil der Partei sieht darin eine Chance, sozialdemokratische Vorhaben in der Wohnungs-, Bildungs- und Sozialpolitik umzusetzen.
Andere befürchten, dass ein solches Bündnis grundlegende politische Konflikte verschärfen und die Glaubwürdigkeit der SPD beeinträchtigen könnte.
Wohnungsfrage verschärft die Spannungen
Besonders konfliktträchtig ist die Berliner Wohnungspolitik.
Die Linkspartei setzt sich für die Vergesellschaftung großer privater Wohnungsunternehmen ein. Grundlage der Debatte ist unter anderem der Berliner Volksentscheid von 2021, bei dem sich eine Mehrheit der Abstimmenden für die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände ausgesprochen hatte.
Allerdings bestehen erhebliche rechtliche, wirtschaftliche und politische Streitfragen über die konkrete Umsetzung.
Innerhalb der SPD gehen die Auffassungen dazu auseinander.
Während Teile der Berliner Sozialdemokraten Möglichkeiten einer gesetzlichen Umsetzung prüfen wollen, gibt es auf Bundesebene erhebliche Vorbehalte gegen solche Eingriffe in private Eigentumsrechte.
Hinzu kommt, dass die schwarz-rote Bundesregierung mit der Union eine andere wohnungs- und eigentumspolitische Ausrichtung verfolgt.
Ein Berliner Regierungsbündnis könnte die SPD deshalb in die Lage bringen, auf Landesebene Vorhaben zu unterstützen, die von ihrem Koalitionspartner im Bund abgelehnt werden.
Streit über Bundeswehr an Berliner Schulen
Auch die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Bundeswehr sorgt für Auseinandersetzungen.
In den Berliner Sondierungen wurde über die künftige Kooperation der Bildungsverwaltung mit der Bundeswehr diskutiert.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius, selbst SPD-Mitglied, kritisierte Pläne, eine erst im Juni vereinbarte Zusammenarbeit wieder zu beenden.
Dabei geht es unter anderem um Besuche von Jugendoffizieren an Schulen, die über Sicherheitspolitik und die Aufgaben der Bundeswehr informieren.
Die Linkspartei steht solchen Angeboten kritisch gegenüber. Sie befürchtet eine zu starke Präsenz militärischer Einrichtungen im Bildungsbereich.
Pistorius hält die sicherheitspolitische Information junger Menschen dagegen für wichtig.
Damit zeigt sich, dass der Berliner Koalitionsstreit auch grundlegende Fragen der Verteidigungs- und Bildungspolitik berührt.
Rücktritt von Bärbel Bas belastet die Bundes-SPD
Die Auseinandersetzung fällt in eine ohnehin schwierige Phase für die Sozialdemokraten.
Am 12. Oktober wurde der Rücktritt von Bärbel Bas als Bundesarbeitsministerin und SPD-Co-Vorsitzende bekannt. Der Schritt erfolgte vor dem Hintergrund anhaltender Konflikte über den sozialpolitischen Reformkurs der Bundesregierung.
Zu den besonders umstrittenen Bereichen gehören Rente, Pflege, Arbeitsmarkt und die Finanzierung staatlicher Leistungen.
Bas hatte innerhalb der Partei für eine starke sozialpolitische Ausrichtung gestanden.
Mit ihrem Rückzug ist die Führungsfrage erneut aufgebrochen. Im Januar 2027 soll die SPD über ihre künftige Parteispitze entscheiden.
Für den verbliebenen Vorsitzenden Lars Klingbeil bedeutet dies zusätzlichen Druck. Er muss sowohl die Zusammenarbeit mit der Union organisieren als auch unterschiedliche politische Strömungen innerhalb der SPD zusammenhalten.
Schwieriges Verhältnis zur Union
Im Bund regiert die SPD weiterhin mit CDU und CSU unter Bundeskanzler Friedrich Merz.
Die Zusammenarbeit ist jedoch von erheblichen Meinungsverschiedenheiten geprägt.
Besonders deutlich wurden diese zuletzt bei der geplanten Pflegereform.
Die Union drängt angesichts steigender Kosten auf strukturelle Veränderungen und eine finanzielle Stabilisierung der Pflegeversicherung.
Innerhalb der SPD gibt es dagegen erheblichen Widerstand gegen mögliche Leistungskürzungen. Die Partei fordert unter anderem, Privatversicherte stärker an der Finanzierung zu beteiligen.
Auch bei der Rentenpolitik, steuerlichen Entlastungen und dem Bundeshaushalt 2027 bestehen unterschiedliche Vorstellungen.
Nach den Landtagswahlen vom September hat sich der politische Druck auf beide Koalitionspartner weiter erhöht.
Die SPD steht dabei vor einem besonderen Problem: Sie muss Regierungsverantwortung für gemeinsam beschlossene Maßnahmen übernehmen und zugleich ihr eigenständiges sozialpolitisches Profil erhalten.
Mecklenburg-Vorpommern zeigt einen anderen Weg
Während in Berlin noch um die Regierungsbildung gerungen wird, setzt die SPD in Mecklenburg-Vorpommern auf eine Zusammenarbeit mit Parteien links der politischen Mitte.
Ministerpräsidentin Manuela Schwesig führt dort Gespräche über eine Regierungskoalition mit der Linkspartei und den Grünen.
Damit stehen innerhalb der SPD unterschiedliche politische Bündnismodelle nebeneinander.
Auf Bundesebene arbeitet die Partei mit den Unionsparteien zusammen, während in ostdeutschen Bundesländern Regierungsmehrheiten mit der Linkspartei angestrebt werden.
Solche unterschiedlichen Koalitionen sind im deutschen Föderalismus grundsätzlich möglich. Sie verlangen jedoch von den beteiligten Parteien, gemeinsame politische Positionen und regionale Besonderheiten miteinander in Einklang zu bringen.
Gerade bei bundespolitischen Themen wie Verteidigung, Sozialstaat und Wirtschaftspolitik können daraus erhebliche Spannungen entstehen.
SPD muss über ihren künftigen Kurs entscheiden
Der aktuelle Konflikt reicht über die Berliner Regierungsbildung hinaus.
Er berührt die grundsätzliche Frage, welche Rolle die Sozialdemokratie im deutschen Parteiensystem künftig einnehmen will.
Soll sie ihre Zusammenarbeit mit der politischen Mitte und der Union stärker betonen oder sich verstärkt für Bündnisse mit Grünen und Linkspartei öffnen?
Beide Möglichkeiten werden innerhalb der SPD diskutiert. Die Auseinandersetzung betrifft dabei nicht nur potenzielle Koalitionspartner, sondern auch politische Inhalte und das Selbstverständnis der Partei.
Kurzfristig stehen mehrere Entscheidungen an.
Am 31. Oktober soll die Berliner Linke über mögliche Koalitionsverhandlungen entscheiden. Im Januar 2027 folgt die Klärung der SPD-Führungsfrage.
Parallel müssen die Sozialdemokraten im Bund mit der Union Lösungen für die umstrittenen Reformvorhaben finden.
Ein Bruch der Bundesregierung ist bislang nicht beschlossen oder angekündigt.
Dennoch verdeutlichen die Auseinandersetzungen, wie schwierig es für die SPD geworden ist, Regierungsverantwortung, regionale Bündnisinteressen und ein gemeinsames politisches Profil miteinander zu verbinden.