Berlin. Die mögliche rot-grün-rote Landesregierung in Berlin sorgt mit einem umstrittenen Vorhaben für heftigen Streit bis in die Bundesregierung. Linke, SPD und Grüne wollen die Zusammenarbeit zwischen Berliner Schulen und der Bundeswehr beenden. Eine erst im Juni geschlossene Kooperationsvereinbarung soll wieder aufgekündigt werden. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) reagiert mit deutlicher Kritik und stellt sich damit gegen die Pläne seines eigenen Berliner Landesverbandes. Der Konflikt wirft eine grundsätzliche Frage auf: Welche Rolle soll die Bundeswehr angesichts der angespannten Sicherheitslage Europas im Schulunterricht spielen?
Rot-Grün-Rot will Kooperationsvereinbarung kündigen
Im gemeinsamen Sondierungspapier von Linken, SPD und Grünen findet sich eine Forderung, die bundesweit für Diskussionen sorgt.
Die erst wenige Monate alte Kooperationsvereinbarung zwischen der Berliner Bildungsverwaltung und der Bundeswehr soll beendet werden.
Unterzeichnet wurde diese Vereinbarung am 8. Juni 2026 von Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU), Brigadegeneral Horst Busch und Major Sebastian Nothing.
Sie regelt die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Jugendoffizieren der Bundeswehr. Diese können auf Einladung der Schulen ab der neunten Klassenstufe sowie an beruflichen Schulen über internationale Sicherheitspolitik informieren.
Zum Angebot gehören Vorträge, Diskussionsveranstaltungen und Planspiele. Außerdem sieht die Vereinbarung die Beteiligung von Jugendoffizieren an der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften vor.
Die mögliche neue Landesregierung möchte diese institutionalisierte Zusammenarbeit beenden.
Ein generelles gesetzliches Verbot sämtlicher Bundeswehrbesuche an Schulen ist damit allerdings nicht automatisch verbunden.
Pistorius kritisiert die Berliner Koalitionspläne
Besonders bemerkenswert ist die Reaktion von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius.
Der SPD-Politiker bezeichnete das Vorhaben als „völlig unverständlich“. Er warnte davor, die Kündigung der Vereinbarung als politisches Signal gegen die Bundeswehr zu verstehen.
Pistorius hält es für wichtig, dass junge Menschen Informationen über Sicherheits- und Verteidigungspolitik aus erster Hand erhalten.
Dabei verweist er auf die veränderte Sicherheitslage in Europa. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, hybride Bedrohungen und die wachsenden Anforderungen an die Landes- und Bündnisverteidigung hätten die Bedeutung sicherheitspolitischer Bildung erhöht.
Aus seiner Sicht dürfen Schulen vor diesen Entwicklungen nicht die Augen verschließen.
Mit seiner Kritik gerät Pistorius in direkten Gegensatz zu jenen Sozialdemokraten, die in Berlin eine gemeinsame Regierung mit Grünen und Linken anstreben.
Der Konflikt zeigt, dass die Vorstellungen über Verteidigungspolitik innerhalb der SPD erheblich auseinandergehen.
Die Linke spricht von Militarisierung der Schulen
Die Berliner Linkspartei lehnt die institutionalisierte Zusammenarbeit mit der Bundeswehr schon seit längerer Zeit ab.
Ihre bildungspolitische Sprecherin Franziska Brychcy hatte bereits bei der Unterzeichnung der Vereinbarung im Juni deutliche Kritik geäußert.
Nach Auffassung der Linken erhalten die Jugendoffiziere dadurch einen privilegierten Zugang zu Schülerinnen und Schülern.
Die Partei befürchtet, dass sicherheitspolitische Informationsveranstaltungen auch dazu beitragen könnten, junge Menschen für eine militärische Laufbahn zu gewinnen.
Dabei beruft sie sich auf den sogenannten Beutelsbacher Konsens. Dieser verpflichtet die politische Bildung unter anderem dazu, unterschiedliche Positionen angemessen darzustellen und Schülerinnen und Schüler nicht im Sinne einer bestimmten politischen Überzeugung zu überwältigen.
Die Linke argumentiert, Schulen müssten vor allem Frieden, internationale Verständigung und eine eigenständige politische Urteilsbildung fördern.
Aus ihrer Sicht sollte sicherheitspolitischer Unterricht deshalb nicht von Angehörigen einer militärischen Institution geprägt werden.
Jugendoffiziere sind keine gewöhnlichen Karriereberater
In der Debatte wird häufig übersehen, dass die Bundeswehr unterschiedliche Aufgabenbereiche im Kontakt mit jungen Menschen hat.
Jugendoffiziere beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit sicherheits- und verteidigungspolitischer Bildung. Dazu gehören internationale Konflikte, die NATO, europäische Sicherheit und die Rolle der Bundeswehr in einer Demokratie.
Die eigentliche Personalgewinnung ist dagegen Aufgabe der Karriereberatung.
Diese Unterscheidung bedeutet nicht, dass Jugendoffiziere vollkommen unabhängig von der Institution auftreten, der sie angehören. Sie sind Soldaten und vertreten eine staatliche Einrichtung mit einem klar definierten Auftrag.
Die Bundeswehr betont jedoch, dass ihre Bildungsangebote dem Beutelsbacher Konsens verpflichtet seien und Schülerinnen und Schüler zu einer eigenständigen Meinungsbildung befähigen sollten.
Ob und in welcher Form Angehörige der Bundeswehr am Unterricht teilnehmen, ist deshalb auch eine Frage der pädagogischen Verantwortung der jeweiligen Schule.
Wehrbeauftragter warnt vor falschem Signal
Kritik an den Berliner Plänen kommt auch vom Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, Henning Otte (CDU).
Er sieht in der beabsichtigten Aufkündigung der Zusammenarbeit eine sicherheitspolitische Fehleinschätzung.
Nach seiner Auffassung sollte sich eine demokratische Gesellschaft gerade in Zeiten wachsender internationaler Spannungen intensiv mit ihren Streitkräften und deren Aufgaben auseinandersetzen.
Otte fordert deshalb auch die Bundes-SPD auf, sich gegen das Berliner Vorhaben zu stellen.
Die Kontroverse reicht damit längst über die Berliner Bildungspolitik hinaus.
Sie berührt die Frage, welchen gesellschaftlichen Stellenwert die Bundeswehr künftig haben soll und wie staatliche Institutionen ihre Aufgaben gegenüber jungen Menschen erklären.
Krieg und Frieden gehören zur politischen Bildung
Unabhängig von der Entscheidung über die Kooperationsvereinbarung bleibt Sicherheitspolitik ein wichtiger Bestandteil schulischer Bildung.
Der Krieg in der Ukraine, militärische Konflikte im Nahen Osten, die Rolle der NATO und die Debatte über eine mögliche Ausweitung des Wehrdienstes betreffen die Zukunft junger Menschen unmittelbar.
Gerade deshalb müssen Schulen diese Themen sachlich und kontrovers behandeln.
Dabei stehen zwei unterschiedliche Argumente gegenüber.
Befürworter der Bundeswehrbesuche halten es für sinnvoll, dass Jugendoffiziere ihre Erfahrungen und die Aufgaben der Streitkräfte unmittelbar erläutern können.
Kritiker befürchten hingegen, dass die Perspektive einer militärischen Organisation im Unterricht zu viel Gewicht erhält. Sie sprechen sich für eine stärkere Einbindung ziviler Friedens- und Konfliktforschung aus.
Beide Fragen schließen sich nicht grundsätzlich aus. Sicherheitspolitische Bildung kann unterschiedliche Perspektiven einbeziehen, ohne militärische Gewalt zu verherrlichen oder die Notwendigkeit staatlicher Verteidigung grundsätzlich auszublenden.
Entscheidend ist, dass Schülerinnen und Schüler Informationen kritisch hinterfragen und sich eine eigene Meinung bilden können.
Berliner Streit hat bundespolitische Bedeutung
Auch auf Bundesebene setzt sich die Linke dafür ein, Jugendoffiziere aus dem Unterricht herauszuhalten.
Im März 2026 beriet der Bundestag erstmals einen entsprechenden Antrag der Linksfraktion. Darin verlangt die Partei unter anderem, die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Schulen zu beenden und stattdessen zivile Akteure der Friedensbildung und des Katastrophenschutzes stärker einzubeziehen.
Die Berliner Koalitionspläne greifen damit eine bereits bestehende bundespolitische Forderung auf.
Für SPD und Grüne entsteht eine schwierige Situation. Einerseits wollen sie gemeinsam mit der Linken eine neue Landesregierung bilden. Andererseits müssen sie erklären, weshalb Berlin eine Zusammenarbeit beenden soll, die der sozialdemokratische Bundesverteidigungsminister ausdrücklich verteidigt.
Noch ist die Aufkündigung allerdings nicht beschlossen. Sie ist Bestandteil eines Sondierungspapiers und müsste von einer künftigen Regierung tatsächlich umgesetzt werden.
Eine Grundsatzentscheidung über politische Bildung
Der Streit über die Bundeswehr an Berliner Schulen geht weit über einzelne Unterrichtsbesuche hinaus.
Er betrifft das Verhältnis zwischen Schule, Staat und Streitkräften sowie den Umgang mit sicherheitspolitischen Fragen in einer Demokratie.
Die Bundeswehr ist eine parlamentarisch kontrollierte Institution, deren Auftrag im Grundgesetz verankert ist. Gleichzeitig müssen Schulen ein Raum bleiben, in dem politische Positionen kritisch und ohne einseitige Beeinflussung diskutiert werden können.
Ob die Kündigung einer Kooperationsvereinbarung dieses Ziel stärkt oder den Zugang zu wichtigen sicherheitspolitischen Informationen erschwert, ist politisch umstritten.
Für die mögliche Berliner Landesregierung wird der Umgang mit der Bundeswehr damit zu einer frühen Bewährungsprobe. Denn die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, Krieg und militärische Konflikte aus dem Klassenzimmer zu verbannen, sondern junge Menschen zu befähigen, deren Ursachen, Folgen und politische Entscheidungen selbstständig zu beurteilen.