Berlin. Vor 65 Jahren schlossen die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei ein Abkommen, das die deutsche Gesellschaft nachhaltig verändern sollte. Hunderttausende Menschen kamen in den folgenden Jahren aus der Türkei, um in deutschen Betrieben zu arbeiten. Viele blieben dauerhaft, gründeten Familien und machten Deutschland zu ihrer Heimat. Am Dienstag, dem 20. Oktober 2026, wird Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei einem Festakt in Berlin die Lebensleistung dieser Einwanderungsgeneration würdigen.
Ein Abkommen verändert die Bundesrepublik
Am 30. Oktober 1961 unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen für türkische Arbeitskräfte.
Die westdeutsche Wirtschaft befand sich damals in einer Wachstumsphase. Zahlreiche Industriebetriebe benötigten zusätzliche Beschäftigte.
Viele der angeworbenen Menschen arbeiteten in Fabriken, im Bergbau und in der Automobilindustrie.
Gedacht war ursprünglich an eine zeitlich begrenzte Beschäftigung. Doch zahlreiche Menschen entschieden sich, dauerhaft in Deutschland zu bleiben.
Aus Arbeitsmigration wurde ein dauerhaftes Zuhause
Familienangehörige zogen nach, Kinder wurden geboren und neue gesellschaftliche Strukturen entstanden.
Die ehemalige Arbeitsmigration veränderte nicht nur die Betriebe, sondern auch das Alltagsleben in deutschen Städten.
Neue Geschäfte, Vereine, kulturelle Einrichtungen und religiöse Gemeinschaften entstanden.
Heute gehören Menschen mit familiären Wurzeln in der Türkei zum öffentlichen Leben Deutschlands: in Unternehmen, Hochschulen, Wissenschaft, Politik, Kultur und Sport.
Merz spricht beim Festakt in Berlin
Bundeskanzler Friedrich Merz wird am Dienstagnachmittag bei einer Jubiläumsveranstaltung in Berlin-Mitte erwartet.
Nach Angaben der Bundesregierung soll der Kanzler gegen 16 Uhr an dem Festakt teilnehmen und eine Rede halten.
Dabei steht insbesondere die wirtschaftliche und gesellschaftliche Leistung der Menschen im Mittelpunkt, die seit den 1960er-Jahren aus der Türkei nach Deutschland kamen.
Integration war keineswegs selbstverständlich
Die Geschichte des Anwerbeabkommens ist allerdings nicht nur eine Erfolgsgeschichte.
Viele der ersten Arbeitsmigranten lebten zunächst unter schwierigen Bedingungen.
Sprachbarrieren, beengte Unterkünfte und körperlich belastende Arbeitsplätze gehörten für zahlreiche Menschen zum Alltag.
Hinzu kamen Diskriminierung, soziale Ausgrenzung und die Unsicherheit über einen dauerhaften Aufenthalt.
Die staatliche Politik ging lange davon aus, dass die Beschäftigten nur vorübergehend bleiben würden.
Entsprechend spät entstanden umfassendere Konzepte für Integration und gesellschaftliche Teilhabe.
Unterschiedliche Erfahrungen in Ost und West
Der Jahrestag bietet auch einen Anlass, die unterschiedlichen Migrationsgeschichten in Ost- und Westdeutschland zu betrachten.
Während die Bundesrepublik Anwerbeabkommen mit mehreren Staaten schloss, organisierte die DDR die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte über eigene zwischenstaatliche Vereinbarungen.
Zu den Herkunftsländern gehörten unter anderem Vietnam und Mosambik.
Die Arbeits- und Lebensbedingungen unterschieden sich erheblich von denen in der Bundesrepublik.
In der DDR waren ausländische Beschäftigte vielfach in gesonderten Unterkünften untergebracht. Ihr Aufenthalt war stark reglementiert.
Deutschland braucht erneut ausländische Fachkräfte
Das Jubiläum trifft auf eine aktuelle wirtschaftspolitische Debatte.
Deutschland steht in verschiedenen Branchen vor erheblichen Herausforderungen bei der Gewinnung qualifizierter Beschäftigter.
Dazu gehören insbesondere Pflege, Medizin, Handwerk und technische Berufe.
Bundesregierung und Unternehmen setzen deshalb auch auf Arbeitskräfte aus dem Ausland.
Aus den Erfahrungen früherer Einwanderungsgenerationen ergeben sich wichtige Aufgaben: Sprachförderung, Anerkennung beruflicher Qualifikationen, faire Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Teilhabe.
Der 65. Jahrestag erinnert damit nicht nur an die Vergangenheit, sondern wirft auch die Frage auf, wie Deutschland seine zukünftige Einwanderungs- und Arbeitsmarktpolitik gestalten will.