Der mongolische Staatspräsident Khurelsukh Ukhnaa hat am Donnerstag, 22. Oktober 2026, die Universität Leipzig besucht. Im Paulinum wurde er von Universitätsrektorin Prof. Dr. Eva Inés Obergfell empfangen und trug sich in das Goldene Buch der Hochschule ein. Höhepunkte des Besuchs waren die Enthüllung einer Gedenktafel für zwei bedeutende Wissenschaftler und die Unterzeichnung einer neuen Kooperationsvereinbarung. Künftig wollen deutsche und mongolische Forscher historische buddhistische Texte mithilfe künstlicher Intelligenz erschließen.

Staatspräsident wird im Paulinum empfangen

Der Besuch des mongolischen Staatsoberhauptes war Teil einer viertägigen Staatsreise durch Deutschland. Damit erwiderte Khurelsukh Ukhnaa den Staatsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Mongolei im Februar 2024.

Neben Leipzig stand auch Dresden auf dem Programm der Reise durch Sachsen.

Im Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli – empfing Rektorin Eva Inés Obergfell den Staatspräsidenten zu einem Festakt.

Dabei würdigte die Universität die historischen Wissenschaftsbeziehungen zwischen Leipzig und der Mongolei.

Diese reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Bereits 1882 wurde an der Universität Leipzig Mongolisch unterrichtet.

Gedenktafel erinnert an zwei bedeutende Gelehrte

Gemeinsam enthüllten der mongolische Staatspräsident und die Universitätsrektorin eine Gedenktafel zu Ehren des mongolischen Schriftstellers Dashdorj Natsagdorj und des Leipziger Sinologen und Mongolisten Erich Haenisch.

Anlass ist der 100. Jahrestag der Ankunft der ersten mongolischen Studierenden in Deutschland im Jahr 1926.

Natsagdorj gehörte zu dieser frühen Generation und gilt heute als einer der Begründer der modernen mongolischen Literatur.

Zwischen 1926 und 1929 lebte er in Deutschland und vertiefte in Leipzig seine wissenschaftlichen Studien bei Erich Haenisch.

Aus ihrer Zusammenarbeit ging unter anderem die Rekonstruktion eines bedeutenden historischen Werkes hervor.

Die nun enthüllte Gedenktafel wurde auf Initiative der mongolischen Botschaft geschaffen und in der Mongolei aus Bronze gefertigt.

Historisches Werk verbindet Leipzig und die Mongolei

Eine besondere Rolle in der gemeinsamen Wissenschaftsgeschichte spielt die „Geheime Geschichte der Mongolen“.

Die Chronik stammt aus dem 13. Jahrhundert und gehört zu den wichtigsten historischen Quellen zur Entstehung des Mongolischen Reiches.

Sie besitzt für das Geschichtsbewusstsein der Mongolei eine herausragende Bedeutung.

Natsagdorj und Haenisch beschäftigten sich mit der Rekonstruktion des mongolischen Textes anhand einer chinesischen Transkription.

1941 veröffentlichte Haenisch die erste deutsche Übersetzung des Werkes.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser historischen Überlieferung bildet nun einen Bezugspunkt für die geplante Zusammenarbeit beider Universitäten.

Künstliche Intelligenz soll historische Texte erschließen

Während des Staatsbesuchs unterzeichneten die Universität Leipzig und die Nationaluniversität der Mongolei eine Absichtserklärung zur weiteren wissenschaftlichen Zusammenarbeit.

Das sogenannte Memorandum of Understanding wurde von Rektorin Eva Inés Obergfell und dem Rektor der Nationaluniversität der Mongolei, Ochirkhuyag B., unterzeichnet.

Im Mittelpunkt steht der Aufbau eines deutsch-mongolischen Forschungsnetzwerks, das künstliche Intelligenz mit der wissenschaftlichen Untersuchung buddhistischer Texte verbindet.

Historische Sprach- und Textressourcen aus der Mongolei sollen künftig digital aufbereitet und wissenschaftlich erschlossen werden.

Anschließend sollen sie in die KI-gestützte Forschungsumgebung Dharmamitra eingebunden werden.

Diese Plattform unterstützt die wissenschaftliche Beschäftigung mit buddhistischen Texten.

Ein wesentliches Ziel der Kooperation besteht darin, die mongolische Sprache stärker in modernen KI-Anwendungen zu berücksichtigen.

Universität will internationale Forschung ausbauen

Die Leipziger Universitätsrektorin sieht in der Zusammenarbeit eine Verbindung zwischen der langen wissenschaftlichen Tradition und modernen Forschungsmethoden.

„Bereits 1882 wurde an der Universität Leipzig Mongolisch gelehrt“, erklärte Obergfell.

Die Zusammenarbeit zwischen Erich Haenisch und Dashdorj Natsagdorj zeige, welche Bedeutung der Austausch mit mongolischen Gelehrten für die Forschung gehabt habe.

Mit der neuen Kooperation wolle die Universität an diese Tradition anknüpfen.

Auf Leipziger Seite wird das Projekt am Institut für Indologie und Zentralasienwissenschaften unter Leitung von Prof. Dr. Jowita Kramer entwickelt.

Die geplante Arbeit verbindet historische Sprachwissenschaft, Religionsforschung und moderne Informationstechnologie.

Allerdings handelt es sich bei der unterzeichneten Vereinbarung zunächst um eine Absichtserklärung. Konkrete Projektlaufzeiten oder finanzielle Zusagen wurden in der Pressemitteilung nicht genannt.

Wissenschaftliche Konferenz begleitet den Staatsbesuch

Parallel zum Besuch des mongolischen Staatspräsidenten fand an der Universität Leipzig eine internationale Konferenz über Leben und Werk von Dashdorj Natsagdorj statt.

Wissenschaftler beschäftigten sich dabei mit seinem literarischen Schaffen und seiner historischen Bedeutung für die Mongolei.

Die Veranstaltung wurde im Alten Senatssaal ausgerichtet.

Begleitend präsentierte die Universitätsbibliothek Leipzig die deutschsprachige Erstausgabe der „Geheimen Geschichte der Mongolen“ aus ihrem Bestand.

Damit wurde auch die Bedeutung Leipzigs für die europäische Erforschung mongolischer Geschichte und Literatur hervorgehoben.

Leipzig ist seit Jahrzehnten Studienort für Mongolen

Die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Leipzig und der Mongolei reichen weit über die historische Zusammenarbeit einzelner Gelehrter hinaus.

Seit den 1950er-Jahren kamen mongolische Studierende zur sprachlichen Vorbereitung ihres Studiums nach Leipzig.

Die Universität entwickelte sich dadurch zu einem wichtigen Ort des akademischen Austauschs zwischen beiden Ländern.

Im Wintersemester 2026/27 sind 13 Studierende mit mongolischer Staatsangehörigkeit an der Universität Leipzig eingeschrieben, die dort einen Studienabschluss anstreben.

Darüber hinaus beteiligt sich die Hochschule an der internationalen Wissenschaftsvernetzung Sachsens.

Seit Juli 2024 besteht in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar ein sächsisches Wissenschaftsverbindungsbüro, das unter anderem über Studienmöglichkeiten informiert.

Neue Perspektiven für die deutsch-mongolische Zusammenarbeit

Mit dem Besuch von Staatspräsident Khurelsukh Ukhnaa und der Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung wollen beide Universitäten ihre wissenschaftlichen Beziehungen weiterentwickeln.

Im Mittelpunkt steht künftig die Verbindung historischer Textforschung mit modernen digitalen Verfahren.

Das Vorhaben könnte dazu beitragen, bislang schwer zugängliche mongolische Quellen besser für die internationale Forschung verfügbar zu machen.

Zugleich soll die mongolische Sprache in der Entwicklung KI-gestützter wissenschaftlicher Anwendungen stärker berücksichtigt werden.

Für Leipzig bedeutet die Vereinbarung eine Fortsetzung einer akademischen Beziehung, die bereits vor mehr als 140 Jahren begann.