Zwei Jahre nach Beginn der größten Protestbewegung der jüngeren serbischen Geschichte steht das Land vor einer richtungsweisenden Parlamentswahl. Am Sonntag, 25. Oktober 2026, entscheiden die Bürger über die Zusammensetzung des neuen Parlaments. Die regierende Serbische Fortschrittspartei (SNS) wird dabei von einer ungewöhnlichen politischen Bewegung herausgefordert: Studierende haben eine eigene Wahlliste mit 250 Kandidaten aufgestellt. Ihr Ziel ist es, die seit mehr als einem Jahrzehnt bestehende politische Vorherrschaft des bisherigen Präsidenten Aleksandar Vučić und seiner Partei zu beenden.

Hunderttausende demonstrieren vor der Wahl in Belgrad

Am Donnerstag, 22. Oktober, versammelten sich zahlreiche Menschen auf dem Slavija-Platz in Belgrad zur großen Abschlusskundgebung der studentisch geführten Protestbewegung.

Aus verschiedenen Teilen Serbiens waren Studierende und ihre Unterstützer in die Hauptstadt gekommen. Einige hatten bereits Tage zuvor längere Fußmärsche begonnen, um an der Kundgebung teilzunehmen.

Die Demonstration markiert einen wichtigen Moment in einer Bewegung, die seit November 2024 immer wieder Zehntausende Menschen mobilisiert hat.

Was ursprünglich als Protest gegen Korruption, staatliche Verantwortungslosigkeit und mangelnde Transparenz begann, entwickelte sich zu einer landesweiten politischen Bewegung.

Nun tritt sie erstmals mit einer eigenen Wahlliste bei einer Parlamentswahl an.

16 Tote lösten die Protestbewegung aus

Ausgangspunkt der Proteste war eine Katastrophe am Bahnhof von Novi Sad.

Am 1. November 2024 stürzte dort das Vordach des Bahnhofsgebäudes ein. Insgesamt 16 Menschen kamen ums Leben.

Der Bahnhof war zuvor umfangreich modernisiert worden.

Der Einsturz löste Fragen nach der Qualität der Bauarbeiten, der Vergabe öffentlicher Aufträge und der Verantwortung staatlicher Stellen aus.

Studierende forderten eine umfassende Aufklärung der Katastrophe sowie die Veröffentlichung relevanter Unterlagen.

Aus zunächst lokalen Protesten entstand eine landesweite Bewegung.

Universitäten wurden blockiert, Lehrveranstaltungen ausgesetzt und Straßen zeitweise gesperrt.

Auch Lehrer, Wissenschaftler, Juristen und Angehörige anderer Berufsgruppen unterstützten die Forderungen.

Die Kritik richtete sich zunehmend gegen das gesamte politische System und die Regierungsführung der SNS.

Eine Studentenliste ohne einen einzigen Studenten

Besonders ungewöhnlich ist die Zusammensetzung der neuen Wahlliste.

Unter dem Namen „Studentenliste – Studenten siegen“ treten 250 Kandidaten für die 250 Sitze im serbischen Parlament an.

Allerdings befindet sich unter den Kandidaten kein einziger Student.

Die Bewegung hat bewusst darauf verzichtet, ihre eigenen Aktivisten in den Mittelpunkt zu stellen.

Stattdessen nominierte sie Professoren, Ärzte, Lehrer, Wissenschaftler, Juristen, Ingenieure, Landwirte, Arbeiter und weitere Vertreter der Zivilgesellschaft.

Die Kandidaten wurden in einem mehrstufigen Verfahren ausgewählt, an dem Studierendenversammlungen verschiedener Universitäten beteiligt waren.

Die Fakultäten verfügten über Möglichkeiten, vorgeschlagene Bewerber abzulehnen.

Nach Angaben der Bewegung sollten dadurch Personen gefunden werden, die fachliche Erfahrung und gesellschaftliches Engagement mitbringen, ohne bereits Teil des etablierten politischen Systems zu sein.

Die Studentenliste verzichtet zudem auf eine einzelne Führungsfigur.

Das unterscheidet sie sowohl von der Regierungspartei als auch von vielen traditionellen Oppositionsbewegungen.

Vučić will als Ministerpräsident zurück an die Macht

Aleksandar Vučić hat die serbische Politik seit mehr als einem Jahrzehnt maßgeblich geprägt.

Zunächst war er Ministerpräsident, später Staatspräsident.

Seine politische Macht stützte sich auf die Serbische Fortschrittspartei, die über umfangreiche Strukturen in Regierung, Verwaltung und Kommunen verfügt.

Am 27. September 2026 erklärte Vučić seinen Rücktritt vom Präsidentenamt.

Bereits zuvor hatte er vorgezogene Parlamentswahlen für den 25. Oktober angesetzt.

Der Rücktritt bedeutete allerdings keinen vollständigen Rückzug aus der Politik.

Vučić führt nun die Wahlliste seiner Partei an und strebt das Amt des Ministerpräsidenten an.

Damit steht die Wahl auch für einen Konflikt zwischen zwei sehr unterschiedlichen politischen Organisationsformen.

Auf der einen Seite steht eine etablierte Partei mit langjähriger Regierungserfahrung und einer starken Führungspersönlichkeit.

Auf der anderen Seite tritt eine dezentrale Bewegung an, deren Kandidaten überwiegend nicht aus der Berufspolitik stammen.

Berichte über Einschüchterung und Gewalt

Der Wahlkampf wird von schweren Vorwürfen gegen staatliche Sicherheitsbehörden und regierungsnahe Strukturen begleitet.

Nach Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters berichten Aktivisten über körperliche Angriffe, Drohungen und Versuche, oppositionelle Veranstaltungen zu behindern.

Auch Journalisten und Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Jahren die Bedingungen für unabhängige Berichterstattung in Serbien.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Eigentumsverhältnisse und die politische Ausrichtung großer Medienunternehmen.

Regierungskritiker werfen der SNS vor, durch ihre Nähe zu staatlichen Institutionen und wichtigen Medienhäusern über erhebliche Vorteile im politischen Wettbewerb zu verfügen.

Zudem gibt es dokumentierte Fälle des Einsatzes von Überwachungstechnologie gegen Aktivisten.

Die serbische Regierung weist Vorwürfe systematischer politischer Repression zurück und betont, Sicherheitsmaßnahmen dienten der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung.

Die unterschiedlichen Angaben und Anschuldigungen müssen im jeweiligen Einzelfall geprüft werden.

Sechs Festnahmen kurz vor dem Wahltermin

Die angespannte Lage wurde am Mittwoch, 21. Oktober, durch mehrere Festnahmen zusätzlich verschärft.

Nach Angaben serbischer Ermittlungsbehörden wurden sechs Menschen wegen des Verdachts festgenommen, gewaltsame Auseinandersetzungen am Wahltag vorbereitet zu haben.

Fünf Verdächtige wurden in Novi Sad aufgegriffen, eine weitere Person in Belgrad.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Beschuldigten unter anderem vor, Unterstützer für gewaltsame Aktionen gegen staatliche Einrichtungen und politische Gegner mobilisiert zu haben.

Ob die Vorwürfe zutreffen, ist bislang nicht gerichtlich festgestellt.

Die Festnahmen erfolgen in einer Situation, in der sowohl Regierung als auch Opposition vor möglichen Unregelmäßigkeiten und Auseinandersetzungen warnen.

Entscheidung über die politische Zukunft Serbiens

Bei der Parlamentswahl am Sonntag werden sämtliche 250 Abgeordneten des serbischen Parlaments neu gewählt.

Für die Vergabe der regulären Parlamentsmandate gilt grundsätzlich eine Sperrklausel von drei Prozent. Für bestimmte Minderheitenlisten bestehen Sonderregelungen.

Neben der SNS und der Studentenliste treten weitere Parteien und politische Gruppierungen an.

Einige traditionelle Oppositionsparteien unterstützen die studentische Bewegung und verzichten auf eine eigene Kandidatur.

Andere treten unabhängig an.

Die Studentenliste fordert unter anderem eine wirksamere Bekämpfung von Korruption, unabhängige staatliche Institutionen und eine umfassende Aufarbeitung politischer Missstände.

Die SNS betont dagegen ihre Regierungsbilanz, wirtschaftliche Entwicklung und politische Stabilität.

Welche Partei oder Parteien nach der Wahl eine parlamentarische Mehrheit bilden können, wird erst das Wahlergebnis zeigen.

Zwischen Europäischer Union, Russland und China

Die politische Entwicklung Serbiens besitzt auch internationale Bedeutung.

Das Land ist seit 2012 offizieller Beitrittskandidat der Europäischen Union.

Gleichzeitig unterhält Belgrad enge Beziehungen zu Russland und China.

Insbesondere in der Energieversorgung, bei Infrastrukturprojekten und in der Außenpolitik spielen diese Beziehungen eine wichtige Rolle.

Hinzu kommt der ungelöste Konflikt um Kosovo, dessen Unabhängigkeit Serbien weiterhin nicht anerkennt.

Die Europäische Union fordert seit Jahren Reformen beim Rechtsstaat, der Medienfreiheit und der Bekämpfung von Korruption.

Die politische Ausrichtung einer künftigen serbischen Regierung dürfte deshalb auch Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Belgrad und Brüssel haben.

Dabei ist nicht davon auszugehen, dass sämtliche Angehörige der Studentenbewegung in außenpolitischen Fragen dieselben Positionen vertreten.

Ihr gemeinsames politisches Projekt konzentriert sich bislang vor allem auf innenpolitische Reformen und die Veränderung bestehender Machtstrukturen.

Sorge um die Anerkennung des Wahlergebnisses

Internationale Beobachter und zivilgesellschaftliche Organisationen richten ihren Blick besonders auf die Bedingungen der Abstimmung.

Im Mittelpunkt stehen der Zugang zu Medien, mögliche Einschüchterungen von Wählern, die Arbeit der Wahlbehörden und die korrekte Auszählung der Stimmen.

Die studentische Bewegung bereitet sich nach Medienberichten darauf vor, die Abstimmung durch eigene Beobachter zu begleiten.

Angesichts der tiefen politischen Gegensätze besteht die Sorge, dass ein knappes oder umstrittenes Ergebnis neue Demonstrationen auslösen könnte.

Ob es tatsächlich zu solchen Entwicklungen kommt, ist offen.

Wahl am Sonntag wird zum Test für Serbiens Institutionen

Fast zwei Jahre nach der Bahnhofskatastrophe von Novi Sad hat sich die studentische Protestbewegung von einer außerparlamentarischen Initiative zu einem eigenständigen politischen Akteur entwickelt.

Die vorgezogene Parlamentswahl am 25. Oktober wird zeigen, wie groß ihre Unterstützung an den Wahlurnen tatsächlich ist.

Für die Regierungspartei geht es um die Fortsetzung ihrer politischen Verantwortung. Für die studentisch unterstützten Kandidaten steht die Möglichkeit im Mittelpunkt, die bestehenden Machtverhältnisse auf parlamentarischem Weg zu verändern.

Unabhängig vom Ausgang dürfte die Frage entscheidend bleiben, ob die serbischen Institutionen eine transparente Abstimmung gewährleisten und ein demokratisch zustande gekommenes Wahlergebnis anerkannt wird.